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Teurer Brennstoff. Wegen der Pandemie und des Krieges kostet Gas derzeit fast fünfmal so viel wie vor einem Jahr. Foto: DPA/DPAWEB
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Nach satten Erhöhungen Der Gaspreis in Berlin bleibt stabil – bis Jahresende

Die Gasag zieht Bilanz: Die Preise steigen so stark wie noch nie, doch über neue Tariferhöhungen wird erst im Oktober entschieden. Strittig bleibt das Gasnetz.

In den kommenden Monaten gibt es keine weitere Preiserhöhung bei der Gasag. „Bis Ende des Jahres passiert nichts mehr“, sagte Vertriebsvorstand Matthias Trunk am Mittwoch bei der Vorstellung der Jahresbilanz.

Alles andere wäre auch schwer vermittelbar, denn die Erhöhungen zum 1. Januar um durchschnittlich 16 Prozent und zum 1. Mai um weitere 26 Prozent sind die größten in der 175-jährigen Geschichte der Gasag. Die Pandemie und der Krieg sind dafür die Hauptursachen.

Bereits im zweiten Quartal 2021 sei der Markt mit Preissprüngen um bis zu 100 Prozent angezogen, „im vierten Quartal ging die Post dann richtig ab“, blickte Gasag-Chef Georg Friedrichs zurück. Ein paar Monate später überfielen die Russen die Ukraine, und das Gas ist heute etwa viermal so teuer wie vor einem Jahr. „Auch für das Jahr 2023 sehen wir Preise, die sich im Drei- bis Fünffachen bewegen, was wir bislang kannten“, sagte Friedrichs.

Die Gasag werde voraussichtlich Ende Oktober entscheiden, ob die Berlinerinnen und Berliner 2023 noch mehr für Gas zahlen müssen als in diesem Jahr. Das Unternehmen hat 512.000 Gaskunden und versorgt ferner 300.000 Haushalte mit Ökostrom, der zum Großteil in Brandenburg erzeugt wird.

Vorbereitung auf eine "Gasmangellage"

Die Gasag selbst importiert kein Gas, sondern kauft den Brennstoff bei gut 20 Großhandelspartnern. Friedrichs zufolge bereitet sich der Versorger auf eine „Gasmangellage“ für den Fall vor, dass es kein Erdgas mehr aus Russland gebe.

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„Die Wohnungen würden voraussichtlich nicht kalt“, sagte Friedrichs, da die privaten Haushalte ebenso wie Krankenhäuser, Schulen und Behörden zu den geschützten Kunden gehörten. Knapp die Hälfte der in Berlin benötigten Wärme basiert auf dem Gasnetz. Zu den nicht geschützten Kunden zählen Gewerbe und Industrie, die in einer Notlage also nicht beliefert würden und den Betrieb einstellen müssten. Aktuell gebe es keinen Anlass, um an der Versorgungssicherheit zu zweifeln, sagte der Gasag-Chef, der vor gut einem Jahr von Vattenfall zur Gasag gewechselt war.

Die Konzerne möchten die Gasag verkaufen

Die Gasag-Eigentümer Eon, Vattenfall und Engie hatten Friedrichs Vorgänger Gerhard Holtmeier als zu eigensinnig empfunden und abgesetzt. Die Konzerne erwarten sich von Friedrichs Hilfestellung beim angestrebten Verkauf der Gasag an das Land Berlin.

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Seit Jahren wird darüber gesprochen, doch der Senat hat derzeit andere Prioritäten: Vattenfall hat die Fernwärme ins Schaufenster gestellt und will zehn Heizkraftwerke und das rund 2000 Kilometer umfassende Leitungsnetz abgeben. Idealerweise so ähnlich wie das Stromnetz, das der schwedische Staatskonzern 2021 für 2,1 Milliarden Euro an Berlin verkauft hatte.

