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Das Corona-Warn-Armband ähnelt einem Fitnesstracker. Foto: Getty Images / iStockphoto
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Warnung per Armband So soll die Corona-App am Handgelenk funktionieren

Miriam Schröder

Viele Menschen können die Corona-Warn-App nicht nutzen. In Kiel soll daher ein Armband in einem Pilotversuch getestet werden.

Gut eine Woche nach dem Start wurde die Corona-Warn-App inzwischen 13 Millionen Mal heruntergeladen. Die Bundesregierung sieht das als „erfolgreichen und sehr erfreulichen Start“. Im internationalen Vergleich hat sie damit Recht: So wurde die bereits vor drei Wochen gestartete französische Tracing-App erst 1,9 Millionen Mal installiert. Trotzdem hat sich nach einem rasanten Start die Zahl der Neuinstallationen deutlich verlangsamt.

Wird daher nun die Werbung deutlich ausgeweitet? Die Kampagne „wird auch in den nächsten Wochen fortgeführt“, sagt dazu ein Regierungssprecher. „Dazu gehört auch eine Influencer-Kampagne in den Sozialen Medien.“

Wie viel das bringt, muss sich zeigen, denn die möglichen Gründe für das langsamere Wachstum sind vielschichtig.

Ein wichtiger dürfte sein, dass aus technischen Gründen nicht jede und jeder die App herunterladen kann – notwendig dafür ist ein Mobiltelefon mit einem aktuellen Betriebssystem.

Etwa 85 Prozent der in Deutschland vorhandenen Smartphones sind nach Schätzung der Bundesregierung mit der App kompatibel. „Es ist natürlich ärgerlich, wenn man ein fünf Jahre altes Smartphone hat und dann kann man die App nicht mehr nutzen“, sagte Kanzleramtschef Helge Braun im „Bayerischen Rundfunk“. Man sei daher im Kontakt mit den Herstellern, insbesondere Apple und Google. „Da haben wir noch keine Rückmeldung, aber wir sind da dran.“ Allerdings sind die Chancen gering, die App in größerem Stil auf älteren Geräten zum Laufen zu bekommen. Denn die dort verbauten Funkchips sollen beispielsweise die nötige stromsparende Bluetooth-Variante nicht beherrschen.

Kieler Team hat Funkarmband entwickelt

Manche Experten fordern darum den Einsatz alternativer Technologien für die digitale Kontaktverfolgung. „Ich könnte mir sehr gut vorstellen, wenn es technisch möglich ist, dass wir Bluetooth-Devices in Form von Schlüsselanhängern entwickeln“, sagte etwa Jens Zimmermann, der digitalpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, am Montag beim Tagesspiegel-Cybersec-Lunch. Die Geräte könnten dann von den Krankenkassen verteilt und vom Staat subventioniert werden. „Man stellt doch gerade fest, wie viele Menschen nicht das neueste Handy haben“, betonte Klaus Müller, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen: „Das schafft Verdruss, Ängste und Sorgen“.

In Singapur ist ein vergleichbares Tool bereits in Arbeit und auch in Österreich hatte die Regierung einen Bluetooth-Schlüsselanhänger angekündigt. Auch hierzulande wird schon an solch einer Alternativlösung gearbeitet, allerdings in Form eines Armbandes. Entwickelt wird es von Olaf Landsiedel, Informatikprofessor an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, dem Geschäftsführer des Internetproviders Addix, Björn Schwarze, und Benjamin Walczak vom Kieler Bündnis gegen Altersarmut „Die Groschendreher“.

Derzeit warten sie auf die Lieferung der ersten 100 Testarmbänder aus China. „Wir haben das System Eins zu Eins kopiert“, sagt Walczak, der auch Informatiker ist. Dies war möglich, da der Code der App und Schnittstellen offen im Netz zur Verfügung steht. Das Armband erzeugt so auf die gleiche Weise die Schlüssel, mit denen Kontakte ausgetauscht und anonym gespeichert werden. Die Entwickler gehen davon aus, dass es daher mit der Smartphone-App kompatibel wäre.

