Disco. Ernst Haeckel war auch ein begnadeter Zeichner. Dass Forschungsobjekte wie diese „Discomedusae“ (Scheibenquallen) in der Realität nie so perfekt aussahen wie auf seinen Bildern, war ästhetisch ein Gewinn, aber verriet vielleicht auch eine problematische Neigung. Foto: Getty Images
© Getty Images

100. Todestag des Naturforschers Wir sind die Haeckels der Gegenwart

Jens Reich

Vor 100 Jahren starb Ernst Haeckel. Unser Gastautor erinnert an einen der bedeutendsten Naturforscher überhaupt – und die Lehren aus seinen Irrtümern für heute.

Der Arzt, Molekularbiologe und Bürgerrechtler Jens Reich ist emeritierter Professor am Berliner Max-Delbrück-Centrum und war Mitglied des Deutschen Ethikrates.

Ernst Haeckel war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer der bedeutendsten und dabei bekanntesten Naturforscher. Viele seiner in zahlreichen Büchern und Artikeln niedergelegten Erkenntnisse gehören heute zum Grundbestand biologischen Wissens. Darüber hinaus ist er einer der wirksamsten Aufklärer und Verbreiter der Abstammungstheorie gewesen. Charles Darwin schätzte ihn als Verteidiger seiner Theorie.

Haeckel hat auf der Basis seiner naturwissenschaftlich geprägten Kenntnisse eine erstaunlich breite allgemeine Theorie sozialer und politischer Verhältnisse und Prinzipien entwickelt, hat energisch gegen kirchliche Dogmen gekämpft und seine materialistische Weltanschauung in zahllosen öffentlichen Kontroversen verfochten. Es ist heute nicht mehr vorstellbar, dass ein Naturwissenschaftler eine derart herausgehobene Rolle im geistigen Leben und in der öffentlichen Sphäre spielen könnte.

Beobachten, Dokumentieren – und Interpretieren

Trotzdem wird Haeckel heute – abgesehen von seinen streng naturwissenschaftlichen Forschungen – nicht mehr als Intellektueller wahrgenommen. Die Zeit ist über ihn hinweggegangen. Doch wir sollten sein Wirken und seine spekulative Verallgemeinerung der Naturwissenschaft bis in die verzweigtesten Winkel gesellschaftlicher Aktivität nicht vergessen. Nicht um des Andenkens an sich willen, sondern wegen der Zwiespältigkeit von Person und Werk. Und wegen der Lehren, die man für die Gegenwart daraus ziehen kann.

In der Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts gab es zwei Typen von Biologen: den Naturalisten und den Experimentator. Sie unterschieden sich deutlich durch ihr methodisches und begriffliches Arsenal und ihre Anschauung des Lebendigen als Forschungsobjekt. Der Naturalist (das Wort ist hier aus dem Englischen entlehnt, man könnte auch „Naturkundler“ sagen) lässt die Natur tendenziell in ihrer unbegrenzten Vielfalt intakt. Er beobachtet und beschreibt die lebenden Organismen in ihrer Lebenswelt, klassifiziert ihr Erscheinungsbild und ihre Lebensweise, charakterisiert sie mit den Möglichkeiten der sinnlichen Wahrnehmung.

Ernst Haeckel, 1919 an seinem Schreibtisch in Jena. Foto: ullstein bild via Getty Images Vergrößern
Ernst Haeckel, 1919 an seinem Schreibtisch in Jena. © ullstein bild via Getty Images

Die Verbreitung seiner Objekte umfasst den ganzen Planeten, die Tiefe des Eindringens ist nur durch die Möglichkeiten der Mikroskopie begrenzt. Der Alltag des Naturalisten ist der Ausflug mit der Botanisiertrommel. Sein definierendes Forschungsabenteuer ist jedoch die Weltreise mit anschließender Niederschrift der systematisierten Beobachtungen und Erkenntnisse, auch Spekulationen. Alexander von Humboldt hat dieses Streben personifiziert.

Die Natur als nach Vollkommenem - und Höherem - strebende Künstlerin

Der Experimentator hingegen nimmt einen eng ausgeschnittenen Aspekt des Lebens in den Blick und setzt das Experiment ein, um dem lebenden Objekt seine nicht unmittelbar wahrnehmbaren Geheimnisse zu entlocken. Die Methoden der Biochemie und der Biophysik erlauben eine Tiefenanalyse dessen, was das Wesen des Lebendigen ausmacht. Dieses die Natur zerlegende analytische Verfahren übernahm um 1900 die Führungsrolle im Fortschritt der Erkenntnis.

Haeckel jedoch war, genau wie Darwin, als Forscher noch konservativ. Er war Naturalist. Auch er hat bis ins Alter zahlreiche große Forschungsreisen unternommen und seine Beobachtungen in umfangreichen Berichten niedergelegt. Er hat Tausende von vorher unbekannten Arten von Meerestieren beschrieben: Strahlentierchen, Seeanemonen, Schwämme, Quallen und Medusen und ihre wunderbar vielfältigen und bunten Formen mit hervorragenden, ästhetisch überaus anspruchsvollen Zeichnungen verewigt, zum Beispiel in seinem heute bekanntesten Werk „Kunstformen der Natur“.

