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EVG-Chef Alexander Kirchner geht Ende 2019 in den Ruhestand. Foto: Soeren Stache/dpa
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Warnstreik und Tarifkonflikt bei der Bahn Was treibt die Gewerkschaft EVG um?

Am Dienstag verhandelt die EVG nach dem Warnstreik wieder mit der Bahn. Für Gewerkschaftschef Alexander Kirchner ist das der letzte Kampf.

Genug gearbeitet. Alexander Kirchner begann 1973 mit 17 Jahren die Ausbildung zum Energieanlagen-Elektroniker. Im nächsten Sommer feiert er seinen 63. Geburtstag – und geht im Herbst in den Ruhestand. Lässt der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG es deshalb gerade so richtig krachen, weil es seine letzte Tarifrunde ist? Am Montag legte die EVG den Bahnverkehr weitgehend still, heute wird wieder verhandelt.

Krawall kennt man von der Gewerkschaft der Lokführer GdL unter ihrem Vorsitzenden Claus Weselsky, aber nicht von der unauffällig und behutsam agierenden EVG. Die hatte Arbeitskämpfe zum Zwecke der Mitgliedermobilisierung und -werbung auch lange Zeit nicht nötig, denn mit 160 000 Mitgliedern ist sie viel größer als die GdL mit ihren knapp 34 000. Aber 2010, als Kirchner den Job an der EVG-Spitze übernahm, waren es noch 50 000 Mitglieder mehr.

Die EVG ist viel grösser als die GdL

Damals fusionierte die Gewerkschaft Transnet mit der Verkehrsgewerkschaft GDBA zur EVG. Das Besondere dabei: Transnet gehört zum DGB, die GDBA zum Beamtenbund. Die EVG wiederum ist bis heute eine der acht DGB-Gewerkschaften, während die Lokführer der GdL unter dem Dach des Beamtenbundes dbb angesiedelt sind. Parallel zum Fusionsprozess, den Weselsky damals als „etwas Behindertes“ zu disqualifizieren versuchte, da sich zwei angeschlagenen Gewerkschaften zusammentaten, traten die Lokführer immer aggressiver auf. Nicht nur gegenüber dem Arbeitgeber, sondern auch gegenüber der Konkurrenzgewerkschaft EVG. „Keine Gewerkschaft vertritt die Interessen des Zugpersonals besser als die GdL“, proklamiert die kleine Gewerkschaft bis heute.

Ganz anderer Typ als Weselsky

Große Klappe gehört zum Image Weselskys, Zurückhaltung und und Besonnenheit zeichnen Kirchner aus. Beide Gewerkschafter kennen sich lange. Im ersten großen Arbeitskampf bei der Bahn 2007/08 war der eine, Weselsky, die rechte Hand des GdL-Vorsitzenden Manfred Schell, der andere, Kirchner, oberster Berater von Norbert Hansen (Transnet). Als Hansen dann im Sommer 2008 die Seiten wechselte und Personalchef bei der Bahn wurde, rückte Kirchner an die Spitze. Und musste sich mit der Wirkung des „Verrats“ von Hansen auf die Gewerkschaft herumschlagen.

War der Streik verhältnismäßig

Das ist Geschichte. Aktuell blickt Weselsky amüsiert auf den Warnstreik der Konkurrenz, den er nicht so richtig nachvollziehen kann, ist die Bahn doch in den parallel laufenden Verhandlungen den beiden Gewerkschaften entgegengekommen. Musste ein Warnstreik sein wegen ein paar Monaten Vertragslaufzeit?

Die Frage der Verhältnismäßigkeit stellt sich bei jeder Streikaktion. Aber wenn schon ein auf wenige Stunden beschränkter Warnstreik das halbe Land aus dem Rhythmus bringt und Millionen Menschen mittelbar trifft, dann hat die Entscheidung der EVG-Strategen noch eine andere Nebenwirkung: Sie liefert denen Argumente, die bei Konflikten im Bereich der Daseinsvorsorge immer wieder eine Einschränkung des Streikrechts fordern. Das ist ganz gewiss nicht in Kirchners Sinn. Aber vielleicht ist der forsche Auftritt der EVG auch schon Teil eines Wettbewerbs um die Kirchner-Nachfolge.

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