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Dreckige Dienstwagen - in Brandenburg liegen alle Fahrzeuge der Landesregierung über dem EU-Grenzwert Foto: imago/Robert Michael
© imago/Robert Michael

Sauber zur Arbeit Das Statussymbol Dienstwagen steht vor dem Aus

Noch immer fährt jeder achte Beschäftigte einen Dienstwagen, zeigen aktuelle Zahlen. Politik und Wirtschaft versuchen nun jedoch umzusteuern.

In einer Zeit, in der alle über den Klimawandel reden, will er nicht mehr so ganz hineinpassen: der klassische Dienstwagen. Für den Weg ins Büro gibt es vielerorts längst grüne Alternativen. Den Besitzern und Firmen dürfte es aber um mehr gehen. An der PS-Zahl lässt sich der eigene Stellenwert ablesen, mit einem Auto als Anreiz können Arbeitgeber zudem um die klügsten Köpfe werben.

Kein Wunder also, dass noch jeder achte Beschäftigte hierzulande ein Dienstfahrzeug bekommt. Das zeigt eine aktuelle Erhebung der Vergütungsberatung Compensation Partner. Vor allem der Großhandel bietet seinen Beschäftigten häufig den Luxus eines eigenen Autos. In der Branche fährt mehr als jeder vierte Beschäftigte ein Firmenfahrzeug. Dafür greifen die Unternehmen mitunter auch tief in die Tasche. Firmen aus der Automobilbranche etwa geben durchschnittlich 47.000 Euro pro Fahrzeug aus. Beschäftigte in sozialen Einrichtungen bekommen immerhin einen Wagen im Wert von durchschnittlich knapp 24.000 Euro gestellt. Und mit dem eigenen Firmengefährt großen Eindruck machen zu wollen, ist außerdem typisch männlich. So fahren Männer viermal häufiger einen Dienstwagen als Frauen.

Ein Auto vom Chef als Ausdruck der Wertschätzung? Da dürfte es vielen Beschäftigten nicht leichtfallen, auf dieses Statussymbol zu verzichten. Das denkt sich jedenfalls die Bundesregierung und will, dass Mitarbeiterfahrzeuge künftig zumindest grüner werden. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte bereits Ende Mai eine stärkere Staffelung der Steuer vorgeschlagen, durch die klimafreundliche Dienstwagen stärker gefördert werden. Profitieren würden davon vor allem Beschäftigte, die den Wagen auch privat nutzen. Denn die zahlen dann weniger. Zustimmung gab es zuletzt auch vom Koalitionspartner. So sagte auch SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch, dass eine stärkere Orientierung der Dienstwagenbesteuerung an den CO2-Emissionen „aus klimapolitischer Sicht durchaus sinnvoll“, sei.

60 Prozent der Deutschen ist der Dienstwagen nicht mehr wichtig

Ob Unternehmen aber langfristig überhaupt noch mit Dienstfahrzeugen locken können, ist fraglich. Laut der Umfrage von Compensation Partner halten mittlerweile 60 Prozent der Deutschen einen Firmenwagen für unwichtig. „Im Zuge des Nachhaltigkeitstrends werden Carsharing-Modelle und E-Mobility relevanter“, sagt Tim Böger, Geschäftsführer der Beraterfirma. Vor allem bei den Jüngeren, die nicht mehr so viel Wert auf ein Auto als Statussymbol legen würden.

Das scheinen viele Unternehmen bereits erkannt zu haben. Neben Firmenwagen für den Einzelnen gibt es mittlerweile auch Dienstfahrzeuge, die sämtliche Mitarbeiter für die Strecke zum Meeting nutzen können. Inzwischen können Beschäftigte aber auch externe Fahrzeuge minuten- oder stundenweise anmieten. Die Sparkasse Bremen hat dafür eine eigene Carsharing-Station. Im Parkhaus stehen ein paar Fahrzeuge des Anbieters Cambio, die während der Geschäftszeiten für die Mitarbeiter exklusiv reserviert sind. Anstatt wie früher den Schlüssel beim Fuhrparkmanager persönlich abzuholen, wird das Auto über eine App gebucht. In anderen Betrieben nutzen die Beschäftigten das jeweilige Carsharing-Angebot der Stadt ohne fixen Standort – aber zum Beispiel mit einem Firmentarif. Für den Chef bedeutet beides mehr Kostentransparenz.

