Seit Anfang des Jahres ist Manja Schreiner Hauptgeschäftsführerin der Fachgemeinschaft Bau in Berlin und Brandenburg. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Sie traut sich was Manja Schreiner spricht für das Berliner Baugewerbe

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Manja Schreiner ist Cheflobbyistin des Berliner Baugewerbes. In dieser Männerwelt hat sie klare Ziele.

Frauen auf dem Bau sind eine Seltenheit. Bei der Sozialkasse des Berliner Baugewerbes sind 18 000 Beschäftigte angemeldet, darunter 121 Frauen. „Es ist und bleibt eine harte körperliche Arbeit“, erklärt Manja Schreiner die Abwesenheit der Frauen. In den Büros sieht das besser aus, knapp zehn Prozent der 900 Mitgliedsfirmen der Fachgemeinschaft Bau in Berlin und Brandenburg werden Schreiners Schätzung zufolge von Frauen geführt, die entweder eine kaufmännische Ausbildung absolviert oder als Bauingenieurinnen den Betrieb übernommen haben.

Seit Anfang des Jahres ist die 40-jährige Schreiner Cheflobbyistin der mittelständischen Branche. „Es macht Spaß, viele Bälle in der Luft zu halten“, beschreibt die promovierte Juristin ihren Job als Hauptgeschäftsführerin der Fachgemeinschaft. Sie befasst sich mit öffentlichem Vergaberecht und Genehmigungsfragen, Fachkräfteakquise und beruflicher Bildung, Schwarzarbeit und Flüchtlingsintegration. „Der generalisierende Ansatz liegt mir sehr.“ Und mit den männlichen Bauleuten hat sich auch kein Problem.

Ihre Karriere begann an Bord der Aida

„Manches Mal haben mir die Knie geschlottert“, erzählt Schreiner über ihre beruflichen Anfänge – nicht auf dem Bau, sondern bei der Aida Cruises in Rostock vor 23 Jahren. In ihrer Heimatstadt begann ihre Karriere, als sie mit 27 Jahren bei Aida an Bord ging, um eine Rechtsabteilung aufzubauen.

Mit damals schon 3500 Mitarbeitern, der überwiegende Teil natürlich auf See, war das Kreuzfahrtunternehmen der größte Arbeitgeber in Mecklenburg-Vorpommern, erzählt Schreiner im Gespräch mit dieser Zeitung. „Es war eine herausfordernde, aber tolle Zeit.“ Die Zeit endete, als der Ehemann, ebenfalls Jurist und beschäftigt bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft, von Brüssel nach Berlin wechselte und die Familienzusammenführung an der Spree anstand. Schreiner bekam einen Job in der Rechtsabteilung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. „Der BDI hat mich mit Kusshand genommen, denn es kommt nicht so oft vor, dass jemand aus einem Unternehmen zu einem Verband wechselt.“ Nach vier Jahren inklusive Elternzeit übernahm Schreiner die Leitung der Rechtsabteilung beim Zentralverband des Handwerks, der nächste Schritt führte sie dann in die Hauptgeschäftsführung der Fachgemeinschaft.

„Ich bin sehr organisiert und strukturiert“, sagt die zweifache Mutter, die – ebenso wie der Vater – immer voll gearbeitet hat. Zu Hause kümmern sich zwei ältere Damen vom Großmutterdienst tagsüber um die Kinder, zumindest beim Frühstück ist die Familie komplett. Und am Abend „beschränke ich mich auf zwei Termine die Woche“, sagt die Verbandsfrau; an fünf Abenden ist sie also zu Hause in Weißensee.

Fachkräftemangel und Vergaberecht sind wichtige Themen

In der Fachgemeinschaft plus Lehrbauhof in Marienfelde hat Schreiner 31 Mitarbeiter, mit denen sie sich um die Belange der Baubetriebe kümmert. „Das öffentliche Vergaberecht und der Fachkräftemangel brennen den Firmen unter den Nägeln.“ Den Unternehmen geht es bestens, sie wissen nicht, welcher Auftrag zuerst abgearbeitet werden soll.

Auf dem Lehrbauhof, wo die Azubis den Großteil des ersten Lehrjahres verbringen, lernen derzeit 600 junge Leute einen Bau- oder Handwerksberuf. In den Hochzeiten Anfang der 1990er Jahre waren es doppelt so viele. Gerade eben haben 230 Lehrlinge die Ausbildung begonnen, immerhin rund 20 Prozent mehr als vor einem Jahr. Die Fachgemeinschaft beschäftigt Nachwuchsreferenten, die in den Schulen für die Berufe der Branche werben. „Früher brauchten die Unternehmen ihre Internetseite für die Kunden, heute geht es auch im Netz vor allem um Werbung von Arbeitskräften“, sagt die Verbandschefin. Auch deshalb, weil „die Wertigkeit der beruflichen Ausbildung verloren gegangen ist“. Schon in der Grundschule sollten die Kinder „auch wieder mehr mit den Händen machen“, meint Schreiner und bemüht sich in Gesprächen mit der Schulsenatorin um einen entsprechenden Stundenplan.

Bei der Vergabe darf nicht rein der Preis entscheiden

Berufliche Bildung liegt ihr am Herzen, doch das wichtigste Thema im ersten Jahr bei der Fachgemeinschaft ist das Berliner Vergaberecht. Der Senat bereitet gerade eine Novelle des Regelwerks für die Vergabe öffentlicher Aufträge vor, und Schreiner versucht, die Interessen des Mittelstandes in den Prozess einzuspeisen. „Es darf nicht länger gelten, dass der niedrigste Preis den Zuschlag bekommt“, fordert sie eine stärkere Berücksichtigung qualitativer Kriterien. Alles in allem brauche Berlin „ein modernes, schlankes Vergaberecht, damit öffentliche Ausschreibungen für Auftragnehmer wieder attraktiver werden“.

Tatsächlich geht es den meisten Firmen so gut, dass sie sich nicht mehr an Ausschreibungen der öffentlichen Hand beteiligen. Der Aufwand ist schlicht zu groß. Schreiner berichtet von einem Auftragsvolumen über 70 000 Euro für Bauarbeiten in einem Kindergarten. Wer sich um den Auftrag bewirbt, muss sich durch 120 Seiten Ausschreibungstext kämpfen. „Das dauert eine Woche“, sagt Schreiner. „Ohne eine unbürokratische Vergabe wird das nichts mit dem angestrebten Wohnungs- und Schulbau.“ Im Oktober soll es den ersten Entwurf des neuen Vergaberechts geben – und vielleicht einen ersten Erfolg der neuen Geschäftsführerin. „Wir müssen überzeugen“, sagt Schreiner über ihren Umgang mit der Politik. Sie traut sich das zu.

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