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Der ALSTOM Coradia iLint wird bereits seit zwei Jahren in Niedersachsen eingesetzt. Foto: imago/Karina Hessland
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Wasserstoff auf der Schiene Siemens und die Bahn kooperieren

Brennstoffzelle statt Diesel: Die Bahn will ab Mitte des Jahrzehnts saubere Züge im Regionalverkehr einsetzen. Testbetrieb in Tübingen.

Zwei Schwergewichte der deutschen Wirtschaft bewegen sich gemeinsam in die Zukunft. Siemens und die Bahn bringen einen mit Wasserstoff angetriebenen Zug auf die Schiene. Das wird allerdings noch ein paar Jahre dauern: 2024 peilen die Partner den Probetrieb auf einer Strecke zwischen Tübingen, Horb und Pforzheim an. Der Siemens- Konkurrent Alstom hat ein paar Jahre Vorsprung. Im Herbst 2018 begannen die Testfahrten des „Coradia iLint" auf einer bislang mit Dieselfahrzeugen befahrenen Strecke im niedersächsischen Weser-Elbe-Netz. Der Coradia wird im Alstom-Werk Salzgitter gebaut, weshalb die niedersächsische Landesregierung nicht nur den Testbetrieb förderte, sondern inzwischen auch 14 Züge für gut 80 Millionen Euro bei Alstom bestellt hat, die von 2022 an zwischen Cuxhaven, Bremerhaven und Buxtehude unterwegs sein werden. 27 weitere Coradia fahren ebenfalls von 2022 an auf vier Strecken im Taunus.


Alstom ist weiter als Siemens

Die französische Alstom scheint also weiter zu sein als Siemens Mobility, wie sich die Schienensparte von Siemens nennt. Doch die Deutschen machen Unterschiede geltend: Der Alstom-Zug sei ein umgebauter Dieseltriebwagen, der Siemens „Mireo Plus H“ dagegen basiere auf einer neuen Plattform, die sowohl die Herstellung von batterielektrischen als auch von Wasserstoffzügen ermögliche. Darüberhinaus erreiche der Siemens-Zug eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h, der Alstom Coradia aber nur 140 km/h, heißt es bei Siemens Mobility. Der Mireo wird in Krefeld gebaut. Zu welchen Kosten, ist offen. Der Alstom Coradia war anfangs rund ein Drittel teurer als ein Dieseltriebwagen.

Lkw, Züge und Schiffe kommen in Frage

Grüner Wasserstoff, der aus erneuerbarer Energie produziert wird, ist das wirkungsvollste Mittel zur Dekarbonisierung von Industrie und Verkehr. Ohne Wasserstoff könnten etwa die Chemie- und Stahlindustrie nicht auf eine CO2-freie Produktion umgestellt werden. Im Verkehr wird in den nächsten Jahren ein Einsatz im Nutzfahrzeugbereich/Lkw, auf der Schiene und in der Binnenschifffahrt angestrebt. Im Pkw-Bereich sind Elektroautos auf absehbare Zeit deutlich effizienter als Wasserstoffautos mit Brennstoffzelle. Die Bundesregierung hat im Rahmen der nationalen Wasserstoffstrategie, für die allein der Bund Milliarden ausgibt, ein paar Dutzend Projekte definiert. Für das Gemeinschaftsprojekt von Bahn und Siemens stellte das Bundesverkehrsministerium eine Förderung in Aussicht.

1300 Dieselzüge im Einsatz

Ein Wasserstoffzug hat eine Brennstoffzelle an Bord, die Wasserstoff und Sauerstoff in Strom umwandeln. Gewissermaßen als Abfallprodukt entsteht nur Wasser oder Wasserdampf, der Zug bläst also keine Schadstoffe in die Luft - anders als die Dieselloks, die bei der Bahn noch auf einem Großteil der Strecke unterwegs sind. Nach eigenen Angaben sind rund 40 Prozent des 33 000 Kilometer langen Schienennetz in Deutschland nicht elektrifiziert und werden mit rund 1300 Dieseltriebwagen befahren, die allein die Bahn noch in ihrem Fuhrpark hat. Gemessen an der Verkehrsleistung der Bahn spricht die Statistik allerdings eine andere Sprache: 90 Prozent der gefahrenen Kilometer ist die Bahn elektrisch unterwegs; Oberleitungen versorgen im Fernverkehr die Züge mit Strom.
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In 15 Minuten vollgetankt

In abseitig gelegenen Gegenden des Regionalverkehrs lohen sich Oberleitungen nicht. Hier soll die Diesellok nach und nach vom Wasserstoffzug ersetzt werden. Dazu entwickelt die Bahn eine neue Wasserstofftankstelle, mit der in 15 Minuten der Triebwagen vollgetankt ist. So viel Zeit benötigt auch eine Dieselzug. Die Tankdauer sei „ein wichtiger Aspekt angesichts der eng getaktet Zufolgen im Regionalverkehr“.
Der Wasserstoff werde „in einer mobilen Tankstelle im DB Regio-Werk Tübingen durch Elektrolyse erzeugt“, teilten die Deutsche Bahn und Siemens Mobility mit. Im Elektrolyseur wird Wasser mit Hilfe von Strom in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten.

„In einem Kompressor verdichtet, wird der Wasserstoff in einem modernen Speicher gelagert.“ Vor dem Tankvorgang werde der grüne Treibstoff in einem „daneben liegenden Tanktrailer aufbereitet und gekühlt“. Dieser „mobile Aufbau“ ermögliche weitere Erprobungsprojekte, teilten Bahn und Siemens mit.

Siemens erwartet hohe Nachfrage

Alles in allem werde man im baden-württembergischen Testbetrieb ein neues Gesamtsystem aus einem neu entwickelten Zug und einer neu konzipierten Tankstelle erproben. „Mit diesem Projekt beweisen wir einmal mehr, dass die Deutsche Bahn nicht nur eine Mobilitäts- sondern auch ein Technologiekonzern ist“, meinte DB-Vorstandsmitglied Sabina Jeschke. Siemens wiederum hofft auf eine dynamische Nachfrage. Der Konzern erwarte in Kürze weitere Aufträge zur Lieferung des Mireo Plus H, der den Angaben zufolge mit einer Tankfüllung 600 Kilometer weit fährt. Im Testbetrieb zwischen Tübingen und Pforzheim würden durch den Ersatz des Dieselantriebs in einem Jahr rund 330 Tonnen CO2 gespart, teilten die Partner mit. Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), freute sich, „dass der erste Zug mit dieser neuen und nachhaltigen Technologie hier bei uns unterwegs sein wird“.

Ein batterieelektrisch betriebener Zug mit dem Namen Mireo Plus fährt bereit im Südwesten. Und 20 weitere dieser Elektrozüge liefert Siemens an die Landesanstalt für Schienenfahrzeuge, die die sauberen Triebwagen in der Ortenau rund um Offenburg einsetzt. Weitere Elektro-Mireos seien in Österreich unterwegs und womöglich demnächst auch in Sachsen, hieß es bei Siemens.

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