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Klimasünder? Mit dem richtigen Klimaschutzprogramm dürften die Argumente für "Flugscham" schwinden. picture alliance/dpa/dpa-Zentral
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Reform des Emissionshandels Für die Airlines könnten die Pläne der EU einschneidende Änderungen bringen

Felix Wadewitz

Wie kann die Luftfahrt klimafreundlicher werden? Die EU ist skeptisch, ob das mit dem globalen Klimaprogramm Corsia klappt. Sie sieht andere Hebel.

Um fast zwei Drittel ist der CO2-Ausstoß im europäischen Luftverkehr während der Pandemie gesunken – minus 64,1 Prozent im Vergleich zu 2019. Das zeigen Zahlen, die die EU-Kommission im April zum Emissionshandel (EU-ETS) vorlegte. Darin sind neben Fabriken und Kraftwerken bereits seit 2012 auch innereuropäische Flüge erfasst, die seit mehr als einem Jahr aber nur selten abheben.

Wenn es wieder losgeht und auch der CO2-Ausstoß zukünftig erneut steigt, soll der Handel mit Verschmutzungsrechten stärker als bislang Anreize zum Klimaschutz setzen. Dafür erarbeitet die Kommission gerade Vorschläge, die spätestens in den nächsten Wochen auf den Tisch kommen sollen und am 24. und 25. Juni bei einem Treffen der Staats- und Regierungschefs beraten werden.

Das Prinzip des Emissionshandels: Für jede Tonne Kohlendioxid, die in die Atmosphäre geblasen wird, brauchen Verursacher eine Berechtigung. Diese Zertifikate können gehandelt werden. Insgesamt wird die erlaubte Menge an Emissionen immer kleiner, die Zertifikate werden teurer, was Investitionen in Klimaschutz lohnend machen soll. Aktuell steht der Preis auf einem Allzeithoch von rund 44 Euro pro Tonne CO2 und hat sich damit im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt.

Lange zurückgehaltene Studie

Der größte Klima-Effekt im Luftverkehr könnte einer – lange zurückgehaltenen – Studie für die EU zufolge durch die Ausweitung des Emissionshandels auf internationale Flüge jenseits des europäischen Wirtschaftsraums eintreten. Das würde heißen, auch Verbindungen, die in Europa starten oder enden in das System einzubeziehen. Das gilt aber als äußerst unwahrscheinlich.

Ein Versuch war bereits vor Jahren am Widerstand anderer Staaten wie den USA, China, Brasilien und Russland gescheitert. Auch aktuell wird eine erfolgreiche Initiative in dieser Frage in Brüsseler Verhandlungskreisen als eher unwahrscheinlich eingestuft.

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Nun wird es vor allem darum gehen, beispielsweise die Zahl der kostenlos zugeteilten Verschmutzungsrechte für die Fluglinien zu reduzieren, damit die Klimakosten stärker eingepreist werden. Ein Knackpunkt ist die Frage, wie die EU mit dem gerade gestarteten globalen Klimaprogramm Corsia umgehen will.

Jene EU-Studie warnt davor, das europäische Emissionshandelssystem durch Corsia zu ersetzen. Das würde die „Klimaziele der EU untergraben“, heißt es in dem Papier, an dem unter anderem das Kölner NewClimate Institute mitgearbeitet hat. Der Untersuchung zufolge kann Corsia in seiner aktuellen Fassung nur wenig zum Klimaschutz beitragen. Eine Schwächung des Emissionshandelssystems zugunsten der weltweiten Lösung würde demnach klimapolitisch kontraproduktiv wirken.

Taugt 2019 als Basisjahr?

Ein Kritikpunkt an Corsia ist das in der Coronakrise beschlossene Basisjahr 2019, das die CO2-Obergrenze definiert, ab der Fluglinien über den Kauf von Zertifikaten ihre Emissionen ausgleichen sollen – eine Schwelle, die vermutlich erst wieder in einigen Jahren überschritten wird. Dazu kommt, dass die für Corsia zugelassenen Kompensationszertifikate teils als minderwertig gelten, beispielsweise, weil die Klimaprojekte schon seit langem abgeschlossen sind und so keine zusätzliche CO2-Reduktion möglich ist. Deshalb komme der Koordination zwischen EU-ETS und Corsia eine besondere Bedeutung zu.

Die Reform des Emissionshandels soll im besten Fall auch den Hochlauf der Produktion von klimafreundlichem Kerosin – den sogenannten SAF – beschleunigen. E-Fuels und andere Ansätze gelten aktuell als der direkteste Weg, um die Emissionen beim Fliegen zu senken, weil die neuen Treibstoffe dem klassischen Kerosin einfach beigemischt werden können, es also keine neuen Flugzeugtypen braucht. Bei Corsia geht es dagegen vor allem um den Kauf von Zertifikaten.

Kein Grund für Flugscham

Ein Blick auf die Preise verdeutlicht das Dilemma: Während Verschmutzungsrechte im EU-ETS gerade mehr als 40 Euro kosten pro ausgestoßener Tonne CO2, was etwa reicht, um Kohlekraftwerke zunehmend aus dem Markt zu drängen, schlagen die unter Corsia registrierten Kompensationspapiere aktuell mit deutlich weniger als zwei Euro zu Buche. Wenn der Ausgleich der Emissionen wirklich so günstig machbar wäre, gäbe es wenig Grund für „Flugscham“-Aufregung.

Während die Airlines nicht doppelt zahlen wollen und darauf pochen, dass europäische Fluglinien nicht schlechter gestellt werden als ihre Rivalen außerhalb des Emissionshandelssystems, will die EU-Kommission einen Weg finden, um die eigenen – zuletzt noch einmal verschärften – Klimaschutzziele etwa bis 2030 zu erreichen. Einige Fluglinien, darunter der Lufthansa-Konzern, wollen bis dahin ihren CO2-Ausstoß halbieren.

Die angestrebte Reform wird dementsprechend komplex. Ausgehend von den eigenen Klimazielen, kann die EU ihr Emissionshandelssystem zugunsten der weltweiten Pseudolösung Corsia – deren letzter verbliebener Vorteil ihr grenzüberschreitender Charakter ist – kaum aufweichen, finden Klimaexperten. Stattdessen steht ein Doppelansatz im Raum, der den EU-ETS stärkt und parallel Corsia im Spiel lässt.

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