Füße hoch legen. Die Generation Y möchte zwar arbeiten. Sie will das Leben aber auch genießen. Foto: Nicole Harrington/unsplash.com
p

Wandel der Arbeitswelt Weniger leisten, mehr leben

16 Kommentare

Vor 200 Jahren sollte der Mensch fleißig und gesellig sein. Dann hat er angefangen, sich nur noch über die Arbeit zu definieren. Was sich wieder ändert.

Es ist ein gefährliches Versprechen: Wer viel leistet, wird mit Geld belohnt und hochgeschätzt. Doch was sollen dann hart arbeitende Putzfrauen denken, die kaum etwas für ihre Arbeit bekommen? Was Pflegekräfte? Oder Hebammen? Machen sie keinen wichtigen Job? Haben sie keinen Grund, abends stolz nach Hause zu gehen?

Im heutigen Alltagsverständnis ist Leistung gleichbedeutend mit Erwerbsarbeit und ein wesentliches Kriterium für unterschiedlich hohe Löhne. Dieses Denken wird zunehmend kritisiert: von Nicht-Akademikern, weil die Herkunft nach wie vor stark bestimmt, was aus jemandem wird. Von Briefträgern, die lesen, dass der Post-Chef jeden Tag 232 Mal so viel verdient wie sie. Von Rentnern, die an der Suppenküche anstehen, obwohl sie ihr Leben lang geschuftet haben. Das Leistungsversprechen führt entweder zu Enttäuschungen oder zur völligen Erschöpfung. Es bröckelt sichtbar.

Die Historikerin Nina Verheyen von der Universität Köln hat in diesem Jahr passend dazu das Buch mit dem Titel „Die Erfindung der Leistung“ veröffentlicht. Sie schreibt darin: „Jede Leistungsgesellschaft produziert Ungerechtigkeiten und Kummer.“ Wie wahr, werden Psychologen denken: Das Gefühl, nur bei Erfolgen etwas wert zu sein, aus diesem Grund nicht zu genügen, ist Anlass von etlichen Therapien in diesem Land.

Erste Frage: Und was machst du so beruflich?

Die Vorstellung von individueller Leistung, wie sie heute in den Köpfen existiert, entstand dabei erst im 19. Jahrhundert. Zuvor hatten bürgerliche Männer zwar auch Wert auf ihre Arbeit gelegt, aber ebenso auf Bildung, Geselligkeit, Wohltätigkeit, die Familie. Das Ideal war ein „ganzer Mensch“ – und keiner, der sich nur über seinen Job definiert. Die erste Small-Talk-Frage lautet heutzutage meist: Und was machst du so beruflich?

Zunächst einmal hatte der Wandel damals einen guten Kern, da er Status und Einkommen an Leistung statt an die Abstammung knüpfen wollte. Das sollte die Produktivität steigern und die Gesellschaft gerechter machen. Im Zuge der Industrialisierung entstand jedoch das Bild, dass auch der menschliche Körper ein Motor sei und dementsprechend eine Leistung erbringe – definiert als Arbeit pro Zeit. Man fing an, das Ergebnis des Einzelnen genau zu messen und mit denen von anderen zu vergleichen, etwa mit Schulnoten und ersten Intelligenztests. Doch schon im deutschen Kaiserreich wurde diskutiert, ob der schulische Notendruck nicht krank mache.

„Es gibt aber keine individuelle Leistung im quasiphysikalischen Sinn“, kritisiert Verheyen. Das soziale Umfeld sei unter anderem entscheidend: Haben die Eltern den Charakter gestärkt? Motiviert der Chef oder frustriert er? Außerdem komme es immer darauf an, wer über das Können eines anderen urteile und nach welchen Maßstäben. Zur Gegenwart sagt die Historikerin: „Wir leben im Zeitalter der Leistung und der Leistungskritik.“

Sollte der Philosoph Richard David Precht in seinen Interviews Recht haben, wird es damit bald vorbei sein. Seine These lautet: Wegen der Digitalisierung werden viele Jobs verschwinden. Die Menschen würden insgesamt weniger oder gar nicht mehr arbeiten. Deshalb sollte langsam schon jetzt überlegt werden, was den Menschen in Zukunft ausmacht, wenn Arbeit an Bedeutung verliert.

Die jungen Menschen wollen anders leben

Hinzu kommt, dass die junge Generation anders leben möchte. Ihre Eltern und Großeltern haben wegen ihrer Sozialisation noch gelebt, um zu arbeiten. Es galt Sicherheit statt Selbstverwirklichung. Viele junge Menschen denken heute andersherum. Jeder zweite Beschäftigte möchte zum Beispiel weniger Zeit im Büro verbringen. Der Wunsch ist eine 35-Stunden-Woche, wie eine aktuelle Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz zeigt – auch ruhig für weniger Geld. Manche Unternehmen werben mit mehr Freiheit und Freizeit um gute Mitarbeiter. Das Sabbatical, heißt es, sei der neue Dienstwagen geworden.

Auch bei den beschlossenen Arbeitsgesetzen in diesem Jahr wie dem Rechtsanspruch auf Brückenteilzeit geht es um dieses Bedürfnis. „Arbeit, die zum Leben passt – das ist für immer mehr Menschen ein entscheidender Wert und für mich ein wesentliches Ziel“, sagt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Zwar liegt das auch an der gesellschaftlichen Entwicklung, dass Frauen und Männer berufstätig sein, und nicht mehr nur der Mann, während die Frau zu Hause für Kinder und Haushalt sorgt. Es liegt aber auch an einem Zuviel an Stress und permanenter Optimierung – sogar des Schlafs – und dem Wunsch, die Lebenszeit wieder ausgeglichener aufzuteilen. Die einen mögen das eine Luxushaltung nennen, die anderen eine dringende Notwendigkeit.

Der Numerus clausus wird infrage gestellt. Neben Noten zählen emotionale Fähigkeiten immer mehr. Väter, die sich eine längere Auszeit für die Familie nehmen, sind Vorbilder. Immer mehr Führungskräfte wollen eher gute Ergebnisse sehen als überlanges Rumsitzen am Abend. Es verändert sich etwas. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, sieht aber auch ein Konfliktpotenzial darin, „wie wir als Gesellschaft Leistung definieren“. Einige würden sie noch immer mit hohen Einkommen gleichsetzen und eine Entlastung der Besserverdienenden fordern. „Immer mehr Menschen definieren Leistung jedoch nicht mehr über Geld, sondern über den gesellschaftlichen Beitrag und Solidarität“, sagt er. Dieser Konflikt spalte das Land. „Daher brauchen wir dringend eine stärkere Debatte zu dieser wichtigen Frage.“

Auch Verheyen verteufelt den Leistungsgedanken nicht per se. Es sei im Vergleich zu Herkunft oder Gesinnung immer noch die beste Ordnungskategorie des Miteinanders. Aber auch sie plädiert für ein sozialeres Verständnis. Dass jemand fürsorglich ist, sich um andere Menschen kümmert, solle wieder von größerem Wert sein.

Zur Startseite