Er gehörte darüber hinaus zu den ersten Biologen, die die umfassende Bedeutung der Darwinschen Abstammungslehre als Grundlage der gesamten Biologie und Ökologie erkannten. Er hat in zahllosen Vorträgen und Streitschriften zu ihrer Popularisierung beigetragen. Er bereicherte seine Version der Abstammungslehre, die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“, mit vielen originellen Beobachtungen, erweiterte sie mit – oft auch spekulativen – Verallgemeinerungen. All das verteidigte er in öffentlichen Kontroversen, deren hitzigen Verlauf man sich heute kaum mehr vorstellen kann.

Zudem lehnte Haeckel ausdrücklich alle religiösen, besonders die christlichen Schöpfungslehren als haltlose Imagination ab und baute stattdessen eine Art naturalistischer Naturreligion aus. Seine philosophische Schrift „Die Welträtsel“ erzielte um die Jahrhundertwende Auflagen in die Hunderttausende und wurde zum weltanschaulichen Kampfplatz nahezu aller Gebiete des öffentlichen Lebens. Die Lektüre des Buches mit seinen weit ausholenden Hypothesen, Theorien und Spekulationen ist in ihrer Geschlossenheit immer noch ein großes Vergnügen, wenn auch vieles davon sich als Tatsache oder Interpretation nicht mehr halten lässt.

Ein Gesetz, das keines ist

Haeckel interpretierte die biologische Evolution als eine durch stetige Auslese angetriebene Entwicklung, die aus sich selbst heraus vom „Niederen“ zum „Höheren“ strebt und die in der Naturgeschichte des Menschen aus seiner Verwandtschaft mit den Primaten hinauf zum höchsten Stadium der biologischen Entwicklung mündet. Diese Ansicht wird heute noch vielfach vertreten. Sie ist jedoch objektiv nicht haltbar, einfach weil das Kriterium für „höher“ für die evolutionäre Entwicklung sich nicht objektiv festmachen lässt, sondern zu einem Zirkelschluss verleitet, dass nämlich „höher“ die Kennzeichen desjenigen Zustands sind, den wir selbst erreicht haben.

Die Vorstellung einer stetigen Höherentwicklung ging, wenn auch indirekt, in Haeckels Konzept eines „biogenetischen Grundgesetzes“ ein. Es besagt, dass ein höher entwickeltes Lebewesen in seiner vorgeburtlichen Lebensgeschichte die vorherigen evolutionären Stadien durchmacht: dass sozusagen der Embryo vor seiner Gestaltbildung Stadien primitiverer Organismen vom Einzeller über Mehrzeller, Fisch, Vogel usw. durchmacht, bevor er die endgültige Form erhält.

Man hält das heute für eine interessante und oft zutreffende Beobachtung, aber nicht mehr für ein Gesetz. Denn Haeckels Dogma ist schlicht nicht universell gültig. Er selbst war jedoch so sehr überzeugt von seiner intuitiven Vorstellung, dass er die Zeichnungen von Embryonen verschiedener Arten in unterschiedlichen Stadien so ähnlich zeichnete, wie sie in der Natur gar nicht sind. Tat er dies wissentlich, weil er passend machte, was nicht passte? Oder unwillkürlich, weil er tatsächlich nur das sah, was er sehen wollte? Jedenfalls wurde ihm Faktenfälschung vorgeworfen. Und die jahrzehntelange Kontroverse dazu – eben ob er absichtlich oder unabsichtlich fälschte – ist bis heute nicht abgeschlossen und noch immer gelegentlich Gegenstand der Forschung und Interpretation.

Offenbar kann jedenfalls eben auch ein genauer Beobachter wie Haeckel von seinen mehr spekulativen Ideen fortgerissen werden und damit seinen Ruf als objektiver Naturwissenschaftler gefährden.

Vom Darwinisten zum Sozialdarwinisten

Diese Tendenz, aus seinen naturwissenschaftlichen Beobachtungen und Kenntnissen nicht beweisbare Schlussfolgerungen verallgemeinernd abzuleiten, hat Haeckel im hohen Alter zu sehr bedenklichen theoretischen Darlegungen geführt. Oder verführt. Und das war das gefährlich Wirksame an den temperamentvollen geistigen Galoppaden des großen Haeckel.

Zwar hatte er als Mitbegründer der Ökologie ein sehr tiefes Verständnis für das ewig sich erneuernde Gleichgewicht aller lebenden Organismen. Zwar beschrieb er ihre Wechselwirkung und Kooperation ebenso wie gegenseitige Konkurrenz. Doch die damals übliche Interpretation des Evolutionsprozesses als das Ergebnis eines stetigen „Kampfes ums Dasein“ führte ihn dazu, seine früheren Anschauungen einer friedlichen Koexistenz menschlicher Kulturen und Lebensformen im Jahre 1914 und danach energisch zu revidieren. Er hat mehrere öffentliche chauvinistische und annexionistische Kampfschriften und Aufrufe für die deutsche Kriegsführung unterschrieben, bevor er dann später einen schrecklichen Weltkrieg mit furchtbaren Verlusten beklagte.

