Studierende arbeiten am großen Tisch der Fotothek in der Winckelmann-Bibliothek. Foto: Antonia Weisse/HU
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100 Jahre Winckelmann-Bibliothek der Humboldt-Uni Einmalige Sammlung mit Medusenhaupt

Vor 100 Jahren eröffnete die Winckelmann-Bibliothek der HU. Sie ist der älteste erhaltene Teil der Universität. Noch sind nicht alle Schätze erschlossen.

Es waren revolutionäre Zeiten, als vor 100 Jahren die Bibliothek des Winckelmann-Instituts für Klassische Archäologie der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität mit einem neuen Konzept ihren Betrieb aufnahm. Aber das Konzept stammte schon aus vorrevolutionären Zeiten. Von 1912 bis zu seinem Tod 1915 hatte sich der Archäologe Georg Loeschke dafür eingesetzt, den Buchbestand des Instituts deutlich zu erhöhen und die Bibliothek als Herz eines multimedialen archäologischen Labors zu planen.

Schon bei seiner Berufung an die heutige Humboldt-Universität hatte Loeschke mehr Raum für die Archäologie gefordert, und er bekam ihn im Westflügel. Er kaufte nicht nur mehr Bücher, sondern auch 30.000 Fotopappen und 27 000 Dias, dazu baute er eine Lehrsammlung mit Originalobjekten und Kopien auf, denn nur aus der Anschauung und dem Vergleich lässt sich archäologisch forschen.

Bücher, Bilder, Skulpturen und ein digitales Labor

Loeschkes Konzept war und ist revolutionär. Betritt man die Bibliothek, blickt man nicht nur auf altehrwürdige Regale und Tische, sondern auch auf Kopien griechischer Skulpturen, die zwischen den Tischen stehen. Das vermittelt eine besondere Aura, vor allem das mächtige Medusenhaupt ist eindrucksvoll. Die Bibliothek ist der älteste erhaltene Teil der einstigen Friedrich-Wilhelms-Universität. Gleich neben den Bibliotheksräumen befindet sich die Fotothek mit Schränken, in denen die Fotopappen aufbewahrt werden, und einem gewaltigen Tisch, unter dem sich weitere große Folianten befinden.

Gleich nebenan ist das Digilab untergebracht – hier können Studierende Bilder und Fotos scannen oder scannen lassen –, somit wird die digitale Sammlung der Bibliothek mit jedem Referat laufend vergrößert. „Die Idee Loeschkes vom multimedialen Labor ist immer noch aktuell“, sagt Susanne Muth, Professorin für Klassische Archäologie am Winckelmann-Institut. „Wir sind gerade dabei, sie durch die Digitalisierung der Bestände ins 21. Jahrhundert zu erweitern.“

Die Idee des Verbundes ist logisch und einfach. „Archäologen brauchen mehr als Bücher, unsere Studierenden arbeiten gleichzeitig mit vielen Quellen und Medien. Texte sind zwar wichtig, aber ebenso historische Fotos, Lithografien in Mappen, Dias, digitale Fotos und 3-D-Modelle“, sagt Muth. Man könne sich nicht nur auf die neuesten Publikationen verlassen, aktives Quellenstudium zum Faktencheck sei unerlässlich. So legt man etwa die Folianten auf den großen Tisch, breitet die passenden Fotopappen aus, zieht Bücher zurate und hat unter Umständen noch Keramikscherben oder Abgüsse zur Hand, um multimedial am Objekt zu arbeiten. Das erfordert Platz, und das hat Loeschke vor über 100 Jahren erkannt.

Ein Stockwerk höher: die Studiensammlung

Viele der Folianten sind noch gar nicht komplett erschlossen, das heißt, hier sind auch noch Entdeckungen zu machen. Die Qualität der über 100 Jahre alten Aufnahmen ist erstaunlich – oft sind es die einzigen Fotos, die einen Fundzustand dokumentieren. Dazu die Mappenwerke mit den Farblithografien, wertvolle Quellen mit Informationen, die ein Schwarz-Weiß-Foto nicht liefern kann.

In den dreißiger Jahren wurde ein Zwischengeschoss eingezogen, um sowohl dem Mappenraum als auch der Bibliothek mehr Stellfläche zu bieten. Aber damit nicht genug. Ein Stockwerk höher ist seit 1921 die Studiensammlung mit Vitrinen angesiedelt, in denen Originale und Kopien aus dem minoischen Kreta, Mykene und Griechenland in einem musealen Kontext ausgestellt werden. An den Wänden befinden sich Kopien von Fresken.

In einer Vitrine sind Kopien von Metallarbeiten ausgestellt, die in einem galvanoplastischen Verfahren von WMF hergestellt wurden. Aber diese Kopien sind auch schon wieder Geschichte – sahen die Originale wirklich so aus? Die Frage lässt sich nur im Verbund durch Nutzung verschiedener Medien gleichzeitig klären. Schulklassen können diese Sammlung auch nutzen, die vor Kurzem durch Modelle des Forum Romanum aus dem 3-D-Drucker ergänzt wurde.

„Die Studierenden können sich hier auch Scherben ausleihen, um sie in der Bibliothek bis zur Publikationsreife zu zeichnen, auch das gehört zur Ausbildung“, sagt Muth.

Ein Raum für studentische Ausstellungen

Ein weiteres Plus des Archäologischen Labors ist die Sonderausstellungsfläche, auf der die Studierenden Ausstellungen konzipieren und aufbauen können, um so Erfahrungen für das Berufsleben zu gewinnen. Zurzeit ist die Ausstellung „Laokoon – Auf der Suche nach einem Meisterwerk“ zu sehen, die Susanne Muth und die Sammlungsleiterin Agnes Henning mit den Studierenden konzipiert haben.

Hierbei wurde nicht nur mit Schautafeln und Abgüssen gearbeitet, sondern dank digitaler Rekonstruktionen des Palastes und des Vatikans wurden mit bedruckten Textilbahnen perfekte Raumillusionen geschaffen, in denen die Objekte im Kontext gezeigt werden. Diese kleine Ausstellung ist mittwochs von 17 bis 19 Uhr öffentlich zugänglich, mehr ist leider wegen der Personalsituation nicht drin. „Wir überlegen, ob wir Ehrenamtliche gewinnen können, die sich für die Aufsicht in der Bibliothek begeistern könnten, damit wir den Betrieb für die Studierenden aufrechterhalten können“, sagt Muth und spielt damit auf die prekäre Personalsituation in den Bibliotheken der Humboldt-Uni an.
Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, Raum 3094, Westflügel 2. OG. Weitere Informationen zum Jubiläum finden Sie hier.

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