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Schillernde Persönlichkeit. Walther Rathenau steckte voller Widersprüche.  Foto: picture alliance / dpa
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100 Jahre Mord an Walther Rathenau "Dieser Feind steht rechts!"

Der Mord an Walther Rathenau vor 100 Jahren gebar die wehrhafte Demokratie. Heute wie damals ist der Rechtsextremismus ihre größte Bedrohung.

In den turbulenten Anfangsjahren der Weimarer Republik gab es 354 politische Morde, die auf das Konto von Rechtsextremen gingen, gegenüber lediglich 22 Morden, die von linken Akteuren verübt wurden. Von 1919 bis 1923 war rechter Terror in Deutschland an der Tagesordnung – wobei es auch in der Bundesrepublik nach Recherchen der Amadeu-Antonio-Stiftung allein seit 1990 mindestens 218 Todesopfer rechtsextremer Gewalttaten gibt. Die Zahlen bis zur Wende liegen ebenfalls hoch, lassen sich aber aufgrund fehlender Statistiken nur unzureichend ermitteln.

Rechtsterrorismus ist in Deutschland eine Konstante. Jedoch bleibt die Ermordung des Außenministers Walther Rathenau am 24. Juni 1922 bis heute – 100 Jahre danach – der einzige in Deutschland begangene Mord an einem aktiven Reichs- oder Bundesminister.

Dass sich das Gewaltklima zwischen 1923 und 1929 deutlich entspannte, liege indes nicht nur daran, dass sich die Republik im Anschluss an die Hyperinflation der Nachkriegsjahre 1924 wirtschaftlich erholte, erklärt der Jenaer Politikwissenschaftler Michael Dreyer. Es hatte auch wesentlich mit Rathenau zu tun: Denn nachdem der deutsch-jüdische Politiker, Schriftsteller und Industrielle in seinem offenen Wagen von Rechtsextremen erschossen wurde, schwappte eine Welle republikanischer Abwehrbereitschaft durchs Land. Für einen kurzen Moment solidarisierten sich gar Kommunisten und Sozialdemokraten – eigentlich in inniger Feindschaft verbunden.

Republikanische Abwehrbereitschaft

Millionen Deutsche gingen auf die Straße, um gegen die heimtückische Tat zu demonstrieren. „Binnen kürzester Zeit wurde das Gesetz zum Schutz der Republik verabschiedet, das die Geburtsstunde der wehrhaften Demokratie in Deutschland bezeichnet“, sagt Dreyer, der ein neues Gerda-Henkel-Forschungsprojekt zur Entwicklung des demokratischen Gewaltmonopols in der ersten deutschen Republik leitet. 

Rechtsextreme Vereine und Zeitungen konnten nun vielfach verboten werden. 1924 entstand das von SPD, DDP und Zentrum initiierte „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, ein republikanischer Wehrverband, der als Schutzorganisation gegen rechtsextreme Freicorps und Kommunisten konzipiert war. 

Von Rechtsterroristen ermordet. Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke. Foto: Boris Roessler / dpa Vergrößern
Von Rechtsterroristen ermordet. Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke. © Boris Roessler / dpa

„Dieser hatte noch 1932 doppelt so viele Mitglieder wie der Stahlhelm der DNVP, die SA der NSDAP und der Rotfrontkämpferbund der KPD zusammen“, sagt Dreyer. Die oft kolportierte Formel von Weimar als bloß formaler Demokratie ohne demokratische Bevölkerung sei falsch. Bis zu Beginn der von Hindenburg initiierten Präsidialkabinette habe es in Deutschland ein demokratisches Gewaltmonopol gegeben.

Die Elite war stramm rechts

Allerdings war insbesondere die Elite von der Professorenschaft bis zur Justiz zu einem großen Teil antidemokratisch. So habe die im Kaiserreich sozialisierte Justiz das in Reaktion auf rechten Terror entstandene und in der parlamentarischen Beratung verwässerte Republikschutzgesetz zusehends als Waffe gegen Links eingesetzt, sagt der Berliner Historiker und Rathenau-Experte Martin Sabrow. Rechte Verbrecher erhielten bald häufig nur noch milde bis gar keine Strafen – kommunistische Täter hingegen wurden drakonisch bestraft. 

So konterkarierte die juristische Praxis den ursprünglichen Willen der Gesetzgeber, sagt Dreyer. Noch direkt im Anschluss an den Rathenau-Mord hatte der dem linken Flügel der Zentrumspartei zugehörige Kanzler Joseph Wirth im Reichstag auf die rechten Parteigänger gezeigt und gerufen: „Dieser Feind steht rechts“.

