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In Startups steckt viel Potential. Noch scheuen sich viele, ein Risiko einzugehen. Foto: dpa/Jens Kalaene
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Start-ups in Deutschland Es fehlt der Mut zum Risiko, um global mitzuhalten

In Europa steigt die Zahl der Neugründungen. Doch vielfach hindert die Mentalität hierzulande die Start-ups daran, ihr ganzes Potential zu entfalten.

Klimakrise, Digitalisierung, demografischer Wandel – die nächste Generation steht vor großen Herausforderungen. Yasmin Olteanu ist sich auch sicher, woher die Antworten darauf kommen werden. „Die bahnbrechenden Innovation, die wir brauchen, um Lösungen zu finden, kommen von Startups. Sie haben die wirklichen Hebel in der Hand,”, sagt die Professorin für Entrepreneurship an der Berliner Hochschule für Technik. Doch gerade hierzulande hindert eine häufig risikoscheue Mentalität die Startup-Szene daran, zu wachsen und zukunftsfähig zu werden – obwohl in ihr so viel Potential schlummert.

Dabei hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Gerade die Corona Pandemie hat viele Neugründungen hervorgebracht, wie aus einer Studie von McKinsey hervorgeht. In Deutschland werden jährlich etwa 2900 Startups gegründet. Vergangenes Jahr konnte Europa ganze 100 Einhörner hervorbringen – so werden Startups genannt, deren Wert eine Milliarde Dollar übersteigt.

Auch die Investitionssummen haben sich 2021 verdreifacht von 6,2 Milliarden Euro auf 17,2 Milliarden Euro. Sicherlich auch Ergebnis der expansiven Geldpolitik der Notenbanken, doch auch ein Ausweis guter Geschäftsideen.

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Ein Blick in die USA zeigt jedoch, dass man Deutschland dort noch immer noch weit voraus ist, allein was Gründungen, Einhörner und Finanzierungen angeht. Selbst viele Startups, die in Europa sogar durch die ersten Finanzierungsrunden kommen, wandern später in die USA ab, weil es hier zu schwierig ist, an mehr Kapital zu kommen. Das zeigt eine Studie der Förderbank KfW von vergangenen März. Die Szene ist nicht so groß, wie sie sein sollte - und müsste, um auf globaler Ebene gut mithalten zu können.

Scheitern als Stigma

Grund dafür ist unter anderem eine in Deutschland und Europa weit verbreitete Haltung zu Startups. „Es fehlt die positive Strahlkraft von Gründern, wie sie in den USA zelebriert wird. Warum stellen wir nicht mal inspirierende Persönlichkeiten heraus, um es auch für junge Leute attraktiv zu machen?“, sagt Karel Dörner. Er ist seit 16 Jahren Berater bei McKinsey und hat an mehreren Studien zur aktuellen Startup Kultur mitgewirkt. Startups seien oft gar nicht präsent in der öffentlichen Meinung - außer sie scheitern. Der Nicht-Erfolg werde sofort stigmatisiert und mit etwas Schlechtem verbunden.

Oscar Höglund, Gründer des schwedischen Einhorns „Epidemic Sound” plädiert dafür, dieses kulturelle Stigma aufzubrechen. „Wir müssen das Wort ‚Scheitern‘ durch ‚Lernen‘ ersetzen und die Menschen, die viel gelernt haben, stärker in den Mittelpunkt stellen“, sagt er. „Ich höre lieber von Leuten, die 10.000 Stunden auf etwas verwendet haben und nicht ganz das erreicht haben, was sie erreichen wollten, als von jemandem, der 10.000 Stunden auf etwas verwendet hat und es als Erfolg verbucht hat.“

Angst vor dem Risiko

An der Angst vorm Scheitern allein scheitern die Startups jedoch nicht. „Deutsche sind vermutlich generell eher risikoavers“, sagt Christoph Stresing, Geschäftsführer des Deutschen Startup Verbands. „Allein das Wort ‚Wagnis‘-Kapital wirkt für viele abschreckend.“ Für ihn ist das ein Mentalitätsproblem: Würde man Deutsche fragen, ob Wagniskapital und Rente zusammenpassen, würden sie das verneinen. Schweden beispielsweise zeigt jedoch, wie es anders gehen kann: Dort zahlen Arbeitnehmer:innen einen Teil ihrer Rentenbeträge in Fonds ein. Einer dieser Fonds, der AP7, ist auch europaweit äußert erfolgreich.

