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Roboter müssen nicht schlafen. In der kalifornischen Tesla-Fabrik sind viele Teile der Produktion automatisiert. Foto: Noah Berger/Reuters
© Noah Berger/Reuters

Wenn nötig nachts arbeiten Was deutsche Fachkräfte bei Tesla erwartet

Zweisprachigkeit und hohe Flexibilität: Tesla sucht in Brandenburg nach Fachkräften. Die Anforderungen sind extrem und verraten viel über das Unternehmen.

Wer den Job will, sollte eine Vision haben. Darf sich nicht fürchten, diese gegen Widerstände umzusetzen. Als Manager der Lieferketten müsse derjenige die Beschaffung von Materialien und Waren „leben und atmen“. Er oder sie sollen aufgeschlossen sein, improvisieren und Probleme lösen können, seine oder ihre Persönlichkeit permanent weiterentwickeln. Das sind viele Anforderungen an eine einzige Person. Für all das kriege der Bewerber oder die Bewerberin andersherum ein ordentliches Gehalt – und Anteile an Tesla.

So klingt eine von 137 Stellenangeboten des Autobauers für seine Fabrik in Grünheide, meist in englischer Sprache verfasst. Der US-Elektroautobauer rechnet für seine Gigafactory mit bis zu 10 500 Mitarbeitern. Vorgesehen ist ein Drei- Schicht-Betrieb pro Tag. In einer Schicht sollen zwischen 3000 und 3500 Beschäftigte arbeiten. Der Bau der Fabrik soll in diesem Jahr beginnen, die Produktion im nächsten Jahr. Im Antrag von Tesla für die umweltrechtliche Genehmigung werden unterschiedliche Angaben zur Mitarbeiterzahl gemacht. Dort ist auch von bis zu 12 000 direkten Arbeitsplätzen die Rede, darunter viele Ausbildungsplätze. All jene müssen nun gefunden werden.

Was muss jemand können, der bei Tesla arbeiten möchte? Was erwartet sie oder ihn dort? Zunächst einmal werden Fachkräfte für sämtliche Bereiche gesucht – den Einkauf, die Personalgewinnung, Logistik und juristische Beratungen. Manager und Ingenieure, Fachkräfte für die Produktion wie Karosseriebauer und Lackierer, Wach- und Sicherheitsfachkräfte, KFZ-Mechatroniker. Was dafür unter anderem nötig ist? In der Anzeige heißt es: „Du besitzt die Fähigkeit dich in einem ständig ändernden Umfeld mit neuen Technologien anzupassen.“

Ingenieuren wird bei Tesla Großes versprochen

Tesla produziert in Brandenburg voraussichtlich ab 2021 für den europäischen Markt – neben VW, BMW, Audi, Daimler und Porsche. Künftig wird also nicht nur intensiv um Kundschaft gebuhlt, sondern auch um Fachkräfte, die in vielen Branchen derzeit enorm begehrt sind. Deswegen wird Ingenieuren bei Tesla Großes versprochen.

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Softwareingenieure sollen bald das allereffektivste System zum autonomen Fahren erstellen. Andere kümmern sich um die elektronischen Komponenten oder um die Roboter in den Werkshallen. Was für ein Typ Mensch bei Tesla gesucht wird? „Klug, aber bescheiden“, soll er sein, „mit einer Neigung zum Handeln“. Er oder sie müsse fähig sein, unter sehr hohem Druck zu arbeiten und dem strengen Auge von Vorgesetzten und Entscheidern. Außerdem sollen Ingenieure gewillt sein, nachts und an den Wochenenden zu arbeiten, wenn ein Projekt dies erfordert. Dafür seien alle, die bei Tesla anfangen, „Teil eines weltweit erstklassigen Teams von Ingenieuren.“ Und nicht nur das.

„Wir bieten eine Arbeitsumgebung mit echter Chancengleichheit, in der sich jeder ungeachtet von Geschlecht, Herkunft, Religion, Alter oder Herkunft voll einbringen und verwirklichen kann“, heißt es auf der Internetseite. Die Arbeitskultur sei von einem hohem Tempo geprägt und verlange vollen Einsatz. Tesla lege außerdem Wert darauf, dass sich Mitarbeiter mit dieser Unternehmensphilosophie identifizieren. Mit Musks Mission.