Telekom und SAP planen keine technische Alternative

Auch der Umwelt- und Digitalminister von Schleswig-Holstein, Jan Philipp Albrecht(Grüne), verspricht sich von der Lösung viel. „Jetzt wäre es wichtig, dass der Bund die Corona-App zügig darauf ausweitet und Bänder für Bedürftige zur Verfügung stellt“, fordert Albrecht auf Twitter. Doch bislang gibt es dafür keine Pläne. Ein Sprecher der Deutschen Telekom, die gemeinsam mit SAP die App entwickelt und betreibt, erklärt auf Anfrage, es gäbe bislang keinerlei Überlegungen zu Schlüsselanhängern oder Armbändern. „Kompatible Geräte müssten ja die Schnittstelle von Google/Apple unterstützen“, sagt ein Telekom-Sprecher. „Der Charme der aktuellen Lösung ist ja der, dass sie auf vorhandenen Technologien beruht: Das Smartphone in fast jeder Jackentasche.“ Auch von SAP heißt es, der Fokus liege derzeit komplett auf der App. „In puncto Token wären einfach zu viele Fragen zu klären: Wie sieht es mit dem Datenschutz aus oder wie würden Updates oder Bugfixes funktionieren?“, so ein SAP-Sprecher. „Über das Problem fehlender Internetverbindungen ist hier noch gar nicht geredet.“

Die technischen Tücken der Armband-Lösung

Die Kieler Entwickler sagen dagegen, ihre Lösung könnte die Schnittstelle unterstützen. Trotzdem gibt es für den praktischen Einsatz des Armbandes Hürden. Denn es könnte zwar wie die Smartphone-App Kontakte sammeln und speichern, das Problem ist jedoch, die Information zu empfangen, dass sich einer davon infiziert.

Die App empfängt solch eine Warnung automatisch über das Internet. Daher müssten sich auch Nutzer des Armbandes in regelmäßigen Abständen mit WLAN-Netzen verbinden, um zu prüfen, ob Warnmeldungen vorliegen. Die Kieler wollen daher auf das kostenlose LandesnetzSH_WLAN zurückgreifen, das vom Partner Addix betrieben wird. „Das Armband könnte sich automatisch in das SH-Netz einwählen und die nötigen Daten herunterladen“, sagt Walczak. Alternativ könnten eigene Lesestationen aufgestellt werden oder man müsste das WLAN von Verwandten, Freunden oder Nachbarn nutzen.

Eine weitere Herausforderung wäre es zudem, wenn ein Armbandnutzer selbst positiv getestet würde, die Warnung an die eigenen Kontakte auszulösen. „Eventuell müsste es vom Gesundheitsamt abgeholt und ausgelesen werden“, sagt Walczak. Man sei dazu im Kontakt mit der Kieler Behörde und habe auch eine Absichtserklärung mit der Stadt unterschrieben. Ziel ist es, dass Kiel zur Pilotkommune wird und man dort Erfahrungen sammeln könne.

Ähnliche Ideen in Österreich und Singapur

In Österreich ist ein ähnliches Vorhaben dagegen eingeschlafen. Dabei hatte Bundeskanzler Sebastian Kurz bereits Anfang April in einem Interview mit der Tageszeitung „Der Standard“ gesagt: „Es gibt rund zwei Millionen Österreicher ohne Smartphone. Hier wird es die Möglichkeit geben, einen entsprechenden Schlüsselanhänger zu entwickeln.“ „Da diese Konzepte noch nicht komplett ausgereift sind und auch die Finanzierung noch nicht geklärt ist, ist die Umsetzung des Projektes derzeit noch offen“, sagte ein Sprecher des in die App-Entwicklung involvierten Österreichischen Roten Kreuzes dem Tagesspiegel.

Dagegen will Singapur bald ein entsprechendes Gerät ausliefern. Der TraceTogether Token soll auf die gleiche Weise wie die App funktionieren und Bluetooth-Signale nutzen, um andere Geräte in der Nähe aufzuzeichnen. Erste Transponder sollen noch in diesem Monat verteilt werden, insbesondere an Kinder und ältere Menschen ohne Smartphone. Der Token hat jedoch keine Internet- oder Mobilfunkverbindung. Im Falle einer bestätigten Infektion soll der Benutzer das Gerät an die Kontaktverfolger des Gesundheitsministeriums übergeben.

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