„Würden private institutionelle Investoren, wie zum Beispiel Versicherungen und Pensionskassen, nur eine kleine Summe in europäisches Wagniskapital investieren, hätte das schon eine große Wirkung auf das verfügbare Venture Capital aus Europa“, sagt Stresing.

Christoph Stresing bemüht sich als Geschäftsführer des Deutschen Startup Verbands um mehr Förderung. Foto: privat Vergrößern
Christoph Stresing bemüht sich als Geschäftsführer des Deutschen Startup Verbands um mehr Förderung. © privat

Dietmar Hopp ist selbst erfolgreicher Gründer des Software Unternehmens SAP und gilt als einer der reichsten Deutschen. Auch er prangert das deutsche Mindset an. „Ich kenne eine Menge von Leuten, die mit richtig guten Ideen frühzeitig nach Amerika gegangen sind, weil sie hier keine Chance sahen, an Geld zu kommen”, sagt er in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in 2019. “Das Problem ist, dass in Deutschland nur sehr wenige Menschen bereit sind, Risikokapital für Startups zur Verfügung zu stellen.”

Anders in den USA. Vergangenes Jahr kamen 41 Prozent der Investments für deutsche Startups aus den USA, bei Finanzierungsrunden ab 100 Millionen Euro waren es sogar 54 Prozent. Ein Fehler, wie Stresing vom Startup Verband findet. „Startups steigen zur Wirtschaftsmacht der Zukunft auf. Wir haben ihr Potential noch nicht in der Breite erkannt“, sagt er. Das könnte langfristig zu einem Problem werden.

Ausländisches Kapital schadet der Volkswirtschaft

Aktuell unterstützt der Staat Startups in der ersten Phase ihrer Gründung. Für Berater Dörner ist dieses Verhältnis zunächst kein Problem: „Ausländisches Geld ist erstmal besser als gar kein Geld“, sagt er. Das Kapital ermögliche den Unternehmen zu wachsen, Arbeitsplätze zu schaffen und ein globaler Player zu werden. Langfristig schade es jedoch der Volkswirtschaft, wenn das eigentliche Wachstum außerhalb von Europa stattfinde.

Stresing erklärt das an einem Beispiel: In Kanada gibt es eine Pensionskasse für Lehrer:innen, den „Ontario Teacher’s Pension Plan“. Diese ist Partner von europäischen Wagniskapital Fonds, die wiederum in deutsche Tech Unternehmen investieren. Die Rendite dieser Firmen fließt schließlich zurück in die Pensionskasse und bezahlt so die Rente von kanadischen Lehrkräften - mit dem Erfolg deutscher Firmen.

Gründen muss eine Option werden

Um wieder die Hoheit über die eigenen Innovationen zu gewinnen und nicht abgehängt zu werden, müssen wir auf allen Feldern aktiv werden, sagt Dörner. „Und vor allem schneller in der Umsetzung werden.“ Dabei gebe es klaren Handlungsbedarf auf politischer Ebene, aber vor allen Dingen sieht der Berater und selbst Gründer von zwei Unternehmen darin eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Meine Kinder werden nicht zu Gründern, weil es ein neues Gesetz dazu gibt“, sagt Dörner.

Vielmehr gehe es darum, den Menschen zu zeigen, wie sich Startups positiv auf den Wohlstand auswirken und was sie der Gesellschaft zurückgeben können. Bestes Beispiel sei das Mainzer Unternehmen BioNTech. Nach dessen gigantischen Wachstum erhielt die Stadt Gewerbesteuerzahlungen der Firma in Höhe von 1,09 Milliarden Euro. Der Mainzer Bürgermeister will so seine Schulden zahlen und hofft auf neue Arbeitsplätze, wie aus einem Bericht von Zeit Online hervorgeht.

Auch andere europäische Startups konnten sich auf dem Weltmarkt etablieren: Der Streaming-Dienst Spotify aus Schweden ist längst zu einem Einhorn aufgestiegen, ebenso wie der deutsche Lieferdienst Hello Fresh und das schwedische Bezahlsystem Klarna.