Elon Musk sagt, er arbeite 120 Stunden in der Woche. Foto: AFP Vergrößern
Elon Musk sagt, er arbeite 120 Stunden in der Woche. © AFP

Die Mission: Nicht weniger als die Welt verbessern

„Unsere Mission begeistert die besten und hellsten Köpfe der Welt und bringt sie zu uns, um an dieser Zukunft mitzuwirken“, heißt es vom Unternehmen, dem es wahrlich nicht an Selbstbewusstsein mangelt. Bei Tesla würden Talente an Lösungen für die dringlichsten Probleme unserer Welt arbeiten. Und damit die Welt zu einem besseren Ort machen.

Vom Schichtleiter in der Montage erwartet Tesla deswegen „Offenheit für Nachtarbeit, einschließlich Überstunden an Wochentagen und Wochenenden“. Wer für Elon Musk in Deutschland nach Talenten sucht, muss nicht nur hervorragend vernetzt sein und offline wie online nach den Besten der Besten suchen. Er hat die Boolesche Suchmaschinensteuerung zu beherrschen. Und ganz egal wie hochspezialisiert und hart jemand zu kriegen ist – er oder sie muss den perfekten Kandidaten finden. Fließend deutsch und englisch sprechen ist ein Muss. Weitere Sprachen sind erwünscht.

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Was noch viel über die Kultur bei Tesla aussagt: Laut den Stellenausschreibungen sollten Mitarbeiter die Fähigkeit mitbringen, „mit Mehrdeutigkeiten umzugehen und in einer schnelllebigen Umgebung zu arbeiten“. Sie sollten bereit sein, „die Ärmel hochzukrempeln, um Dinge zu erledigen“. Immerhin seien sie nicht Teil irgendeiner Idee, sondern des „globalen Übergangs zu nachhaltiger Energie“. Selbst ein Praktikum bedeutet bei Tesla nicht weniger als eine einmalige Chance im Leben.

Elon Musk arbeitet angeblich 120 Stunden in der Woche

Wie es den Mitarbeitern mit diesen Ansprüchen, diesem Eifer geht? In den USA wird Tesla seit Jahren schon für seine Bedingungen kritisiert. Mitarbeiter sprachen schon von 70-Stunden-Wochen, 80- Stunden-Wochen. Ein Beschäftigter erzählte, deswegen teilweise in der Fabrik zu schlafen. Schon weit öfter als hundert Mal kam der Notarztwagen vorbei.

Als der Elektroautopionier im zweiten Quartal trotz Coronakrise die Gewinnschwelle erreichen wollte, forderte Tesla-Chef Elon Musk in einer internen Mail seine Mitarbeiter dazu auf, dass sie „alles geben sollten, um ein gutes Ergebnis zu erzielen“. Wie spielt keine Rolle. Trotz der immer schlimmer werdenden Pandemie in den USA befahl er seinen Mitarbeiter, sie sollten trotz mehr und mehr Infizierten im Land wieder zur Arbeit kommen. Andernfalls bekämen sie kein Geld. Elon Musk lässt sich doch von einem Virus nicht bremsen!

Die IG Metall stellt sich schon jetzt auf harte Auseinandersetzungen mit seinem Unternehmen ein. Auch deswegen, weil anfangs viele Beschäftigte gesucht wurden, die polnisch sprechen. Wenn der US-Konzern für sein geplantes Werk bei Berlin deutsche Infrastruktur nutze und zugleich niedrig entlohnte Arbeitskräfte aus Polen hole, sei das „purer Kapitalismus“, sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. „Ich sehe da ordentlich Krach für uns.“ Anscheinend hat Tesla schon mitbekommen, dass in Deutschland andere Arbeitsregeln herrschen. Zumindest suchen das Unternehmen gerade Experten für Arbeitsrecht und Arbeitsschutz.

Elon Musk erzählt über sich, 120 Stunden in der Woche zu arbeiten. Er sagt, dass es natürlich viel einfachere Orte gebe, um sein Geld zu verdienen, als bei Tesla. Von ihm stammt aber auch der Satz: „Niemand hat jemals die Welt mit 40 Stunden pro Woche verändert.“ Nachdem ein skeptischer Twitter-User fragte, wie viele Stunden es denn benötige, um die Welt zu verändern, gab Musk an, dass es von Person zu Person anders sei. 80 Stunden seien die Norm, hundert Stunden durchaus mal nötig.

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