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Troja 1873. Ansicht der Grabungsarbeiten in Troja nach Heinrich Schliemanns eigenem Bericht von 1881. An der Höhe der Wände kann man ermessen, wie tief Schliemann in den Hügel vorgedrungen ist. Foto: Museum für Vor- und Frühgeschichte
© Museum für Vor- und Frühgeschichte

200 Jahre Heinrich Schliemann "Anbruch einer neuen Epoche"

Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin, über Heinrich Schliemann und seine Bedeutung für die Archäologie

In der Ausstellung "Schliemanns Welten. Sein Leben. Seine Entdeckungen. Sein Mythos" des Museums für Vor- und Frühgeschichte in der James-Simon-Galerie und im Neuen Museum wird Heinrich Schliemann zu seinem 200. Geburtstag als Mann mit vielen Talenten geehrt. Mit Matthias Wemhoff, dem Direktor des Museums, sprach Rolf Brockschmidt über Schliemanns Bedeutung für die Archäologie.

Herr Wemhoff, als der erfolgreiche Kaufmann und Reiseschriftsteller Heinrich Schliemann beschloss, Troja zu finden und auszugraben, gab es Archäologie als Studienfach noch nicht. Wie ist sein Unternehmen heute zu bewerten?

An seinem Grab bei seiner Beisetzung sagte der amerikanische Gesandte Henry Snowden die letzten Worte: „Er war ein wirklicher amerikanischer Pionier“. Vielleicht passt das Wort Pionier auch für seine Art und Weise, wie er mit Archäologie umgegangen ist. Er steht in vielem am Anfang, wagt sich in Neuland. Eine prähistorische Archäologie im Mittelmeergebiet gab es damals nicht. Die Archäologie, die dort ausgeübt wurde, konzentrierte sich auf die sichtbaren archäologischen Stätten und auf die Erfassung von Architektur und Kunst. Er war auf einmal jemand, der tatsächlich anfing, einen Hügel bis nach unten durchzugraben und er stieß in ganz neue Zeiträume vor. Er stand als erster vor einer solchen Herausforderung und musste auch eine angemessene Methodik dafür finden. Prähistorische Archäologie war zu dieser Zeit kein Lehrfach, das konnte man nicht studieren.

Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin Foto: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin © Doris Spiekermann-Klaas

Schliemann hat mit dem voluminösen Schnitt durch den Hügel, den „Schliemann-Graben“, den Testschnitt erfunden, wenn auch mit katastrophalen Nebenwirkungen.

Er ist der erste, der so einen großen Schnitt durch einen Siedlungshügel setzt. Eigentlich arbeitet er hier vielleicht mit seinen mecklenburgischen Vorerfahrungen. Wenn man einen großen Grabhügel schlachten wollte, dann hat man auch einen Schnitt durch diesen Hügel gelegt, um bis nach ganz unten zu kommen. Genauso geht er bei diesem Siedlungshügel vor. Irgendwie hat er im Kopf, dass das Älteste unten liegt und dass er in die Mitte muss. Dort vermutet er den Palast. Auf seinem Weg nach unten hat er viele Schichten weggerissen und in unglaublicher Eile abgetragen, die hinterher eigentlich die Epochen enthalten haben, die für ihn besonders relevant gewesen sind. Er hatte am Anfang eine falsche Setzung, er meinte, er muss bis nach unten und begreift das erst im Laufe seiner fast zwanzigjährigen Forschung in Troja.

Das war also „learning by doing“?

Ja, ich bin immer wieder fasziniert, wenn ich in seinen Berichten lese „und der Fund fiel aus einer Höhe von fünf Metern in den Graben“. Da kommt auf einmal das Bewusstsein hinzu, dass es wichtig ist, in welcher Höhe etwas gefunden wird. Er erkennt schon, dass sich bestimmte Funde in bestimmten Bereichen konzentrieren, was aber gar nicht so einfach ist, aber bis zum Verständnis dessen, was wir heute Stratigraphie, also Schichtenfolge nennen, dauert es noch etwas. In der Mitte liegen die gleichen Funde höher als am Rand. Es ist kein einfaches Geschäft von oben nach unten, sondern es muss immer in dieser Dreidimensionalität des Hügels gedacht werden. Das versteht er im Laufe der Zeit. So zeigen seine Beobachtungen den Erkenntnisgewinn, dass die Stratigraphie das alles Entscheidende zum Verständnis eines historischen Bauvorgangs ist.

