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Genug zum Leben? Nur auf die gesetzliche Rente zu schauen, reicht dabei nicht. Foto: www.imago-images.de/Jan Tepass
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Mickrige Rente trotz 45 Jahren Vollzeitarbeit? Wie mit Zahlen Rentenängste geschürt werden

Neue Berechnungen des Bundessozialministeriums legen nahe, dass langjährige Arbeit nicht zu auskömmlichen Renten führt. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit.

Reicht die Rente im Alter? Diese Frage liegt den Bundesbürgern ganz besonders am Herzen. Nach der Bekämpfung der Corona-Pandemie müsse sich die Bundesregierung vor allem um die Sicherung der Renten kümmern, hat eine aktuelle repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa für die „Bild am Sonntag“ ergeben.

Die Ampel-Koalition weiß, wie wichtig das Rententhema den Menschen ist. Im Koalitionsvertrag haben SPD, Grüne und FDP vereinbart, dass es in dieser Legislaturperiode keine Rentenkürzungen und keine Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters geben wird. Versprochen wird ein Mindestrentenniveau von 48 Prozent. Derzeit liegt der Wert bei 49,4 Prozent.

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Doch neue Zahlen aus dem Bundessozialministerium legen nahe, dass selbst Menschen, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben, im Alter mit der Rente nicht über die Runden kommen. Jeder dritte Arbeitnehmer, der 45 Jahre lang in Vollzeit beschäftigt war, landet bei einer Bruttorente von unter 1300 Euro im Monat, teilte das Ministerium auf eine Anfrage der Links-Fraktion im Bundestag mit. Beim derzeitigen Rentenniveau müssten Beschäftigte mindestens 2800 Euro im Monat brutto verdienen, um eine gesetzliche Monatsrente von 1300 zu erhalten. Für eine Bruttorente von 2500 Euro im Monat sei aktuell sogar ein Monatslohn von 5350 Euro brutto nötig.

Linke und Sozialverbände sind empört

Die Zahlen sorgen für Empörung. Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, es sei „inakzeptabel“, dass einem Drittel der Beschäftigten nach 45 Jahren Vollzeitarbeit eine schmale Rente drohe, im Osten betreffe das sogar jeden zweiten.

Auch der Sozialverband VdK ist alarmiert. Nötig sei ein Rentenniveau von „deutlich über 50 Prozent“, sagte VdK-Präsidentin Verena Bentele dem Tagesspiegel. „Wenn so viele Menschen im Alter nach langer Vollzeitberufstätigkeit Renten bekommen, die kaum höher als die Sozialhilfe sind, fragen sie sich, warum sie überhaupt einzahlen sollen“, kritisiert die VdK-Chefin. Um Altersarmut zu vermeiden, fordert Bentele neben der Erhöhung des Mindestrentenniveaus eine umgehende kräftige Anhebung des Mindestlohns. „Für eine Rente oberhalb der Sozialhilfe müsste der Mindestlohn mindestens bei 13 Euro liegen“, betont die VdK-Präsidentin.

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Doch wie aussagekräftig sind die Zahlen wirklich? Rentenexperten, die Deutsche Rentenversicherung und selbst das Bundessozialministerium warnen davor, die neuen Berechnungen für bare Münze zu nehmen. „Das ist ein alter Hut und völlig falsch“, sagte Axel Börsch-Supan dem Tagesspiegel. Bei der Berechnung seien etwa auch Berufsanfänger einbezogen, die ihre Karriere noch vor sich haben. „Man kann nicht aus der Verteilung der Einkommen an einem Stichtag auf die Renten schließen“, gibt der Rentenexperte, der im wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums sitzt, zu bedenken. „Typischerweise steigt das Einkommen im Lebensverlauf. Das wird hier ignoriert.“

Sorgenfrei im Ruhestand: Viele Rentnerinnen und Rentner haben neben der Rente weitere Zusatzeinnahmen. Foto: imago/photothek Vergrößern
Sorgenfrei im Ruhestand: Viele Rentnerinnen und Rentner haben neben der Rente weitere Zusatzeinnahmen. © imago/photothek


Auch im Bundessozialministerium weist man darauf hin, dass mögliche Lohnerhöhungen bei der Berechnung nicht berücksichtigt sind, die Renten also später deutlich höher sein könnten. Zudem ließen die Rentenansprüche allein keinen Rückschluss auf den späteren Lebensstandard zu: Viele Menschen hätten im Ruhestand neben der Rente noch weitere Einnahmen.

Im Schnitt hat ein Rentnerpaar im Monat 2910 Euro netto

Nach dem aktuellen Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung verfügen Rentnerhaushalte im Westen Deutschlands im Schnitt über ein monatliches Nettoeinkommen von 2910 Euro, im Osten sind es 2554 Euro. Unter den alleinstehenden 65-Jährigen und noch Älteren beziehen Männer im Schnitt ein monatliches Gesamteinkommen von 1816 Euro netto, Frauen von 1607 Euro.

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Die gesetzliche Rente macht bei Seniorenhaushalten im Schnitt gerade einmal 61 Prozent der Einnahmen aus, viele Bundesbürger haben zusätzlich noch Ansprüche aus Betriebsrenten, Pensionen, berufsständischen Versorgungswerken und privaten Versicherungen. Auch Kapitaleinnahmen, Miet- oder Pachterträge bessern das Haushaltseinkommen auf. Hinzu kommt, dass nicht wenige Rentner auch im Ruhestand noch arbeiten. Wer die gesetzliche Altersgrenze erreicht hat, kann das tun, ohne dass Lohn oder Gehalt auf die Altersrente angerechnet werden.

Arm im Alter: Wer wenig verdient, keine weiteren Finanzquellen hat oder erwerbsgemindert ist, ist gefährdet. Foto: imago images/Future Image Vergrößern
Arm im Alter: Wer wenig verdient, keine weiteren Finanzquellen hat oder erwerbsgemindert ist, ist gefährdet. © imago images/Future Image


„Die Betrachtung individueller Ansprüche alleine aus der gesetzlichen Rentenversicherung besitzt nur eine begrenzte Aussagekraft hinsichtlich der generellen Einkommenssituation von Rentnerinnen und Rentnern“, sagte ein Sprecher der Deutschen Rentenversicherung Bund dem Tagesspiegel. Die Einkommenslage könne nur im Haushaltskontext bestimmt werden.

Welche Gruppen wirklich gefährdet sind

Dennoch gibt es Personengruppen, die von Altersarmut gefährdet sind. Dazu zählen etwa Selbstständige mit unsteten Erwerbsbiographien und die Bezieher von Erwerbsminderungsrenten. Während bei den Erwerbsminderungsrenten eine Reform bereits für eine Steigerung der Renten gesorgt hat, steht bei den Selbstständigen ein solcher Schritt noch aus. In der vergangenen Legislaturperiode ist die geplante Reform der Alterssicherung anders als geplant nicht gelungen, nun steht das Thema im neuen Koalitionsvertrag. Danach soll es jetzt unter der neuen Regierung eine verpflichtende Absicherung der Selbstständigen geben.

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