Der Vorstandsvorsitzende Georg Friedrichs kam vor gut einem Jahr von Vattenfall zur Gasag. Foto: dpa Vergrößern
Der Vorstandsvorsitzende Georg Friedrichs kam vor gut einem Jahr von Vattenfall zur Gasag. © dpa

Im Rahmen der Rekommunalisierungsstrategie möchte der Senat alle wichtigen Netze, die in den 1990er Jahren privatisiert worden waren, zurückkaufen. Das ist bei Wasser und Strom gelungen und für die Wärme annonciert. Strittig bleibt der Umgang mit dem Gas respektive dem Gasnetz, was nach Einschätzung der Grünen nicht für eine klimaneutrale Energieversorgung taugt.

Das Netz sei uninteressant, weil es keinen Wasserstoff transportieren könne, hatte der Grünen-Fraktionschef Werner Graf kürzlich im Tagesspiegel gesagt [das vollständige Interview lesen Sie bei Tagesspiegel Plus]. Dagegen bekräftigte der SPD-Abgeordnete Jörg Stroedter das Ziel seiner Partei, neben der Fernwärme auch die Gasag zurückzukaufen. „Langfristiges Ziel ist ein integrierter Netzbetrieb Strom, Gas, Wasser und Wärme“, heißt es im Koalitionsvertrag.

"75 Prozent des Netzes für Wasserstoff geeignet"

Gasag-Chef Friedrichs zufolge sind 75 Prozent des Gasnetzes für Wasserstoff geeignet. Bei älteren Gussrohren und bei Stahlrohren mit Schweißnähten sei das nicht der Fall, hier und da müssten Dichtungen ausgetauscht werden.

Zur Energiewende mit verschiedenen Eigentümern der Energieinfrastruktur sagte Friedrichs, Berlin sei „wie ein „Puzzle – das macht es nicht leicht, die Stadt klimaneutral zu machen“. Die Bereitschaft, das Puzzle zusammenzusetzen, sei aber aktuell größer als vor zwei oder drei Jahren. „Da sind jetzt verdammt viele Bälle in der Luft. Ich hoffe, dass die so fallen, dass die Energiewende vorankommt“, beschrieb Friedrichs die Situation.

Ein neues Konzessionsverfahren droht

Einer der Bälle ist der Umgang des Senats mit der Gasnetzkonzession, die nach bestimmten Zeiträumen neu auszuschreiben und zu vergeben ist. 2014 hatte die zuständige Stelle beim damaligen Finanzsenator Ulrich Nußbaum die Konzession für den Betrieb des Gasnetzes überraschend der landeseigenen Gesellschaft Berlin Energie zugeschlagen.

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Am Ende einer juristischen Auseinandersetzung über viele Jahre und alle Instanzen gab es dann eine kräftige Niederlage für die Politik: Der Bundesgerichtshof verurteilte im März 2021 den Senat dazu, die Konzession der Gasag zu geben. Bis zum kommenden November muss sich der Senat nun entscheiden, ob er die Konzession kündigt und ein neues Verfahren auf den Weg bringt. Wenn die Gasag vom Land übernommen würde, wäre das Problem mit einem Schlag gelöst.

Gasag 2021 mit stabilem Gewinn

Trotz der Verwerfungen auf dem Gasmarkt ist die Gasag profitabel. Im vergangenen Jahr lag der bereinigte Bruttogewinn bei 116 Millionen Euro und damit knapp über Vorjahr. „Wir haben ein sehr stabiles Ergebnis abgeliefert unter sportlichen Bedingungen“, kommentierte Friedrichs die eigene Bilanz. In diesem Jahr soll der Gewinn auf 132 Millionen Euro steigen – auch ein Effekt der steigenden Preise.

„Ich weiß nicht, ob wir das erreichen“, sagte der Gasag-Chef. Wenn es kein russisches Gas mehr gibt, würden alle Karten neu gemischt. Doch ohne Gas als Brückentechnologie werden die Energiewende nicht gelingen. „Der Ausstieg aus dem russischen Gas ist kein Ausstieg aus dem Erdgas“, sagte Friedrichs.

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