Aktuelle Debatten über weniger Leistung und mehr Zeit

Füße hoch legen. Die Generation Y möchte zwar arbeiten. Sie will das Leben aber auch genießen. Foto: Nicole Harrington/unsplash.com
Wandel der Arbeitswelt Weniger leisten, mehr leben

Diese aktuellen Debatten drehen sich ebenfalls um weniger Leistungsdruck und mehr Zeit:

Geld ohne Gegenleistung

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens rüttelt am Kern der Prinzipien von Lohnarbeit und Leistungsgesellschaft. Wird sie Realität, soll sich niemand mehr um seine Existenz sorgen. Was der Mensch zum Leben braucht, wäre minimal gesichert. Er könnte arbeiten, müsste es aber nicht unbedingt.

Schon im 16. Jahrhundert propagierte der britische Autor Thomas Morus in seinem Roman „Utopia“ einen bedingungslosen Lebensunterhalt, unabhängig von Vermögen, um Diebstähle zu vermeiden. Heute diskutieren Politiker und Unternehmer regelmäßig darüber. In mehreren Ländern gab es schon Pilotprojekte und Volksabstimmungen. Hierzulande ist das Konzept zwar umstritten, aber wer Glück hat, kann es ein Jahr ausprobieren. 2012 gründete der Berliner Michael Bohmeyer den Verein „Mein Grundeinkommen“. Per Crowdfunding wird eine Summe von 12 000 Euro gesammelt und dann an einen von mindestens einer halben Million Teilnehmern verlost. Besonders starkes Interesse hätten 30- bis 40-Jährige mit höherem Bildungsabschluss. Momentan wird für die 247. Runde gesammelt.

Was Gewinner mit dem Geld gemacht haben? Manche haben gekündigt, sich weitergebildet oder den lang ersehnten Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Andere haben ihren Job behalten, aber die Stunden reduziert, um weniger gestresst zu sein und mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Oder sie haben gar nichts geändert, sondern lediglich mit weniger Druck gearbeitet. Dass jemand ein Jahr rein gar nichts macht, habe es noch nicht gegeben. Mit tausend Euro im Monat ist auch kein ausschweifendes Leben möglich. Außerdem seien die meisten intrinsisch motiviert, zu arbeiten. Vor allem, wenn die Aufgaben Spaß machen.

Sozialhilfe ohne Strafen

Momentan diskutieren Politiker wieder darüber, ob Hartz IV reformiert oder abgeschafft werden sollte. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sagte kürzlich im Interview mit dem Tagesspiegel: „Arbeit muss immer einen Unterschied machen. Ich bin deshalb auch kein Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens.“ Außerdem ist Heil dagegen, auf Forderungen an die Leistungsbezieher vollkommen zu verzichten. „Wenn jemand zum zehnten Mal nicht zu einem Termin beim Amt erscheint, sollte das Konsequenzen haben.“

Parteichefin Andrea Nahles hatte zuvor eine „Sozialstaatsreform 2025“ gefordert und angekündigt: „Wir werden Hartz IV hinter uns lassen.“ Eine neue Grundsicherung solle ein Bürgergeld sein. Grünen-Chef Robert Habeck schlägt eine „Garantiesicherung“ vor, bei der es keinen Zwang zur Arbeit und Sanktionen geben soll. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist dagegen. „Geld ohne Gegenleistung widerspricht meinem Bild einer sozialen Marktwirtschaft“, sagte er dem „Handelsblatt“. Wer arbeite, müsse am Ende des Monats mehr Geld haben als jemand, der das nicht tut. Der Bund der Steuerzahler kritisierte in diesem Jahr, dass dieses Prinzip schon jetzt nicht immer gelte. Wer eine vierköpfige Familie ernähren wolle, brauche einen Bruttolohn von mindestens 2540 Euro, um netto das Hartz-IV-Niveau zu erreichen. Allerdings wurde bei den Berechnungen das Kindergeld nicht einbezogen.

Arbeiten und leben

Über die jungen Arbeitnehmer wird oft gemosert, sie seien anspruchsvoll und freizeitorientiert. Jutta Rump ist Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen und Autorin des Buchs „Die jüngere Generation in einer alternden Arbeitswelt – Baby Boomer versus Generation Y“. Zwar seien die Nachwuchskräfte noch immer leistungsorientiert, sagt sie, aber mit der Einschränkung, dass der Job Spaß machen müsse, eine Perspektive habe und sinnvoll erscheine. Außerdem werde der Leistungsbegriff in der Generation Y breiter definiert als rein über den Beruf. „Durch die Relativierung der Arbeit als Lebenssinn im Vergleich zu Lebensgenuss und der Wertschätzung von Familie und Freundeskreis bezieht sich Leistung immer stärker auf das gesamte Leben“, sagt sie.

Die jüngere Generation sei sich sehr wohl bewusst, in einer Leistungsgesellschaft zu leben, und scheue auch keine harte Arbeit. Gleichzeitig habe sie allerdings auch ein gesundes Bewusstsein für die Gefahren, die mit einer hohen beruflichen Belastung einhergehen. Oder die jungen Erwachsenen erinnern sich an Väter, die wegen der Arbeit kaum zu Hause waren und das irgendwann bereut haben.

Aspekte wie „Work-Life-Balance“ oder „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ stehen heute für viele junge Erwachsene vor Statussymbolen und Karriere. Das zeigt sich auch darin, dass die Gewerkschaft IG Metall in diesem Jahr einen Tarifvertrag ausgehandelt hat, der Beschäftigten die Wahl zwischen mehr Lohn und mehr freien Tagen lässt. Die Mehrheit nimmt die freie Zeit. Auch bei der Deutschen Bahn haben in diesem Jahr 58 Prozent der Tarifbeschäftigten anstelle einer Lohnerhöhung sechs Urlaubstage mehr gewählt.

Frei und depressiv sein

Es gibt etliche Umfragen und Studien dazu, dass Stress und psychische Erkrankungen in Deutschland seit Jahren zunehmen. Laut dem DGB-Index Gute Arbeit 2018 fühlen sich bundesweit 52 Prozent der Beschäftigten sehr oft oder oft bei der Arbeit gehetzt und unter Zeitdruck. Ein Viertel der Menschen zeigt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes depressive Symptome. Mehr als eine Million sind wegen Angststörungen oder Depressionen in stationärer Behandlung; sehr viel mehr lassen sich ambulant von einem Therapeuten behandeln. Arbeitsausfälle wegen dieser Leiden haben laut der Techniker Krankenkasse in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 80 Prozent zugenommen.

Die Deutschen seien heute frei wie nie zuvor und trotzdem kollektiv depressiv, beschrieb die Autorin Juli Zeh das Dilemma vor Kurzem in einem Interview mit dem Tagesspiegel-Sonntag. Burnout und Panikattacken seien die Symptome dieser Zeit. Die vielen Optionen würden einen Druck erzeugen, das bestmögliche Leben zu leben. „Das führt dazu, dass schon Dreijährige im Kindergarten Chinesisch lernen sollen, damit sie mit 24 Jahren einen guten Job bekommen.“ Jutta Rump spricht ebenfalls von einem krank machenden Pflichtgefühl der jungen Menschen eben nicht nur im Job, sondern in jedem Lebensbereich: „Der Angehörige dieser Generation, das ist die Schwierigkeit, muss eigentlich in jeder Hinsicht perfekt sein.“

Zur Startseite