In der bisher auf Kleinwagen spezialisierten Autofabrik in Eisenach startet ab sofort die Produktion des Stadtgeländewagens Grandland. Im blauen Anzug: Opel-Chef Michael Lohscheller. Foto: Martin Schutt/dpa
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Präsentation des Grandland X Opel versucht Neustart in Eisenach

Am Thüringer Standort beginnt der Autokonzern seine Elektrifizierungsstrategie. Kritiker fürchten, dass mehr Leute als ursprünglich geplant gehen müssen.

Opel-Chef Michael Lohscheller klingt geradezu euphorisch, 1400 Beschäftigte im Eisenacher Werk könnten in eine rosige Zukunft schauen. Mit dem SUV Grandland X läuft seit Mittwoch das, sagt Lohscheller, derzeit erfolgreichste und zukunftsträchtigste Opel-Modell vom Band. „Das ist ein großartiger Tag“, schwärmt der großgewachsene Manager.

Das erste Opel-Werk werde umgestellt auf die Zukunft. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow applaudiert: „Das Opel-Werk gehört zu Eisenach wie die Wartburg und ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor weit über die Region hinaus.“

Ist also alles gut bei Opel zwei Jahre nach der Übernahme durch den französischen Autokonzern PSA? Noch lange nicht, räumt Lohscheller auf der Wartburg ein. Es müsse noch sehr viel optimiert werden. Man sei noch nicht da, wo Opel hinwolle.

Wenn ein Unternehmen 18 Jahre lang nur Verluste schreibe, sei es nicht lebensfähig. „Das haben wir komplett geändert.“ 860 Millionen Euro Betriebsgewinn 2018, 700 Millionen im ersten Halbjahr 2019, ein Drittel mehr als ein Jahr zuvor. „Wir sind schon jetzt kurz davor, die Renditeziele zu erfüllen, die wir uns erst für 2026 gesteckt haben.“

Der Druck aus Paris ist freilich enorm. Das macht Yann Vincent, globaler Produktionschef bei PSA, in Eisenach deutlich. Bei maximal zehn Prozent des Umsatzes sollen die Lohnkosten der einzelnen PSA-Werke liegen, bei Opel sind es noch knapp elf Prozent. Pro produziertem Auto sollen die Kosten bei höherer Qualität bis 2021 um 700 Euro gesenkt werden, auch durch Druck auf die Zulieferer.

In zehn Wochen vom Kleinwagen Adam zum SUV Grandland X

Das Werk in Eisenach, wo seit 1990 mehr als drei Millionen Fahrzeuge gebaut wurden, betrachten Vincent und Lohscheller als erfolgreiches Beispiel. In nur zehn Wochen wurde die Fabrik umgestellt und umgerüstet von der Produktion des Kleinwagens Adam auf den Bau des Grandland X, der bisher in Frankreich produziert wurde. Der kann jetzt auf einer Linie sowohl als Benziner, Diesel, Hybrid als auch als reines Elektrofahrzeug vom Band laufen. „Wir sind so flexibel und können uns an der Nachfrage orientieren. Da haben wir sehr, sehr klug entschieden“, klopft sich Lohscheller selbst auf die Schulter. Bis 2024 will er von jedem Modell eine E-Version anbieten.

Was in Eisenach passiert ist, soll in allen Werken umgesetzt werden: noch stärkere Automatisierung, eine effizientere Flächennutzung, die Platz schafft für Zulieferer, die jetzt vor Ort montieren können (und müssen), ein anderes Lackierverfahren. In Eisenach werden so die CO2-Emissionen um 1300 Tonnen und die Stickoxidemissionen um 2,7 Tonnen pro Jahr reduziert. Der Wasserverbrauch sinkt um 2000 Kubikmeter jährlich.

Der Abbau von 3700 Stellen bei Opel in Deutschland ist beschlossen und läuft über freiwillige Angebote. Betriebsbedingte Kündigungen sind tabu. Das gilt auch für Eisenach, wo bis zu 200 der Ende 2018 noch 1400 Beschäftigten freiwillig ausscheiden sollen.

Angeblich stehen vor allem im Stammwerk in Rüsselsheim zusätzlich mehrere Hundert Stellen auf der Kippe. Für das Komponentenwerk Kaiserslautern hofft Lohscheller noch in diesem Jahr auf den Subventionszuschlag der EU für den Umbau zu einer Batteriefabrik.

Weniger Zulassungen der britischen Schwestermarke

Opel-Kritiker wie Ferdinand Dudenhöffer, Chef des Center Automotive Research, glauben aber, dass Opel und Vauxhall noch viel stärker abbauen müssen – um die geforderte Lohnquote von zehn Prozent vom Umsatz zu erreichen. Ende 2021 könnten es nur noch 26100 Beschäftigte sein, 11300 weniger als bei der Übernahme von Opel und Vauxhall durch PSA 2017, sagt Dudenhöffer. In Rüsselsheim weist man das zurück.

Opel-Chef Lohscheller weiß um das schwierige Umfeld. In Europa wurden von Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall im ersten Halbjahr knapp vier Prozent weniger Autos neu zugelassen. Immerhin gab es in Deutschland für Opel von Januar bis Juli ein Zulassungsplus von 2,2 Prozent auf 139000 Fahrzeuge, aber 30000 weniger als bei Ford.

Umso mehr muss der Grandland X in der Erfolgsspur bleiben. 80000 Autos seien 2018 verkauft worden, sagt Lohscheller, in den ersten sieben Monaten 2019 habe es ein Plus von 40 Prozent gegeben. Auch beim Wiedereintritt von Opel in den russischen Markt Ende des Jahres sollen Autos aus Eisenach eine wichtige Rolle spielen.

Auf 40 Prozent soll der Anteil von SUVs an allen Opel-Verkäufen bis 2021 steigen. Auch die gerade vorgestellte neue Version des Kleinwagens Corsa, den es auch elektrisch gibt, muss ein Erfolg werden. Dass die nachhaltige Rückkehr in die Profitabilität für das traditionsreiche Unternehmen ein Marathonlauf ist, weiß niemand besser als der erfahrene Langstreckenläufer Lohscheller.

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