Der Hügel Hisarlik nach Schliemann 1881. Hier hatte er Troja vermutet und gefunden. Foto: Museum für Vor- und Frühgeschichte Vergrößern
Der Hügel Hisarlik nach Schliemann 1881. Hier hatte er Troja vermutet und gefunden. © Museum für Vor- und Frühgeschichte

Das hat er als Erster erkannt?

Ja, das Besondere bei ihm ist, dass er in seinem Archäologenleben die Chance hatte, andere Orte zu erforschen und dann Vergleiche anzustellen, die zur Kontrolle dienen konnten und quasi ein Netzwerk entstehen ließen. Die fixe Idee zu sagen, ich grabe die homerische Stätte Troja aus und schaue dann aber noch nach den Orten, von denen die Griechen hergekommen sind, nämlich in Mykene, Tiryns und Orchomenos, bot ihm die Chance, das Fundmaterial zu vergleichen. Das führte zu einem gewaltigen Erkenntnisfortschritt. In Tiryns begreift er die Verbindung von Befund und Fund, indem er feststellt, dass eine Mauer nicht älter sein kann als die ältesten sie umgebenden Scherben. Das Fundmaterial datiert die Schicht oder den Baubefund. Das ist die erste neue Erkenntnis. Und die zweite steckt in seiner folgenden Überlegung: Die Scherben, die ich in Mykene finde, muss ich in Beziehung setzen zu denen in Troja und wenn ich die gleiche Art von Keramik an beiden Orten finde, dann sind die Bauphasen, die dazugehören, gleich alt.

Keramik als Schlüssel zur Chronologie

Damit hat er ein Instrument für eine relative Chronologie entwickelt. Das kann ich mit einem Ort allein nicht machen, da stochere ich im Nebel. Mit der mykenischen Keramik kann er in Troja die Schicht erkennen, die zeitlich zu Mykene passt. Das ist auch der Schlüssel, um endlich zu verstehen, dass die Schicht, die er zunächst für ein Zeugnis des Trojanischen Krieges gehalten hat und in der auch von ihm sogenannten Schatz des Priamos fand, viel älter als  die mykenische Epoche gewesen ist.

Damit hat er auch den Wert der Keramik als Hilfe zur Datierung erkannt im Gegensatz zu allen andern, die rein kunsthistorisch wertvolle Statuen gesammelt haben, wie Ernst Curtius, der Direktor der Berliner Antikensammlung etwa?

Das ist der entscheidende Unterschied von Schliemann zu den Klassischen Archäologen. Das ist die Ursache für die weitverbreitete Ablehnung, die Schliemann gerade in der deutschen Professorenzunft erlebt. Das sind keine Prähistoriker, sondern alles Klassische Archäologen. Die sprechen über die Baugestalt von Tempeln, über die Stilkunde, die dahintersteht und über die Kunstwerke, die dort aufgestellt werden. Das ist im Prinzip architektonisch-kunsthistorische Forschung, die der Klärung der großen Epoche griechischer Kunst als Ursprung aller Kultur gilt.

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Aber Schliemann will etwas ganz Anderes. Der hat eine durch und durch kulturhistorische Fragestellung. Er will wissen, wie die Menschen gelebt haben, welche Kontakte bestanden, welcher Austausch. Deshalb ist er in seinen sehr umfangreichen Publikationen zu seinen Grabungen so akribisch gerade bei der Beschreibung von Keramik, so intensiv bemüht, so unscheinbare Gegenstände wie Spinnwirtel zu interpretieren, die Zeichen darauf zu deuten, weil er glaubt, dadurch einen Schlüssel zum Verständnis dieser Kultur zu bekommen. Das ist eine ganz andere Denkweise.

Sophia und Heinrich Schliemann im Gräberrund von Mykene, nach Schliemann 1878. Foto: Museum für Vor- und Frühgeschichte Vergrößern
Sophia und Heinrich Schliemann im Gräberrund von Mykene, nach Schliemann 1878. © Museum für Vor- und Frühgeschichte

Für ihn war damit auch der Kontext der Fundobjekte wichtig im Gegensatz zu manchem Archäologen auch noch des 20. Jahrhunderts, der rein kunsthistorisch unterwegs war?

