Siemens könnte einen großen Campus in Spandau errichten. Foto: Wolfgang Kumm/dpa
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Update Siemensstadt in Spandau Berlin als Standort für "Zukunftscampus" von Siemens im Gespräch

Der Dax-Konzern plant einen Innovationscampus für bis zu 600 Millionen Euro – doch mit dem Senat liegt man noch im Streit.

Siemens denkt über den Aufbau eines großen Innovationscampus nach, der möglicherweise in der Berliner Siemensstadt entstehen soll. Geplantes Investitionsvolumen: 500 bis 600 Millionen Euro. „Siemens ist in Berlin geboren, in Europa aufgewachsen und in der Welt zu Hause. Daher wollen wir das Konzept ,Siemensstadt’ weiterentwickeln und fit für die Zukunft machen“, sagte ein Konzernsprecher am Freitag dem Tagesspiegel. Die Entscheidung für Berlin sei allerdings im Vorstand noch nicht gefallen. Aktuell suche man nach einem möglichen Standort im In- und Ausland. „Die Tendenz geht eher in Richtung internationale Ausschreibung“, hieß es. Die Zentrale des Dax-Konzerns befindet sich in München, Berlin ist aber mit 11700 Mitarbeitern der größte Siemens-Standort.

Bestätigt werden die Pläne auch von der IG Metall. „Es gibt zu diesem Thema seit dem Frühjahr Gespräche“, sagte Klaus Abel, erster Bevollmächtigten der IG Metall Berlin, dem Tagesspiegel. Die Gewerkschaft und der Siemens-Betriebsrat hätten das Projekt Innovationscampus mit angestoßen. Hintergrund seien die Bemühungen, Arbeitsplätze am Standort Berlin zu erhalten, der massive Stellenkürzungen in der Antriebs- und Kraftwerkssparte des Technologiekonzerns zu verkraften hat.

Ein Standort für Produktion, Forschung und Wohnen

„Die Idee ist, Produktion, Forschung und Wissenschaft künftig an einem zentralen Standort enger zu verzahnen“, sagte Abel. Ein Beispiel sei der Wirtschafts- und Wissenschaftscampus in Adlershof. In die Gespräche einbezogen sind neben Siemens und Arbeitnehmern auch die Senatsverwaltungen für Wirtschaft und Wissenschaft, Berlin Partner, die TU Berlin und andere Forschungseinrichtungen. Für diesen Herbst hatten die Beteiligten nach Tagesspiegel-Informationen eine Absichtserklärung (Letter of intent) zum Aufbau des Campus geplant.

Siemens stellt sich einen Ort vor, an dem der Konzern als „Inkubator für das Miteinander von Forschung, Wissenschaft, Wohnen und Startups an einem Ort fungiert“, wie der Sprecher sagte. „Eine Art ,Siemensstadt 2.0’“. Geplant ist offenbar auch der Bau von Wohnungen. Aus dem Industriegelände soll innerhalb von rund zehn Jahren ein neues, modernes Stadtviertel werden. Aus dem Unternehmen ist jedoch zu hören, dass die Chancen für Berlin, den Zuschlag zu bekommen, zuletzt nicht gestiegen sind.

Streit um die Konzernrepräsentanz

Im Gegenteil: „Aktuell liegt Berlin nicht auf Platz eins“, heißt es. Der Grund: Der jüngste Streit mit dem Senat über den Ausbau der Konzernrepräsentanz auf der Museumsinsel. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und der Baustadtrat von Mitte, Ephraim Gothe (SPD), hatten in der vergangenen Woche erklärt, dass die Verlängerung eines positiven Bauvorbescheids von 2015 aus Gründen des Denkmalschutzes nicht genehmigt werde. Siemens muss nun darauf verzichten, seine neue Repräsentanz im denkmalgeschützten Magnus-Haus unterzubringen. Der Konzern hatte geplant, im Garten des Hauses, das er 2001 erworben hatte, einen Neubau zu errichten. Das Grundstück war Siemens für günstige drei Millionen Euro verkauft worden.

Verärgert ist man bei Siemens auch immer noch über die scharfen Töne, mit denen der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) im vergangenen November den geplanten Stellenabbau kritisiert hatte. Müller hatte von einer „Schande“ gesprochen, die Streichung hunderter Arbeitsplätze in der Bundeshauptstadt sei „nicht hinnehmbar“. Ursprünglich hatte das Unternehmen die Schließung der Fertigung im Berliner Dynamowerk und einen Stellenabbau im Gasturbinenwerk geplant. Insgesamt hätten damit fast 900 Jobs in der Stadt auf dem Spiel gestanden. Nach massiven Protesten wird inzwischen neu über die Sparmaßnahmen verhandelt.

Senat soll dem Konzern entgegen kommen

Siemens erwartet nun, dass der Senat dem Konzern bei seinen Plänen für den Innovations-Campus entgegen kommt – zum Beispiel beim Denkmalschutz oder bei der Infrastruktur. Andernfalls, so heißt es, würden andere attraktive Standorte favorisiert, in Asien, etwa in Singapur oder China, oder in den USA.

Nach Bekanntwerden der umfangreichen Investitionspläne bemüht sich der Senat um eine neue Willkommenskultur: „Mit der Idee eines Zukunftscampus zeigt Siemens, dass Berlin ein starker Standort für moderne Industrie, Innovation und Digitalisierung ist“, sagte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) dem Tagesspiegel. „Begrüßenswert ist auch die geplante Weiterentwicklung von Siemensstadt zu einem lebendigen Stadtquartier.“

Falls der Campus in Berlin entsteht, hat Siemens nach dpa-Informationen schon konkrete Vorstellungen über die Aufteilung des Geländes an der Spandauer Nonnendammallee: Das Innovationszentrum soll 940000 Quadratmeter umfassen. Das Schaltwerk (erbaut 1926-28) und das Dynamowerk (1903-06), beides Baudenkmäler, werden als Produktionsstätten eingebunden. Auf der Fläche dazwischen, rund 350000 Quadratmetern, sind Wohnhäuser, Einrichtungen von Universitäten, Parkplätze, ein Hotel, eine Schule und Einzelhändler geplant.


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