Gemeinsam entscheiden. Kranken kann immer besser geholfen werden. Urania und Charité arbeiten daran, dass sie gut informiert sind. Foto: Getty Images
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130 Jahre Urania Patienten sollen mitreden

Karl Max Einhäupl
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Der digitale Fortschritt und die Explosion medizinischer Möglichkeiten werfen neue Fragen zur Gesundheit auf. Die Urania gibt Antworten.

Seit mittlerweile fast 130 Jahren steht die Urania für die Aufklärung und Information einer interessierten Öffentlichkeit in allgemeinverständlicher Form. Bei den Vorträgen und Veranstaltungen zur Medizin geht es vor allem um Themen wie eine gesunde Lebensweise, unterschiedliche Krankheitsbilder und die vielfältigen Therapiemöglichkeiten. Dabei sind die Inhalte zunehmend komplexer geworden und die Menschen wollen immer mehr wissen und verstehen.

Gegenwärtig strebt die weltweite Open-Science-Bewegung an, den Zugang zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen für die Gesamtheit der Gesellschaft, also für Laien und Fachleute gleichermaßen, sicherzustellen. In diesem Kontext war die Urania ihrer Zeit schon immer weit voraus: Gegründet im Drei-Kaiser- Jahr war sie damals revolutionär in ihrer Vision, der Gesamtheit der Bevölkerung einen barrierefreien Zugriff auf die Vielfalt des Fachwissens zu ermöglichen. Dieser Ansatz ist aktueller denn je. Er umfasst die Fragen und Bedürfnisse einer interessierten, modernen Gesellschaft, die danach strebt, immerzu auf dem Laufenden zu sein. Darüber hinaus spiegelt diese Herangehensweise den sehr aktuellen Denkansatz der sogenannten sozialen Partizipation im Gesundheitswesen (social participation in healthcare) wider, der von der World Health Organisation (WHO) stark befürwortet wird. Demnach bedeutet Gesundheit, die Zivilgesellschaft zu beteiligen und die betroffenen Gemeinschaften zu stärken, damit sie aktive Protagonisten bei der Gestaltung ihrer eigenen Gesundheit sein können.

Die gestiegene Lebenserwartung führt auch zu mehr Leiden

Der schnelle Forschritt medizinischer Innovationen, die Evolution von Big Data und die Entwicklung der personalisierten Medizin mit ihren maßgeschneiderten Therapien haben in den letzten Jahren zu einer unvorstellbaren Explosion der medizinischen Möglichkeiten geführt. Darüber hinaus hat sich der Zugang zu den unterschiedlichen Informationsquellen zu einem öffentlichen Gut entwickelt. Tagtäglich gibt es neue Nachrichten zu Gesundheitsindikatoren und epidemiologischen Statistiken sowie zu präventiven Möglichkeiten oder neuen Therapiechancen. Gesundheit ist messbar geworden und scheint vielfältig beeinflussbar: Gesundheitsapps und Wearables – also tragbare Mini-Computer wie etwa Fitnessarmbänder – oder Sport- und Wellnessangebote spielen eine immer größere Rolle in unserem Leben. Wir haben aber nicht nur mehr Möglichkeiten, wir leben auch länger. Damit wiederum sind Krankheiten verbunden. So nehmen Herz-Kreislauf-Leiden, Demenz und onkologische Krankheiten zu. Gleichzeitig sind Erkrankungen, die vor einiger Zeit noch ein Todesurteil bedeutet hätten, heute oft gut behandelbar. Entwicklungen, wie die genomische Revolution, haben entscheidend dazu beigetragen, dass die moderne Medizin zunehmend personalisiert werden konnte und der Patient eine individuelle Therapie erhält.

Darüber hinaus stehen nicht nur körperliche Leiden im Mittelpunkt; auch das psychologische Wohlbefinden und die Work-Life-Balance gewinnen an Bedeutung. All dies führt zu einer Fülle von Möglichkeiten, birgt aber für den Einzelnen auch das Potenzial für Verwirrung: Die „schöne neue Welt“ der maßgeschneiderten Behandlungsmöglichkeiten für Körper und Geist führt zwangsläufig zu einer Fülle neuer Fragen und medizinethischer Dilemmata, die beantwortet werden müssen.

Urania und Charité klären auf

In diesem Kontext ist die Urania als Ort der Aufklärung von essentieller Bedeutung. Als gemeinnütziger Verein dient sie als Bildungseinrichtung, die jährlich eine Vielzahl von wissenschaftlichen und kulturellen Veranstaltungen anbietet. Von Beginn an verfolgt sie dabei das Ziel, die Begegnung zwischen Fachexperten und einer interessierten Öffentlichkeit zu schaffen.

Auch die Charité ist eine Bildungseinrichtung mit der Aufgabe, Wissen zu vermitteln. Hauptsächlich nimmt sie diese in den Bereichen Studium und Lehre wahr und bildet die Medizinexperten von morgen aus. Im Rahmen der Sonntagsvorlesung beispielsweise wendet sie sich aber auch an interessierte Laien und informiert zu Themen wie Schlafstörungen, Osteoporose oder chronischen Entzündungserkrankungen. So dienen beide Institutionen der gesundheitlichen Aufklärung der Berlinerinnen und Berliner, um ihnen entscheidende Anstöße zur Verbesserung ihrer Lebensqualität zu bieten. Denn nur, wenn wir auf die Entwicklungen in Wissenschaft und Gesellschaft reagieren, können wir die Aufklärung der Bevölkerung aktiv unterstützen – und so das Potenzial der digitalen Ära für die Gesamtheit unserer Gesellschaft erschließen.

Der Autor ist Neurologe und Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Dieser Text erschien zuerst am 4. März 2018 in der gedruckten Beilage „130 Jahre Urania“ des Tagesspiegels.

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