Die rechten Republikfeinde und Rathenaumörder rekrutierten sich aus den Reihen der nationalistisch-antisemitischen Organisation Consul, die den Forschungen Martin Sabrows zufolge auf mindestens 5000 „Aktivisten“ und ein Unterstützernetzwerk von bis zu 100 000 Mann zählen konnte. Die OC war aus der Marine-Brigade-Ehrhardt hervorgegangen, deren Führer die Republik bereits im Jahr 1920 mit dem gescheiterten Kapp-Putsch an den Rand eines Bürgerkriegs manövriert hatten. 

Brandstifter als Feuerlöscher

Mit einer Serie von Morden an politischen Entscheidern wollten die Konterrevolutionäre nun einen kommunistischen Aufstand provozieren und diesen anschließend glorreich bezwingen. „Der Brandstifter wollte als Feuerlöscher auftreten und die Republik dabei abräumen“, sagt Sabrow. Vor dem DDP-Mitglied Rathenau waren bereits der Zentrums-Politiker Matthias Erzberger ermordet und der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann verletzt worden. Viele Republik-treue Politiker galten den rechten Kräften als willfährige Büttel der „Erfüllungspolitik“ gegenüber den harten Forderungen des Versailler Vertrages.

Auch 100 Jahre nach dem Mord an Walther Rathenau ist der Rechtsextremismus die größte Gefahr für die Demokratie. Foto: Siegbert Heiland / dpa Vergrößern
Auch 100 Jahre nach dem Mord an Walther Rathenau ist der Rechtsextremismus die größte Gefahr für die Demokratie. © Siegbert Heiland / dpa

Außenminister Walther Rathenau hatte im April 1922 zwar mit den Sowjets den Vertrag von Rapallo verhandelt, der Deutschland außenpolitisch einen größeren Spielraum verschaffte. Zudem hatte der frühere Kriegsgegner gegen Ende des I. Weltkrieges für dessen zeitweise Fortführung plädiert, weil er für Deutschland gegenüber den Alliierten eine bessere Verhandlungsposition herausschlagen wollte.

Dolchstoßlegende

Dennoch wurde Rathenau, der sich um eine Aussöhnung mit dem Westen bemühte, in der antisemitisch aufgeladenen Dolchstoßlegende, als „Kandidat des Auslandes“ und „Befehlsempfänger der „Weisen von Zion“ diffamiert. „Er war eine schillernde und widersprüchliche Persönlichkeit“, sagt Sabrow, der das Buch "€žDer Rathenau-Mord und die deutsche Gegenrevolution" geschrieben hat. Berufspolitiker und Schriftsteller, Kriegsgegner und -befürworter, ein liberaler Industrieller mit quasi-sozialistischen Wirtschaftsvisionen – und nicht zuletzt eben Deutscher und Jude, tief verachtet und assimiliert, ausgegrenzt und erfolgreich. So galt Rathenau dem rechten Lager als Inbegriff der verhassten Republik.

Auch wenn die rechte Volksverräter-Rhetorik von der Weimarer Zeit bis in die Gegenwart starke Kontinuitäten aufweist – das Milieu, aus dem rechte Gewalttäter stammen, sei heute meist ein anderes als damals, sagt Dreyer. "Die Mörder waren keine Abgehängten, sondern wohlsituierte Bürgersöhne". Der Rechtsterrorismus wurde nicht nur von bürgerlichen Eliten geplant, sondern von diesen auch durchgeführt. 

Parallelen zu heute

Vor den ebenfalls stramm rechten Richtern konnten die Rechtsterroristen im Prozessfall stets ihre „noble nationale Gesinnung“ in die Waagschale werfen. Auch hatten sie einen gesellschaftlichen Rückenwind, von dem heutige Rechtsextremisten nur träumen können. Dennoch gebe es heute Parallelen zu früher, etwa beim Mordfall Walther Lübcke, sagt Sabrow. Auch sei das "€žBaseball-Schläger-Jahrzehnt" der 1990er-Jahre lange viel zu wenig wahrgenommen worden. Und wie der NSU-Prozess gezeigt habe, seien auch hier die deutschen Behörden zuweilen auf dem rechten Auge blind.

Der gesellschaftliche Resonanzraum für nationalistische Umsturzversuche war zu Weimarer Zeiten ein anderer als heute, die Kumpanei zwischen Tätern und Behörden kein Geheimnis. Und doch bleibt der gewaltbereite Rechtsextremismus auch 100 Jahre nach der Ermordung Walther Rathenaus die größte Bedrohung für die Demokratie.

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