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Die exportorientierte deutsche Wirtschaft ist stark daran interessiert, dass Corona weltweit eingedämmt wird. Ingo Wagner/dpa
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Nur 1,5 Prozent Wirtschaftswachstum Ein Blick ins Ausland zeigt, wie zäh die deutsche Erholung ist

Das Bruttoinlandsprodukt steigt wieder, doch weniger als erwartet. Die Wirtschaft warnt, dass der derzeitige Aufschwung auf wackeligen Füßen steht.

Bis zu einem Plus von 3,5 Prozent ist es noch ein bisschen hin. Diese Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) hatte nämlich Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) im Rahmen der Frühjahrsprojektion der Bundesregierung für das Gesamtjahr 2021 vorhergesagt. Derzeit ist die Wirtschaft von der Prognose von Ende April aber noch etwas entfernt.

Nach einem Minus von 2,1 Prozent im ersten Quartal konnte das BIP im zweiten Quartal immerhin wieder um 1,5 Prozent gesteigert werden, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Die Erholung ist aber zäher als von vielen Experten erwartet.

Zum Aufwärtstrend trugen laut Statistischem Bundesamt vor allem höhere private und staatliche Konsumausgaben bei. Das BIP liege allerdings weiterhin deutlich unter dem Niveau, das es vor Beginn der Corona-Krise hatte, erklärten die Statistiker weiter. Im Vergleich zum vierten Quartal 2019, also vor Ausbruch der Corona-Pandemie, lag das BIP im zweiten Quartal 2021 demnach um 3,4 Prozent niedriger.

Im Gesamtjahr 2020, das von der Corona-Pandemie geprägt war, war das BIP um 4,9 Prozent geschrumpft. Am schlechtesten schnitt mit einem Minus von 11,3 Prozent im Vorjahresvergleich das zweite Quartal 2020 ab, in das der erste Lockdown fiel.

Erholung ist "kein Selbstläufer"

Wirtschaftsvertreter warnten, die Erholung stehe auf wackeligen Füßen. „Die aktuell gute Lage in der deutschen Wirtschaft darf nicht über drohende Konjunkturrisiken hinwegtäuschen“, erklärte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Joachim Lang. „Die globale vierte Corona-Welle und anhaltende Lieferschwierigkeiten bei Vorprodukten drohen die noch intakte deutsche und europäische wirtschaftliche Erholung in der zweiten Jahreshälfte zu gefährden.“

In eine weitere Infektionswelle hineinzulaufen wäre sehr nachteilig für die exportorientierte deutsche Wirtschaft, fügte er hinzu. Es müsse oberste Priorität haben, „weltweit das Impftempo deutlich zu erhöhen und Hilfsmaßnahmen für Schwellen- und Entwicklungsländer auszubauen“.

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Auch der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, erklärte, der weg aus der Krise sei „kein Selbstläufer“. Vieles hänge nun vom weiteren Pandemieverlauf ab. „Zudem stellen die aktuellen Lieferschwierigkeiten und zum Teil deutlichen Preissteigerungen von Rohstoffen und Vorprodukten die deutsche Wirtschaft noch für eine geraume Zeit vor erhebliche Probleme.“

Altmaier betonte, es müsse alles dafür getan werden, „damit der Neustart weiter an Kraft zulegt“. Dazu müsse es beim Impfen schneller vorangehen. Außerdem sollten „die notwendigen Unterstützungsprogramme für die Wirtschaft“ fortgeführt werden.

Ökonomen bleiben optimistisch

Beim Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) sieht man die Lage verhältnismäßig positiv. „Für das laufende dritte Quartal ist nun mit einer deutlichen Wachstumsbeschleunigung und im Quartalsvergleich deutlich höheren Wachstumstempo als im Frühjahr zu rechnen“, sagte der wissenschaftliche Direktor Sebastian Dullien. „Zentral hierfür dürfte eine Erholung der Ausgaben der Privathaushalte im Einzelhandel, der Gastronomie und der Freizeitwirtschaft sein.“ Das IMK war schon bisher mit einer Wachstumsprognose von 4,5 Prozent für dieses Jahr besonders optimistisch gewesen. „Mit den Revisionen der Zahlen aus den vorangegangenen Quartalen wird dieser Wert nun schwerer zu erreichen sein“, sagte Dullien nun.

Sebastian Dullien ist seit April 2019 Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Von seiner optimistischen Prognose könnte er nun leicht abrücken müssen. Doris Spiekermann-Klaas TSP Dori Vergrößern
Sebastian Dullien ist seit April 2019 Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Von seiner optimistischen Prognose könnte er nun leicht abrücken müssen. © Doris Spiekermann-Klaas TSP Dori

Nicht nur in Deutschland, auch in Europa insgesamt ging es zuletzt aufwärts. Die Statistikbehörde Eurostat erklärte am Freitag, das BIP in der Eurozone sei im Vergleich zum Vorquartal um zwei Prozent gestiegen. Für die EU insgesamt ergab sich demnach ein Wachstum von 1,9 Prozent. Dabei tun sich die Länder unterschiedlich schwer. So wuchs die französische Wirtschaft im zweiten Quartal von April bis Juni zwar nur um 0,9 Prozent, wie die Statistikbehörde Insee am Freitag mitteilte. Allerdings hatte es anderes als in Deutschland in den ersten drei Monaten auch kein Minus, sondern eine Stagnation gegeben.

Spanien und Italien wachsen schneller

Damit nähere sich das BIP in Frankreich insgesamt wieder Vorkrisenniveau an, so die Behörde. Im zweiten Quartal trugen vor allem die Investitionen und der Konsum der privaten Haushalte zum Wachstum bei – in dem Dreimonatszeitraum durften Bars, Restaurants und Hotels wieder öffnen, zudem wurde das Reisen leichter. Dennoch blieb der Konsum „deutlich unter dem Vorkrisenniveau“, erklärten die Statistiker. Insee rechnet nach dem Corona-Minus von 8,0 Prozent im vergangenen Jahr dieses Jahr mit einem Wachstum von 6,0 Prozent.

In Italien ist die Konjunktur hingegen im zweiten Quartal stärker angesprungen als in Deutschland. Von April bis Juni sei die Wirtschaftsleistung um 2,7 Prozent gestiegen, teilte die Statistikbehörde Istat am Freitag in Rom mit. Volkswirte wurden von der Stärke der konjunkturellen Belebung überrascht. Sie hatten nur mit 1,3 Prozent gerechnet. Das Plus ist umso deutlicher, da die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone sogar im ersten Quartal leicht um 0,2 Prozent gewachsen war. Neben dem Bereich der Dienstleistungen trug laut den Statistikern in Rom auch eine Belebung der Industrie und ein stärkerer Außenhandel zum Wachstum bei.

Auch Spanien kam in den vergangenen Monaten besser aus der Krise als die Bundesrepublik. Die spanische Wirtschaft wuchs laut Zahlen vom Freitag im Zuge der gelockerten Pandemie-Beschränkungen um 2,8 Prozent zum Vorquartal. Anfang des Jahres war die Wirtschaft hier um 0,4 Prozent geschrumpft. In den USA legt die Wirtschaft ebenfalls kräftig zu. Weil der Wert allerdings anders berechnet wird als in Europa, ist ein direkter Vergleich schwer. Auf das Jahr hochgerechnet, lag das BIP-Plus in den Vereinigten Staaten im zweiten Quartal bei 6,5 Prozent.

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