Mitstreiter gesucht. Wenn Isabel Schnabel und Christoph M. Schmidt ausscheiden, sind zwei Posten im Sachverständigenrat offen. Foto: promo; Montage: Tagesspiegel
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Zwei Frauen gesucht Die Wirtschaftsweisen sollen weiblicher werden

Isabel Schnabel und Christoph M. Schmidt verlassen den Sachverständigenrat. Auf beide Posten sollen Frauen nachrücken. Kandidatinnen gibt es bereits.

Wenn Isabel Schnabel mit ihren Kollegen in zwei Wochen das Jahresgutachten des Sachverständigenrats an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) übergibt, wird das wohl ihr letzter öffentlicher Auftritt als Wirtschaftsweise sein. Das Bundeskabinett hat die Bonner Finanzprofessorin für das Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) nominiert.

Künftig wird sie damit die einzige Frau im Führungsgremium der Zentralbank sein. So wie sie derzeit die einzige Frau im Sachverständigenrat ist: einem Gremium aus fünf Ökonomen, das im Auftrag der Bundesregierung die Wirtschaftslage analysiert und damit der Politik Anhaltspunkte für Reformen gibt. Nur: Wer soll Schnabel im Sachverständigenrat nachfolgen?

Isabel Schnabel wechselt ins Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB). Foto: dpa Vergrößern
Isabel Schnabel wechselt ins Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB). © dpa

Zumal neben ihrem Posten auch noch der des Vorsitzenden frei wird. Christoph M. Schmidts Amtszeit als Wirtschaftsweiser endet im Februar. Innerhalb kurzer Zeit braucht das Gremium also zwei neue Ökonomen. Oder Ökonominnen. Denn mindestens einer, wenn nicht sogar beide Posten dürften weiblich besetzt werden.

Clemens Fuest, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, wünscht sich sogar explizit, dass mit der Neubesetzung zwei Frauen in das Beratergremium ziehen. „Das halte ich für sehr wichtig“, sagte er dem Tagesspiegel. „Meines Erachtens sollten mindestens zwei Frauen und mindestens zwei Männer im Sachverständigenrat sein.“

Bemerkenswert ist das insofern, als Fuest selbst ein potenzieller Kandidat für den Sachverständigenrat ist. Sein Name fällt in der Diskussion ebenso häufig wie der von DIW-Chef Marcel Fratzscher. Beide sind jedoch stark in ihre Instituten eingebunden. Zudem dürften sie wie die weiteren männlichen Kandidaten – darunter der Frankfurter Finanzprofessor Jan Krahnen und der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum – erst zum Zug kommen, wenn sich für die freien Posten keine Frauen finden sollten.

Das war bislang stets das Argument, warum der Sachverständigenrat aus vier Männern und nur einer Frau bestand: Es fehle an Ökonominnen, hieß es.

Es gibt nur wenige VWL-Professorinnen

Richtig ist, dass die Wirtschaftswissenschaften weiterhin eine Männerdomäne sind – besonders in Deutschland. Gerade einmal 20 Prozent der Professuren sind hierzulande mit Ökonominnen besetzt, zeigt eine Auswertung der European Economic Association. Trotzdem sagt der Frankfurter Ökonom Guido Friebel, der daran mitgearbeitet hat: „Es gibt durchaus genug qualifizierte Frauen mit der entsprechenden wissenschaftlichen und politischen Erfahrung, die für den Sachverständigenrat infrage kämen.“

Nicola Fuchs-Schündeln ist Professorin für Makroökonomie und Entwicklung an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Foto: picture alliance / Kay Nietfeld/ Vergrößern
Nicola Fuchs-Schündeln ist Professorin für Makroökonomie und Entwicklung an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. © picture alliance / Kay Nietfeld/

Unter ihnen ist zum Beispiel die Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln, die gerade erst in den neuen deutsch-französischen Expertenrat für Wirtschaft berufen worden ist. Sie ist Professorin für Makroökonomie und Entwicklung an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, hat zuvor in Harvard und Stanford gelehrt.

2017 hat sie den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhalten, die höchste Ehrung für Wissenschaftler in Deutschland. Auch sitzt sie im wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums. Hans-Peter Klös, Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, könnte sie sich daher gut als Wirtschaftsweise vorstellen.

Heike Schweitzer ist Sonderberaterin von EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager. Foto: privat Vergrößern
Heike Schweitzer ist Sonderberaterin von EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager. © privat

Ins Spiel bringt Klös zudem die Berliner Wettbewerbsrechtlerin Heike Schweitzer. Sie ist zwar Juristin, keine Ökonomin, kennt sich aber mit Technologie- und Wettbewerbspolitik aus: Themen, die zunehmend wichtig werden.

Schon jetzt berät Schweitzer sowohl die Bundesregierung als auch EU-Kommissarin Margrethe Vestager in der Frage, wie man Techkonzernen wie Google, Amazon und Facebook Grenzen setzen könnte. Davon könnte auch der Sachverständigenrat profitieren. In seinen Gutachten, meint Klös, fänden die Folgen von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz (KI) bislang noch zu wenig Beachtung.

Claudia Kemfert leitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt. Foto: picture alliance / dpa Vergrößern
Claudia Kemfert leitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt. © picture alliance / dpa

Geht es um Themen, die immer wichtiger werden, könnte auch die Energieexpertin Claudia Kemfert für einen Posten im Sachverständigenrat infrage kommen. Am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) leitet sie die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt, zudem lehrt sie Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance.

Gegen ihre Nominierung könnte allerdings sprechen, dass sie bereits im Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung sitzt. Chancen auf einen der freien Posten als Wirtschaftsweise haben sollen auch Regina Riphahn von der Universität Erlangen-Nürnberg und Christina Gathmann von der Universität Heidelberg, die beide den Arbeitsmarkt erforschen.

Der geringe Frauenanteil im Sachverständigenrat ist ein Politikum

Auch Claus Michaelsen, Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik am DIW, hält die Berufung zweier Frauen in den Sachverständigenrat für „ein wichtiges Ziel“. Allein schon weil gesetzlich vorgeschrieben ist, dass Bundesgremien paritätisch besetzt sein sollen. Damit müssten unter den fünf Mitgliedern des Sachverständigenrats längst zwei Frauen sein.

Dass die Wirtschaftsweisen das bislang nicht erfüllen, ist ein Politikum. So fragten bereits im Frühjahr viele, als der Platz von Peter Bofinger im Sachverständigenrat nachbesetzt wurde: Warum wird es keine Frau? Anja Hajduk, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, sagt: „Die zwei freien Posten sollten unbedingt mit qualifizierten Ökonominnen besetzt werden, um zu zeigen, dass Parität in diesem wichtigen wirtschaftspolitischen Gremium erstens möglich ist und zweitens ernst genommen wird.“

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