Bei Börsengängen in Deutschland, wie hier von Delivery Hero, werden meist nur Gründer und Investoren reich. In den USA werden dagegen auch Programmierer und andere Mitarbeiter zu Millionären. Foto: Delivery Hero
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Millionärsmangel Kaum Aktienoptionen für Mitarbeiter deutscher Start-ups

Die Börsengänge von Uber und Co. machen viele Mitarbeiter zu Millionären. Hierzulande funktioniert das nicht. Bekannte Gründer wollen das ändern.

Nach den geplanten Börsengängen von Uber, Airbnb oder Pinterest wird es in den USA tausende neuer Millionäre geben, die Schätzungen schwanken zwischen 5000 und 10.000. Der Grund: Start-ups binden Mitarbeiter auch damit an sich, dass sie ihnen Aktienoptionen geben, mit denen sie bei einem erfolgreichen Börsengang oder Verkauf ebenfalls mitverdienen – jedenfalls in den USA.

Nur Belgien ist schlechter

In Deutschland sind Aktienoptionen für Mitarbeiter bei Start-ups eine Seltenheit. „Die meisten Start-ups vermeiden die Ausgabe echter Aktienoptionen“, schreibt der Wagniskapitalgeber Index Ventures. Grund seien vor allem die Steuerregeln und der hohe bürokratische Aufwand hierzulande. So liegt Deutschland in einer europaweiten Auswertung des Wagniskapitalgebers bei Mitarbeiterbeteiligungen auf dem vorletzten Rang – nur in Belgien sind die Regularien noch ungünstiger.

Im Standortwettbewerb entwickle sich das inzwischen zu einem der größten strukturellen Nachteile, warnen prominente Gründer wie Niklas Östberg (Delivery Hero), Valentin Stalf (N26), Johannes Reck (GetYourGuide), Tamaz Georgadze (Raisin) oder Dominik Richter (Hello Fresh). „Die größte Herausforderung für das Wachstum und die internationale Weiterentwicklung des Start-up-Ökosystems ist das viel zu geringe Angebot an Talenten“, heißt es in einem offenen Brief der europäischen Initiative NotOptional, der inzwischen von mehr als 700 bekannten Gründern unterzeichnet wurde. Mitarbeiterbeteiligungsprogramme seien der Haupthebel, mit denen Start-ups um Fachkräfte konkurrieren könnten.

„Im Vorjahr kamen nur 16 Prozent der Neueinstellungen aus Deutschland“, sagt GetYourGuide-Gründer Reck. Und während Programmierer vor einigen Jahren lieber 1000 Euro mehr Monatsgehalt als Aktienpakete genommen hätten, fragen sie heute gezielt, welche Optionen es gibt. „Ich kann nicht die gleichen Gehälter zahlen wie Google & Co.“, sagt auch Christian Vollmann, Gründer des Nachbarschaftsnetzwerks Nebenan.de. Aber auch die Autokonzerne und andere Großunternehmen würden im Zuge der Digitalisierung verstärkt um die gleichen Fachkräfte werben. Um da mitzuhalten würde er neue Mitarbeiter gern am Unternehmen beteiligen, zumal das die Motivation und Bindung erhöhe.

Gründer weichen auf virtuelle Optionen aus

„Doch richtige Aktienoptionen müssten die Mitarbeiter bei Erhalt bereits voll versteuern, also Jahre bevor Ihnen daraus überhaupt Geld zufließt“, sagt Vollmann. Daher weicht er wie andere Start-ups auch auf so genannte „virtuelle Aktienoptionen“ aus, mit denen Mitarbeiter beispielsweise beim Verkauf am Gewinn beteiligt werden. Damit sind sie letztlich eine Art anteilige Bonuszahlung, Mitspracherechte wie bei richtigen Aktien gibt es beispielsweise nicht.

Grundsätzlich hat auch die Politik das Thema erkannt. In Gesprächen mit Politikern erhalte er in der Regel Zustimmung für das Anliegen, sagt Reck. Das zeigte sich auch kürzlich bei einer Diskussionsveranstaltung zum Thema. Von der CDU-Bundestagsabgeordneten Ronja Kemmer über die Vorsitzende des Finanzausschusses Bettina Stark-Watzinger (FDP) bis zum Start-up-Beauftragten der Grünen, Danyal Bayaz, befürworteten alle anwesenden Politiker das Anliegen der Gründer nach besseren Regeln zur Mitarbeiterbeteiligung. Dass trotzdem nichts geschieht liege wohl daran, dass das Thema nicht wichtig genug sei, vermutet Reck. „Wir brauchen Partei übergreifend mehr Allianzen zwischen der jungen Generation“, sagte Kemmer.

Eigentlich steht es auch auf der Agenda der Großen Koalition. Die Regierung hat im Koalitionsvertrag zum Thema Start-up-Förderung auch vereinbart: „Wir werden neue Möglichkeiten der Mitarbeiterbeteiligung prüfen.“ Auf eine Anfrage von Bayaz erklärte sie Anfang des Jahres, mögliche Änderungen würden auf fachlicher Ebene geprüft. Doch der Prüfungsprozess dauert noch eine Weile an, wie eine Anfrage des Tagesspiegel zeigt.  

So wurde gerade ein Forschungsgutachten mit dem Titel „Verbreitung der Mitarbeiterkapitalbeteiligung in Deutschland/Europa und Entwicklungsperspektiven“ ausgeschrieben, teilt das Bundeswirtschaftsministerium mit. Es solle auch mit Blick auf Start-ups die Rahmenbedingungen für Mitarbeiterbeteiligungsprogramme für besonders gefragte Fachkräfte in Deutschland und anderen EU-Staaten evaluieren, vergleichen und Best-Practice-Beispiele identifizieren. „Auf dieser Grundlage kann die Bundesregierung im nächsten Schritt konkrete Möglichkeiten für Mitarbeiterbeteiligungen prüfen“, erklärt das Bundeswirtschaftsministerium.

Dass es auch in Europa besser geht, zeigt ebenfalls die Analyse von Index Ventures. In dem Ländervergleich der Rahmenbedingungen für Mitarbeiterbeteiligungen schneiden gleich vier europäische Länder sogar noch besser ab als die USA: Frankreich, Portugal, Großbritannien und auf dem ersten Platz einmal mehr Estland.

Die Erfolge der Paypal-Mafia

Auch wirtschaftspolitisch zahle sich das letztlich aus. Zwar gibt es auch Diskussionen darum, welche Auswirkungen die neue Millionärswelle auf den ohnehin überhitzten Immobilienmarkt in San Francisco haben werde, doch auch das Start-up-Ökosystem dürfte weiter profitieren. „Die meisten neuen Millionäre re-investieren einen großen Teil ihrer Gewinne wieder in die nächste Generation von Unternehmen“, sagt Vollmann. Entweder als Business Angel oder indem sie es als Startkapital für eigene Gründungen mit nutzen. Genau durch diese Spirale ist das Silicon Valley erst zu dem geworden, was es heute ist. Bestes Beispiel ist die berühmte „Paypal-Mafia“, bei der Ex-Mitarbeiter des Zahlungsdienstes wie Elon Musk, Reid Hoffman, Jawed Karim oder Peter Thiel danach Unternehmen wie Tesla, SpaceX, LinkedIn, Youtube oder Yelp gründeten und finanzierten.     

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