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Besser als ihr Ruf: Die Discounter machen Druck, wenn es um bessere Haltungsbedingungen geht. Foto: dpa/Pa wire
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Schluss mit dem Verbraucherbashing Wer billig kauft, ist schuld? So ein Quatsch

Krise auf den Energiemärkten, Gift auf den Feldern. Schuld sind immer wir Verbraucher. Doch das ist eine billige Ausrede. Ein Kommentar.

Es dürfte kein Zufall sein, dass ausgerechnet an dem Tag, an dem bekannt wurde, dass Deutschlands oberster Verbraucherschützer, Klaus Müller, Chef der Bundesnetzagentur werden soll, sein derzeitiger Arbeitgeber gegen die Energiebranche wetterte.

Explodierende Energiepreise, so kritisierte der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV), den Müller seit sieben Jahren leitet, bringen immer mehr Verbraucher in Bedrängnis.

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Das stimmt. Zahlreiche Strom- und Gasanbieter halten sich nämlich nicht an ihre Verträge und liefern ihren Kunden einfach keinen Strom oder Gas mehr. Die Betroffenen, die deshalb in die Grundversorgung gerutscht sind, müssen für diese Notlösung ärgerlicherweise oft noch höhere Preise zahlen als die Bestandskunden, die schon länger in der Grundversorgung sind.

Nötig seien mehr Transparenz und eine stärkere Aufsicht, um das Zweiklassensystem zu bekämpfen, schreiben die Verbraucherschützer. Sie könnten diese Aufforderung an den designierten Oberaufseher nun schnell und formlos per Hauspost schicken.

Es ist zu hoffen, dass mit dem Neuen an der Behördenspitze auch ein neues Denken in diesem Land einzieht. Denn nicht wenige hatten Schadenfreude, als die Schnäppchenjäger ihre Quittung vom Billigversorger bekamen.

Verbraucherbashing ist in

Verbraucherbashing ist in. Egal ob es um Stromtarife oder Lebensmittel geht. Wer billig kauft, macht sich schuldig. Man trägt Verantwortung für den Zusammenbruch des Strommarktes, die unwürdigen Haltungsbedingungen von Schweinen und Hühnern und die Vergiftung der Böden. Auch die lange Zeit schleppende Nachfrage nach E-Autos wurde uns Verbrauchern angelastet, weil wir zu beschränkt waren, die ökologischen Vorteile zu erkennen.

Wer billig kauft, macht sich schuldig

Mit diesem Unsinn muss endlich Schluss sein. Verbraucher beeinflussen zwar mit Kaufentscheidungen den Markt, aber sie dürfen nicht länger als Sündenböcke für Marktversagen herhalten. Für anständige Haltungsbedingungen im Stall zu sorgen, ist primär Aufgabe der Politik. Sie muss die Gesetze so nachschärfen, dass kein Tier leidet und den Landwirten beim Umbau finanziell helfen.

Falsch eingekauft: Viele Versorger kaufen kurzfristig ein und sehen sich jetzt mit steigenden Kosten konfrontiert. Foto: imago images/Rene Traut Vergrößern
Falsch eingekauft: Viele Versorger kaufen kurzfristig ein und sehen sich jetzt mit steigenden Kosten konfrontiert. © imago images/Rene Traut

Politik und Behörden sind in der Pflicht

Wer will, dass die Menschen mit dem E-Auto fahren, muss ihnen nicht nur erklären, woher der Strom dafür kommt und was mit den verbrauchten Batterien geschieht, sondern muss auch eine vernünftige Infrastruktur für Ladesäulen schaffen. Für die Krise bei Strom und Gas gibt es globale Ursachen. Aber auch die Einkaufspolitik der Energiediscounter und die Bundesnetzagentur haben die Misere befeuert. Klaus Müller hat also einiges zu tun. Doch damit ist er nicht allein. Agrarminister Özdemir oder Wirtschaftsminister Habeck – sie alle stehen in der Pflicht.

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