Schliemann zeichnet aus, dass er an einem Gesamtbild interessiert ist, und ich glaube, wenn wir ihn als „Schatzgräber“ bezeichnen, sitzen wir einem von ihm selbst mit verursachtem Bild auf, das aber viel mehr unsere Sehnsucht nach Gold stillt als diese bei Schliemann zu beobachten ist. Mir fällt immer wieder auf, wie wenig er sich um das Gold kümmert und wie wichtig ihm  die anderen Kleinfunde sind. Er muss weit gehen, um überhaupt Menschen zu finden, die sich damit schon beschäftigt haben. Deshalb ist der Kontakt zu Rudolf Virchow so wichtig, der die gleichen Fragestellungen verfolgt. Da haben sich zwei Gleichgesinnte getroffen, und es ist kein Zufall, dass sie sich über die Interpretation von Gefäßen kennengelernt haben.

In China war Schliemann vor allem der Schmutz aufgefallen. Hier eine Straßenszene in Peking. Foto: SMB, Kupferstichkabinett, Foto: Dietmar Katz Vergrößern
In China war Schliemann vor allem der Schmutz aufgefallen. Hier eine Straßenszene in Peking. © SMB, Kupferstichkabinett, Foto: Dietmar Katz

 In den Reiseberichten aus China und Japan fällt ja schon auf, wie detailversessen Schliemann ist, wenn er Gegenstände beschreibt und vermisst. Wie wichtig war ihm die Dokumentation der Funde? Das gehört ja nicht zum Geschäft des „Schatzsuchers“.

An Schliemann können sich viele Archäologen heute noch ein Beispiel nehmen, das sie kaum erreichen, denn in der Regel hat er im Jahr danach seinen Grabungsbericht vorgelegt. Er hat jede Menge Bücher geschrieben und alles das, was ihm wichtig war, publiziert. Er hat auch keine Kosten gescheut, um die Publikationen möglichst umfangreich auszustatten – es waren ja alles seine eigenen Mittel. Schliemann hat die ersten Bände mit Fotos bebildert, tausende von Abzügen wurden da eingeklebt, ein sehr moderner Ansatz.

Die Dokumentation war ihm sehr wichtig

Die Dokumentation über das, was er tat, war ihm extrem wichtig. Er hat immer die Öffentlichkeit gesucht und wenn er etwas Neues gefunden hatte, wurde das drei, vier Tage später in der Zeitung vermeldet. Er hat Verträge mit der „Augsburger Allgemeinen“ und der „Times“ in London, er hat denen auch Exklusivberichterstattung zugesagt. Es gab regelrechte Fortsetzungsserien. Das war nicht ungefährlich, denn wenn er gleich seine Funde interpretiert hat, waren diese Ansichten auch schnell in der Welt. Aber die Öffentlichkeit war sein Resonanzboden.

Funde aus Troja werden abtransportiert. Zu sehen auf dem Fries des Mausoleums von Heinrich Schliemann in Athen. Foto: Matthias Wemhoff Vergrößern
Funde aus Troja werden abtransportiert. Zu sehen auf dem Fries des Mausoleums von Heinrich Schliemann in Athen. © Matthias Wemhoff

Wie wertvoll ist seine Dokumentation über Troja aus heutiger Sicht?

Sie ist erst einmal von großer Qualität. Was er aufschrieb, ist genau beobachtet und zuverlässig. Er ist – wie in den Reiseberichten erkennbar- ein guter Beschreiber, dem auch Ungereimtheiten auffallen. Das hat wenig von der Qualität eines heutigen Grabungsberichtes, die sind heute detaillierter und versierter, aber was mich immer überzeugt und was heutigen Grabungsberichten oft fehlt, ist die Orientierung an der Fragestellung – was sagt mir das jetzt?

Wie modern ist Schliemann?

Schliemann ist für seine Zeit tatsächlich wegweisend, das ist der Anbruch einer neuen Epoche. Er hat Türen geöffnet, er hat die Bronzezeit der Ägäis entdeckt und definiert und vieles von dem ist bis heute gültig. Was mich auch immer noch beeindruckt, ist die Wissenschaftlichkeit seiner Fragestellung. Man könnte vermuten, dass bei seiner Neigung zu Homer alles sehr mythenbeladen ist, aber was er dann aufschrieb, war immer sehr nah am Fundobjekt. Das Besondere an ihm ist seine große Lernfähigkeit. Er will das Beste und Neuste, sowohl personell als auch technisch, für sich gewinnen, aber gleichzeitig merkt man doch, dass er die ganze Zeit eine Fragestellung verfolgt. Deswegen hat er, auch wenn es aus heutiger Sicht im Detail fehlerhaft war, doch die richtigen Stellen gefunden.

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