Haeckel ist Anfang des 20. Jahrhunderts bei Weitem nicht der Einzige, der die Darwinschen Theorie – insbesondere in ihrer Verzerrung als ewiger Kampf ums Überleben – kühn-hypothetisch und ohne ausreichende kritische empirische Beobachtung auf die Entwicklung menschlicher Gesellschaften anwendet. Aber er ist einflussreicher als andere. Im Alter wird er so zum Sozialdarwinisten, Eugeniker und Vorläufer der Euthanasiebewegung, auch wenn er Theoretiker bleibt und keine Entwürfe, wie man dies in die politische Tat umsetzen könnte, mitliefert.

Ein gegen andere weltanschauliche Überzeugungen so scharfsinnig kritischer Denker übersieht hier dann doch die feinen gedanklichen Risse, die zwischen den systemischen biologischen und ökologischen Wechselbeziehungen und den Interaktionen in menschlichen Populationen bestehen. Er übersieht damit aber eben das Entscheidende: dass solche Übertragungen zwar oberflächlich plausibel erscheinen mögen, aber sich bei genauer Analyse als Fehlschlüsse erweisen.

Der falsche Begriff des evolutionär „Höheren“ führt ihn dazu, die Theoreme der höheren, weißen Rasse zu übernehmen. Und die Vorstellung einer stetigen Verschlechterung der genetischen Ausstattung, wenn in der Kultur die natürliche Auslese vernachlässigt wird, lässt ihn offen über die Möglichkeit der Ausmerzung von „Lebensuntüchtigen“ nachdenken.

Sah er die Gefahren nicht?

Wenn wir heute anlässlich des hundertsten Todestages Haeckels gedenken, dann sollten wir letztlich vor allem auf eines zu sprechen zu kommen: Wie kam es, dass jener bedeutende Gelehrte und Aufklärer die von ihm selbst und anderen entschlüsselten Prinzipien der Ökologie – nämlich das Denken in Populationen und ihren Wechselwirkungen anstelle von Individuen – auf die Betrachtung menschlicher Populationen und ihrer kollektiven biologischen Eigenschaften erweiterte und damit zur Erfindung von Dystopien der Menschenzüchtung und des Kampf ums Dasein von Nationen beitrug? Warum sah er die Gefahren nicht, die eine solche Betrachtungsweise mit sich brachte? Zwar hat er die Umsetzung solcher Ideologien nicht betrieben, wohl aber die kognitiven Grundlagen für solches Denken mitgestaltet. Er trägt keine Schuld an dem Missbrauch, der im 20. Jahrhundert auf Grundlage seiner Gedanken getrieben wurde. Aber er trägt einen Teil der Verantwortung.

Am einfachsten ist es, ihm deshalb postum Vorwürfe zu machen, schwieriger dagegen, daraus vielleicht die für die Gegenwart relevanten Lehren zu ziehen.

Wir selbst sollten uns heute kritisch befragen, ob die Zukunftsvisionen, an denen wir heute bauen, vielleicht analoge Gefahren in sich tragen. Was beispielsweise könnte die Objektifizierung der Individuen in Zukunft mit sich bringen? Wohin kann die nun oder in naher Zukunft praktikable Umkonstruktion des Menschen „von innen“ durch die Möglichkeiten der Genom- und Zelltechnologie führen? Was bedeutet es, wenn das Individuum und speziell sein Gehirn gleichsam in informatische Geräte integriert werden kann? Wie wird sich die vollständige Algorithmisierung des Individuums mit ausufernder Datenmanipulation im Sinne einer sogenannten „personalisierten Medizin“ letztlich auswirken?

Die Frage, ob wir hier jeweils in eine Dystopie oder eine Utopie hineinlaufen, ist aus heutiger Sicht per se gar nicht beantwortbar. Aber: Man kann, wenn man die am Werke befindlichen Mechanismen versteht, zumindest alles regeln und Missbrauch verhindern. Also sollten wir nüchtern darüber nachdenken und diese Zukunft gestalten.

Genau das wäre vermutlich die Antwort gewesen, die Haeckel uns gegeben hätte, wenn wir ihm vor gut 100 Jahren analoge Warnungen vorgehalten hätten. Er war positiv gestimmt und glaubte an das Gute und Fortschrittliche im Menschen. Die Gefahren utopischer Menschenzüchtung sah er nicht konkret oder hätte sie vielleicht nicht ernst genommen. Wir sind heute in einer analogen Situation. Einer der Vorteile, die wir gegenüber Haeckel haben, sind die Erfahrungen mit eben seiner Sicht auf die Biologie und den Menschen – und was andere daraus machten.

Zur Startseite