Karel Dörner hat selbst bereits zwei Unternehmen gegründet. Foto: privat Vergrößern
Karel Dörner hat selbst bereits zwei Unternehmen gegründet. © privat

Um solch ein erfolgreiches Unternehmen zu werden, brauche es dieses Anfangskapital, erklärt Berater Dörner. Damit die Startups schnell wachsen können und zu einem erfolgreichen Unternehmen werden. Denn nur so kommen sie an einen Punkt, an dem sie auch endlich Geld verdienen und etwas zurück in die Gesellschaft fließt. Die Unternehmensberatung Roland Berger hat in einer Studie von 2021 untersucht, wie Startups und Scaleups den deutschen Arbeitsmarkt beflügeln könnten. Sie schätzt, dass bis 2030 vier Millionen Arbeitsplätze in Deutschland entstehen könnten – nur durch Startups.

Eine Möglichkeit, die Haltung zu Startups zu verändern, sei die Ausbildung. Gründen müsse bereits in Schulen als Zukunftsoption behandelt werden, sagt Dörner. Ebenso wie an den Universitäten. „Bei naturwissenschaftlichen Publikationen sind wir mit den USA absolut auf einer Augenhöhe. Die Qualität ist da“, sagt er. Haken würde es eher darin, den Inhalt in ein Unternehmen zu verwandeln. “Im Ergebnis verschwenden wir Potential, das sich aus unserer herausragenden Forschung ergibt”, findet auch der Geschäftsführer des Startup Verbands.

Europa sollte seinen eigenen Weg gehen

Gerade Universitäten könnten sich zu Themen-Clusters zusammenschließen, um interdisziplinär zu arbeiten. So entstünde eine Diversität, die den „europäischen Weg“ ausmachen könnte, regt Dörner an. “Wir haben so viele Ökosysteme, die für verschiedene Themen stehen, die sollten wir nutzen. Ein vielfältiges Umfeld führt auch zu mehr Innovation.“ Diese Themen zeichnen sich dadurch aus, dass es oft nicht nur um das „nächste monetäre Statussymbol“ gehe, sondern um nachhaltige Lösungen.

Das bestätigt auch Olteanu, die neben ihrer Professur auch an dem Green Startup Monitor 2022 mitgeschrieben hat. Fast ein Drittel aller Startups sind Green, heißt es dort. Sie findet ein hoher Marktwert, so gut er erstmal für die Volkswirtschaft erscheinen mag, sei nicht zwingend gut für die Gesellschaft. „Wir müssen uns die Frage stellen, was wir eigentlich wollen“, sagt sie.

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Wertvoll seien daher „transformorientierte Startups“. Damit sind Neugründungen gemeint, die dabei helfen wollen, Gesellschaft und Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten. Und gleichzeitig auf dem Massenmarkt erfolgreich sind.

Wie das Solar Startup Enpal. Im Oktober 2021 wurde es zum ersten grünen Einhorn in Deutschland. „Viele Gründer in Europa wollen etwas Sinnvolles bewirken, und nicht nur dem Geld hinterherlaufen. Ich spreche gern von ‚Kapidealismus‘: Idealismus und Kapitalismus verbinden“, sagt Gründer Mario Kohle.

Keine Startups sind keine Option

Der Blick in die Startup Szene zeigt: Es geht schon längst nicht mehr darum, wer die meisten Einhörner hat. „Wir brauchen diese Startups, weil wir es sonst nicht schaffen. Und wenn wir es nicht schaffen, entziehen wir uns unsere eigene Lebensgrundlage”, sagt Professorin Olteanu. „Sowohl aus ökologischer als auch gesellschaftlicher Sicht”.

Und aus volkswirtschaftlicher Sicht, fügt Geschäftsführer Stresing hinzu. „Indem wir das Potential nicht hinreichend nutzen, beschädigen wir unsere eigene Zukunftsfähigkeit und bleiben hinter unseren Möglichkeiten. Wenn wir hier nicht besser werden, würde Deutschland mittelfristig abgehängt werden“, sagt er.
Dass wir es noch schaffen können, darin sind sich alle einig. Bisher fehlt jedoch der Mut zur Veränderung.

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