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Die marode Eisenbahnbrücke "Europabrücke" über den deutsch-polnischen Grenzfluss Oder nahe Neurüdnitz im Oderbruch (Brandenburg), fotografiert im September 2017. Foto: Patrick Pleul/dpa
© Patrick Pleul/dpa

Exklusiv Marode Brücken, vernachlässigte Schienen Investitionsstau der Bahn wächst um drei Milliarden Euro

Andreas Scheuer will die Schienen modernisieren – doch das Geld fließt nicht richtig, immer mehr Milliarden stecken im Finanzierungs-Stau.

Der Zugverkehr soll zuverlässiger und leistungsfähiger werden: Dafür wollen die Bahn und die Bundesregierung die teils marode und überalterte Infrastruktur modernisieren: In den kommenden zehn Jahren steht dafür eine Rekordsumme zur Verfügung.

Konkret sollen bis zum Jahr 2029 rund 86 Milliarden Euro in den Erhalt und die Modernisierung des lange vernachlässigten deutschen Schienennetzes fließen. Vergangenen Sommer wurde vereinbart, dass die jährlich Investitionssumme von 2020 bis 2029 von 7,9 auf 9,2 Milliarden Euro hochgefahren werden soll. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) erklärte damals stolz: Man habe „das größte Modernisierungsprogramm für die Schiene vereinbart, das es je in Deutschland gab“.

Doch das Geld fließt nicht richtig ab. Der Sanierungsstau der Deutschen Bahn wird bis 2024 um weitere drei Milliarden auf 60 Milliarden Euro steigen. Das geht aus einem Schreiben des Bundesverkehrsministeriums an den Grünen Abgeordneten Sven-Christian Kindler hervor, das Tagesspiegel Background Mobilität & Verkehr vorliegt.

Damit wird es für die Bundesregierung schwieriger, das selbst gesteckte Ziel zu erreichen, die Fahrgastzahlen der Bahn – auch vor dem explizit genannten Hintergrund der Klima-Debatte – bis 2030 zu verdoppeln. Derzeit transportiert der Konzern rund 150 Millionen Menschen pro Jahr. Die geplante Verdoppelung wird die aktuelle Infrastruktur nicht bewältigen können.

Eine S-Bahn fährt über eine Bahnbrücke, die in einem Bericht der Bahn über den Zustand der Brücken in die schlechteste Zustandskategorie vier fällt. Foto: Marijan Murat / dpa Vergrößern
Eine S-Bahn fährt über eine Bahnbrücke, die in einem Bericht der Bahn über den Zustand der Brücken in die schlechteste Zustandskategorie vier fällt. © Marijan Murat / dpa

Die Bundesregierung schreibt in ihrer Antwort auf Kindlers Berichtsbitte zwar, viele Anlagen befänden sich „aufgrund einer unterdurchschnittlichen Nutzung oder guten Instandhaltung in einem technisch einwandfreien Zustand“. Sie müssten nicht ersetzt werden. „Der Anteil des unkritischen Nachholbedarfs dürfte bei rund 50 Prozent des gesamten Nachholbedarfs liegen.“

Hälfte der Brücken vor 1945 gebaut

Doch inzwischen sind 1004 der fast 26.000 Bahnbrücken nicht mehr wirtschaftlich zu sanieren und können nur noch ersetzt werden. Das geht aus Angaben des Bahnbeauftragten der Bundesregierung, Enak Ferlemann, hervor. Würden sie alle nun in Angriff genommen, lägen die Kosten bei 7,3 Milliarden Euro, antwortete Ferlemann jüngst auf eine Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag.

Die Infrastruktur der Bahn gilt auch deshalb als marode, weil jahrelang zu wenig investiert wurde. Mehr als die Hälfte der knapp 26.000 Eisenbahnbrücken wurde vor Ende des Zweiten Weltkriegs gebaut, 45 Prozent sind älter 100 Jahre.

Der Grünen-Politiker Kindler kritisierte, CSU-Verkehrsminister hätten die Bahn und ihre Infrastruktur bereits seit zehn Jahren auf Verschleiß gefahren. „Dass der aufgestaute Sanierungsbedarf in den nächsten Jahren nicht kleiner, sondern sogar noch größer wird, enttarnt die großspurigen Ankündigungen von Verkehrsminister Scheuer als Märchengeschichten“, sagt er Tagesspiegel Background. „Minister Scheuer muss seine Politik von ´Straße first, Schiene second´ endlich aufgeben und prioritär in die Sanierung und den Ausbau des Schienennetzes investieren.“

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