Eine weitere Option ist es, jedem Angestellten ein Mobilitätsbudget – zum Beispiel hundert Euro im Monat – zur Verfügung zu stellen, die er für Carsharing-Touren oder die U-Bahn ausgeben kann. Wenn Manager der deutschen Tochter des japanischen Pharmaherstellers Daiichi Sankyo wiederum auf einen Dienstwagen verzichten, bekommen sie dafür eine Kreditkarte. Deren monatlicher Verfügungsrahmen entspricht jenen Kosten, die dem Unternehmen entstehen würden, wenn der Mitarbeiter den teuersten Firmenwagen auswählen würde, für den er eine Berechtigung hat. Ob ein Mitarbeiter mit seinem Guthaben ein Carsharing-Auto bucht, ein Bahnticket kauft, oder was ganz anderes damit tut, ist ihm selbst überlassen.

Das Dienstfahrrad ist eine Alternative

Und noch etwas wird immer häufiger zum Thema in Gehaltsverhandlungen: das Fahrradfahren. Weil vor allem in den Städten mehr Menschen umsteigen, bieten Arbeitgeber ihren Mitarbeitern mittlerweile eigene Diensträder an. Um die Organisation kümmern sich Firmen wie Jobrad. Ihr Geschäftsprinzip: Die Mitarbeiter eines Unternehmens suchen sich ihr Lieblingsfahrrad bei einem Verkaufspartner aus. Modell und Ausstattung? Egal. Der Arbeitgeber least dort das Dienstrad für drei Jahre, und überlässt es anschließend dem Mitarbeiter für den Weg zur Arbeit. Läuft der Leasing-Vertrag aus, können Beschäftigte das Rad in der Regel zum Restpreis übernehmen.

Im Gegenzug behält der Arbeitgeber meist einen kleinen Teil des Gehalts ein, um die monatlichen Raten zu bedienen. Für den Mitarbeiter hat das einen finanziellen Vorteil: Nutzt er das Rad auch privat, muss er seit diesem Jahr lediglich 0,5 Prozent des Kaufpreises versteuern. Beim klassischen Dienstwagen sind das derzeit ein Prozent. Gegenüber dem herkömmlichen Kauf können Beschäftigte dadurch bis zu 40 Prozent sparen, rechnet Jobrad vor. Und schenkt der Betrieb seinem Mitarbeiter den Leasing-Vertrag, fallen für die private Nutzung gar keine Steuern an.

Einige große Firmen setzen bereits auf das Konzept, darunter Bosch, Rewe und sogar die Deutsche Bahn. Bis heute haben die Mitarbeiter des Konzerns mehr als 20000 Diensträder bestellt. „Wir wollen nachhaltige Mobilitätsalternativen zum Auto fördern“, sagt Lars Hünninghausen, zuständiger Abteilungsleiter bei der Deutschen Bahn. Damit passe das Dienstrad in die Unternehmensstrategie. So ist der Konzern bereits mit einem eigenen Bikesharing-Dienst für seine Kunden am Markt. Neben dem Zeitgeist und guten Vermarktungsmöglichkeiten dürfte aber noch ein anderes Motiv hinter dem Angebot stecken. „Wir wissen, dass bereits wenige Kilometer am Tag positiv auf die Gesundheitsbilanz einzahlen“, sagt Hünninghausen. Wer seine Beschäftigten auf Dienstfahrräder setzt, hat also im Zweifel auch die fittesten Kollegen.

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