Farbwechsel: Zahlreiche Fahrradkuriere tragen jetzt Lieferando-Orange statt Foodora-Pink. Foto: promo
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Orange statt Pink Lieferando steigt zum Monopolisten auf

Der Essenslieferdienst Lieferando vollzieht derzeit die Fusion mit gleich drei deutschen Konkurrenten. Auch das Kartellamt beobachtet den Markt.

Am Mittwoch war Jitse Groen in Berlin, um sich selbst ein Bild über die Integration seiner Lieferdienstgruppe zu machen. Der Niederländer ist Chef und Gründer von Takeaway.com, hierzulande bekannt durch die Marke Lieferando. Im Vorjahr hat er für rund eine Milliarde Euro das Deutschlandgeschäft von Delivery Hero übernommen, seither gehören auch Lieferheld, Foodora und Pizza.de zum Reich von Takeaway.

Er freut sich, dass nun zahlreiche Fahrradkuriere die pinken Foodora-Uniformen gegen seine orangenen Lieferando-Uniformen getauscht haben. Hunderte Outfits und E-Bikes hat er dafür angeschafft, seit Tagen läuft die Umstellung.

Groen klappt seinen Laptop auf, der Bildschirm zeigt eine Karte von Berlin, darauf zahlreiche kleine schwarze Kreise mit einem Fahrradsymbol. Es sind die Fahrer, die gerade Pizza, Sushi oder Burger liefern. Nur drei Symbole sind grün, diese Kuriere warten gerade auf Aufträge. Es ist Mittagszeit und das Liefergeschäft läuft auf Hochtouren.

Dabei zeigt die Karte nur einen kleinen Prozentanteil der Bestellungen, nämlich alle, die von eigenen Fahrern ausgeliefert werden. Den Großteil bringen die Restaurants selbst, Lieferando ist dabei nur die vermittelnde Plattform. „Berlin ist jetzt wahrscheinlich unser größter Markt“, sagt Groen zufrieden. Zum Vergleich klickt er die Karten von Amsterdam, Tel Aviv oder Wien durch.

Bild der Vergangenheit: Ein Foodora-Kurier in Berlin Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch Vergrößern
Bild der Vergangenheit: Ein Foodora-Kurier in Berlin © REUTERS/Fabrizio Bensch

Lieferando hat den Pizzakrieg für sich entschieden und steigt durch die Übernahme quasi zum Monopolisten für Essenslieferdienste in Deutschland auf. Als Konkurrenz bleiben lokale Anbieter und die in Deutschland bislang kaum präsenten Deliveroo und Uber Eats. Das Bundeskartellamt musste den Deal trotzdem nicht einmal prüfen. „Dazu sind wir zu klein“, sagt Groen.

Tatsächlich hat das Kartellamt die Unternehmen zwar zu dem Vorhaben befragt und Unterlagen angefordert, letztlich aber die Fusion nicht geprüft, da die geltenden Umsatzschwellen nicht erreicht wurden. Die beteiligten Unternehmen müssten zusammen weltweit mehr als 500 Millionen Euro Umsatz erzielen. Innerhalb Deutschlands muss mindestens eines der Unternehmen mehr als 25 Millionen Euro Umsatz erzielen.

„Gerade wegen der hohen Marktkonzentration wird das Bundeskartellamt den Bereich der Online-Essenslieferdienste aber verstärkt im Blick behalten“, sagt ein Sprecher des Kartellamts. Experten wie der frühere Chef der Monopolkommission, Daniel Zimmer, warnen, dass die Konsolidierung zu Preiserhöhungen führen könnte. Solchen Befürchtungen widerspricht Groen: „Die Gebühren für die Restaurants sind die gleichen und werden sich auch nicht ändern.“ Und für Kunden sei die Auswahl größer und teilweise werde es günstiger, weil Liefergebühren wegfallen, beispielsweise bei Restaurants, wo bisher über Foodora bestellt werden konnte.

Teure Werbeschlacht fällt weg

Seit einigen Tagen läuft die Zusammenführung und Umstellung der Dienste. Wer die Apps und Webseiten von Foodora & Co. öffnet, bekommt den Hinweis, sich bei Lieferando anzumelden. Zum Teil können dabei auch die alten Konten verwendet werden. „Durch die Datenschutzgrundverordnung ist eine Übertragung von Nutzerdaten nicht so einfach möglich“, sagt Groen. Teilweise müssten Genehmigungen eingeholt werden, teilweise sei auch rechtlich unklar, was erlaubt ist und unter welchen Voraussetzungen. „Wir sind daher lieber vorsichtig“, sagt Groen.

Trotzdem war von Anfang an klar, dass nach der Übernahme nur eine Marke bestehen bleiben soll. „Allein zwei verschiedene Plattformen zu betreiben, ist ein Alptraum“, sagt Groen. Zudem können so im kommenden Jahr Marketingkosten von schätzungsweise 60 Millionen Euro eingespart werden. Denn im Kampf um Kunden und Marktanteile gab es zwischen den Lieferdiensten eine teure Werbeschlacht: allein 2017 steckte Lieferando hierzulande 71 Millionen Euro in TV-Spots und Anzeigen, bei Delivery Hero war es ebenfalls ein hoher zweistelliger Millionenbetrag.

Wie viele Kunden zu den bisherigen 5,8 Millionen neu hinzugekommen sind, will der Manager noch nicht sagen. Doch das Ziel ist klar: Durch die Übernahme kann das Unternehmen sein Geschäft hierzulande quasi verdoppeln. Die Zahl der Restaurants, die bislang bei den anderen Diensten aber nicht bei Lieferando waren, ist um etwa 2000 bis 3000 gestiegen. „Die Liste ist jetzt so lang, dass manche ihr Lieblingsrestaurant nicht mehr finden“, sagt Groen. Tatsächlich beklagen einzelne Nutzer, Lieferando sei unübersichtlicher. Doch insgesamt sei die Zahl der Beschwerden im Vergleich zur Gesamtnutzerzahl extrem gering.

Riesenbüro in Berlin gesucht

Am schwierigsten bei der Zusammenführung sei die Organisation der Mitarbeiter. Denn deren Zahl ist in Deutschland von 250 auf 700 angestiegen. Die meist in Teilzeit arbeitenden Fahrradkuriere sind dabei noch nicht mitgerechnet. „So einen Zuwachs muss man erst einmal verdauen“, sagt Groen.

Zudem stellt sich die Frage der Unterbringung. Lieferando hat seinen Sitz in Berlin bisher am Landwehrkanal, von den zwei Etagen im vierten und fünften Stock hat man teilweise einen tollen Blick über den Potsdamer Platz. Doch hier gab es nur Raum für 50 weitere Mitarbeiter. Die anderen sind nun in einem früheren Büro von Delivery Hero am Ostbahnhof untergebracht. Daher ist Groen nun auf Bürosuche. Wie schwer es inzwischen geworden ist, etwas Passendes in attraktiver Lage in Berlin zu finden, weiß auch er. Zumal es mindestens 15.000 Quadratmeter sein sollen. Erste Objekte hat er sich am Mittwoch mit Lieferando-Chef Jörg Gerbig angeschaut.

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