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Die Auftragslage ist gut, doch der Wirtschaft fehlen viele essenzielle Rohstoffe. Carsten Koall/dpa
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Nur noch 2,6 Prozent Jetzt senkt auch die Bundesregierung die Wachstumsprognosen

Lieferengpässe und Materialmangel machen der Wirtschaft zu schaffen. Die Erholung nach der Krise wird mühsamer als gedacht.

Für seine vermutlich letzte Wachstumsprognose als Bundeswirtschaftsminister hatte sich Peter Altmaier sicher andere Zahlen vorgestellt. Denn der scheidende Minister muss die Aussicht für die deutsche Wirtschaft deutlich nach unten korrigieren. Dieses Jahr dürfte es nur noch zu einem Plus von 2,6 Prozent reichen statt der im Frühjahr in Aussicht gestellten 3,5 Prozent.

Alles halb so schlimm, war dennoch die Botschaft, die er bei seinem Auftritt anlässlich der neuen Zahlen senden wollte. Die deutsche Wirtschaft werde zum Ende des ersten Quartals 2022 wieder ihr Vor-Corona-Niveau erreichen und überschreiten. „Ein Quartal später als ursprünglich angenommen worden ist“, sagte Altmaier. „Voraussetzung ist natürlich, dass der Wachstumskurs nicht abgewürgt wird in den nächsten Monaten.“

Und für 2022 ist Altmaier sogar optimistischer als bislang. Nächstes Jahr dürfte die Wirtschaft laut Projektion um 4,1 Prozent zulegen, das sind 0,5 Punkte mehr als bislang gedacht. Für 2023 wird mit 1,6 Prozent gerechnet.

Corona könnte weiter dämpfen

„In diesem Jahr kommt es angesichts der aktuellen Lieferengpässe und weltweit hoher Energiepreise nicht zum erhofften Schlussspurt“, sagte Altmaier. 2022 werde die Wirtschaft aber deutlich an Fahrt aufnehmen. Das wäre eine gute Nachricht für die neue Bundesregierung, über die SPD, Grüne und FDP momentan verhandeln. Sie ist dringend auf steigende Steuereinnahmen angewiesen, um zusätzliche Investitionen für Klimaschutz und Digitalisierung zu stemmen.

Die stark steigenden Corona-Infektionszahlen können nach Altmaiers Worten den Aufschwung dämpfen – auch ohne neuen Lockdown. „Wir haben vor uns einen zweiten Pandemie-Winter“, sagt der CDU-Politiker. Er gehe davon aus, dass auf neue Lockdowns verzichtet werden könne. Die hohen Infektionszahlen könnten aber „zu negativen wirtschaftlichen Auswirkungen“ führen. Daher sei es wichtig, weiterhin Masken zu tragen und Vorsichtsregeln zu beachten.

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Die konjunkturelle Lage sei momentan zweigeteilt, so Altmaier. Die Dienstleister profitierten vom Impffortschritt. Der private Konsum sei einer der Treiber der Erholung von der Coronakrise. Dagegen spüre die Industrie die Knappheit bei Vorprodukten. Das bremse die Industrie im zweiten Halbjahr 2021 aus. Sobald sich die Lieferengpässe auflösten, sollte es 2022 aber zu Aufholeffekten kommen.

Altmaier hatte die Wachstumsprognose für 2021 zuletzt Ende April wegen stark anziehender Exporte angehoben und sich danach im Sommer noch optimistisch geäußert, womöglich sei sogar ein noch etwas stärkeres Wachstum drin.

Ökonomen sehen die Lage kritisch

Nun schließt er sich dem Kurs fast aller Experten an. Die Bundesbank hatte Anfang der Woche bereits ein schwächeres Wachstum vorausgesagt. Und auch Wirtschaftsforschungsinstitute und andere Institutionen wie der Internationale Währungsfonds hatten ihre Prognosen nach unten korrigiert.

"Insgesamt ist in den vergangenen Wochen allerdings die Unsicherheit über das Wirtschaftswachstum gestiegen", erklärt Sebastian Dullien, wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Immer noch sei unklar, wie schnell sich die Probleme bei den Lieferketten lösen. "Wir befürchten, dass sich diese bis zur Jahresmitte 2022 hinziehen könnten."

Peter Altmaier bei seiner wohl letzten Vorstellung der Wirtschaftsprognose der Bundesregierung. John MACDOUGALL / POOL / AFP) Vergrößern
Peter Altmaier bei seiner wohl letzten Vorstellung der Wirtschaftsprognose der Bundesregierung. © John MACDOUGALL / POOL / AFP)

Weiter führt er die hohen Energiepreise, die steigende Covid-Infektionsdynamik und die Probleme im chinesischen Immobiliensektor als Konjunkturhemmnisse an. "Letzteres könnte das Wachstum in China und dämpfen und damit die deutschen Exporte belasten", so Dullien. Er spricht sich für Investitionen aus. "Etwa über kreditfinanzierte Investitionsgesellschaften – so dürfte sich das positiv im Wirtschaftswachstum schon 2022 niederschlagen."

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) stimmt in den pessimistischen Tenor mit ein. Das DIW-Konjunkturbarometer für das laufende vierte Quartal sackte im Vergleich zum Sommer um sechs auf 101 Punkte ab, wie die Berliner Forscher am Mittwoch zu ihrer Untersuchung mitteilten.

"Angesichts der Tatsache, dass die Produktionskapazitäten der deutschen Wirtschaft ziemlich unterausgelastet sind, wird das Wachstum der Wirtschaftsleistung zum Jahresende mager ausfallen", sagte DIW-Experte Simon Junker dazu. "Das liegt vor allem an den globalen Lieferengpässen, die der Industrie Sand ins Getriebe streuen – obwohl die Auftragslage eigentlich rosig ist."

Bundesregierung: Inflation lässt zum Jahreswechsel nach

Die Bundesregierung rechnet zudem im kommenden Jahr mit deutlich langsamer steigenden Verbraucherpreisen. Zwar werde die Inflationsrate in diesem Jahr mit 3,0 Prozent so hoch ausfallen wie seit 1993 nicht mehr, wie aus der Herbstprojektion hervorgeht. 2022 soll sie aber auf 2,2 Prozent und 2023 sogar auf 1,7 Prozent zurückgehen. Zum Vergleich: In dem von der Coronakrise geprägten Jahr 2020 lag die Teuerungsrate lediglich bei 0,5 Prozent.

„Die Lieferengpässe und die zuletzt weltweit stark gestiegenen Energiepreise haben zu einem Anstieg der Inflationsrate geführt“, erklärte das Wirtschaftsministerium mit Blick auf die aktuelle Entwicklung. Es geht davon aus, dass die Teuerungsrate bereits zum Jahreswechsel 2021/22 wieder ein „deutlich niedrigeres Niveau erreicht“.

Grund dafür sei, dass dann Sonderfaktoren wegfallen. Dazu gehört, dass die Preise im neuen Jahr nicht mehr mit denen des zweiten Halbjahres 2020 verglichen werden, als wegen der zeitweise gesenkten Mehrwertsteuer viele Waren und Dienstleistungen günstiger waren.

Die Inflationsrate liegt aktuell mit 4,1 Prozent auf dem höchsten Stand seit 1993. Viele Ökonomen gehen davon aus, dass sie sich zunächst weiter in Richtung fünf Prozent bewegen wird. Für Oktober etwa wird ein Wert von 4,4 Prozent erwartet. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht dazu an diesem Donnerstag eine erste Schätzung. (mit rtr)

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