Um halb vier morgens. Für Nachtschichten gibt es immerhin mehr Geld. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
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Schichtdienst Nachts auf Arbeit

In Krankenhäusern gehört Schichtdienst zum Alltag. Was hilft, damit das Arbeiten gegen den üblichen Tagesrhythmus nicht der Gesundheit schadet.

Schichtarbeit ist für die Gesundheit riskant. Für viele Arbeitnehmer ist der Wechsel zwischen Früh-, Spät- und Nachtschicht eine Belastung, die immer wieder aufs Neue gemeistert werden muss.

„Nach zwei Nachtschichten brauche ich zwei freie Tage, um auszuschlafen und um für die nächsten Schichten wieder fit zu sein“, sagt Tom Paßkönig. Er ist Pfleger im Vivantes Klinikum Am Urban in Kreuzberg. Am liebsten arbeitet er in der Frühschicht. Für ihn haben die wechselnden Arbeitszeiten aber auch Vorteile. „Durch den Schichtwechsel habe ich am Tag oft mehr Zeit, um mein Auto in die Werkstatt zu bringen oder Arzttermine wahrzunehmen, als Menschen, die immer tagsüber arbeiten“, sagt der 51-Jährige. Attraktiv macht die Schichtarbeit auch die monatliche Zulage von 105 Euro.

In Zukunft mehr Schichtarbeit

Jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland (rund 20 Prozent) arbeitet außerhalb der „normalen“ Arbeitszeiten von sieben bis 19 Uhr. Mit wechselnden Früh-, Spät- und Nachtschichten müssen sich, wie Paßkönig, 13 Prozent aller Arbeitnehmer arrangieren. Nach einer aktuellen Befragung der Industriegewerkschaft (IG) Metall sind nur 35 Prozent der Schichtarbeiter mit ihren Arbeitszeiten zufrieden. Von den übrigen Beschäftigten sind es 54 Prozent. Und das Thema wird immer wichtiger. Nach Angaben der Techniker Krankenkasse nimmt die Schichtarbeit weiter zu. In der Produktion der Chemie-, Stahl- und Elektroindustrie sowie in der wachsenden Dienstleistungsbranche wird immer häufiger rund um die Uhr gearbeitet.

Schichtarbeiter stünden vor zwei großen Herausforderungen, sagt Yvonne Lott, Expertin für Arbeitszeit von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. „Die soziale Teilhabe ist mit Schichtarbeit schwierig, da der Schichtrhythmus oft nicht den sozialen Zeiten, etwa Familienfesten am Wochenende und Veranstaltungen am Abend, entspricht“, sagt Lott. Die Nachtschicht mache den Menschen auch gesundheitlich zu schaffen, weil sie die innere Uhr durcheinander bringe, „den Mechanismus, der den Aktivitätsrhythmus von Lebewesen mir der Drehung der Erde in Einklang bringt“. Für die Erforschung dieser Zusammenhänge hätten drei Mediziner im vergangenen Jahr den Nobelpreis bekommen. Wenn dieser Rhythmus durcheinandergewirbelt werde, habe das Folgen: Viele ältere Arbeitnehmer, die schon länger in Schicht arbeiten, würden unter Schlafstörungen leiden. Angehäufte Schlafdefizite verschlechterten die Reaktionsfähigkeit. Zusammenhänge zwischen Schichtarbeit und Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen seien statistisch nachgewiesen.

Besser vorwärts rotierende Schichten

„Schichtarbeit kann nur gute Arbeit sein, wenn sie vernünftig gestaltet wird“, sagt die Wissenschaftlerin. Dazu nimmt auch die Techniker Krankenkasse Stellung: Demnach verursachen vorwärts rotierende Schichten weniger Beschwerden als rückwärts rotierende.

Auch das Vivantes Klinikum Am Urban hält sich daran: Für die Schichtarbeiter folgt nach der Früh- die Spätschicht und danach die Nachtschicht. Einschließlich Übergabezeiten ist die Frühschicht von 6.30 bis 14.45 Uhr, die Spätschicht von 14.15 bis 22.00 Uhr und die Nachtschicht von 21.45 bis 7.00 Uhr.

„Damit die Mitarbeiter Termine und ihre Freizeitaktivitäten frühzeitig planen können, organisieren wir den Dienstplan mindestens acht Wochen im Voraus“, sagt Peggy Dubois, die Pflegedirektorin des Vivantes Klinikums. Vier Nachtschichten hintereinander seien das Maximum – und die würden Mitarbeiter nur übernehmen, wenn sie das möchten. „Individuelle Wünsche, wenn jemand einen Tag frei haben oder mehr Frühschichten übernehmen möchte, berücksichtigen wir in Wunschplänen“, erklärt sie. Wichtig sei auch, dass etwa Eltern so eingesetzt werden, dass sie ihre Kinder zur Kita bringen und abholen können. Außerdem könnten Kollegen Schichten tauschen. Auch Teilzeitmodelle machten die Schichtarbeit verträglicher. Zum Pflegeteam von Tom Paßkönig etwa gehören 16 Mitarbeiter, von denen zehn Vollzeit und sechs Teilzeit arbeiten.

Zur Unterstützung ihrer Mitarbeiter hat das Vivantes Klinikum mit der Rentenversicherung ein Programm mit Sportangeboten und Informationen über gesunde Ernährung ins Leben gerufen. Außerdem gebe es Rücken- und Yogakurse. Pfleger Paßkönig fährt, um sich fit zu halten, täglich zehn Kilometer mit dem Rad. Auf eine Mitgliedschaft in einem Sportverein muss er wegen der Wechselschicht verzichten. Paßkönig achtet auch darauf, sich gesund zu ernähren. Er versuche in der Nachtschicht zum Joghurt und nicht zu Süßigkeiten zu greifen.

Es gibt Möglichkeiten

Es sei schwierig, Schichtarbeit in Krankenhäusern zugunsten der Mitarbeiter zu gestalten, sagt Arbeitswissenschaftlerin Lott. Viele Krankenhäuser hätten wenig Personal. Das werde durch Mehrarbeit, häufig von Teilzeitkräften, aufgefangen.

Dennoch gebe es einige Wege, die Bedingungen zu verbessern: Verträglicher gestaltet werden könne die Schichtarbeit etwa durch Gleitzeit und kürzere Arbeitszeiten, sagt Lott. Wo es möglich sei, könnten leichte Arbeitsaufgaben in die Nacht verlegt und die Nachtschichten mit weniger Personal besetzt werden. Wichtig auch: Besondere Belastungen sollten nicht durch Geld, sondern durch Freizeit und Erholung kompensiert werden, rät die Wissenschaftlerin.

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