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Die Coronakrise hat Lieferando um ein Jahr nach vorne gebracht, sagt deren Deutschland-Chefin, Katharina Hauke Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa
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Lieferando und Wolt in der Kritik Wie Essens-Lieferdienste von der Not der Restaurants profitieren

Die Lieferdienste geben sich gerne als Retter der vom Lockdown getroffenen Gastronomen. Doch die sehen das allerdings häufig anders.

Retter in der Not oder Nutznießer des Leids anderer? Manchmal ist das eine Frage der Perspektive. In der Krise ist das Verhältnis von Gastronomen zu Lieferdiensten dafür ein Beispiel. Grundsätzlich ist die Rechnung der Essenskuriere einfach: Für die Lieferung einer Bestellung kassieren sie 30 Prozent des Bons vom Restaurant, für eine Order, die der Kunde selbst abholt, rund 13 Prozent. Zusätzlich wird dem Hunrigen meist eine Liefergebühr berechnet.

Da im derzeitigen Lockdown, ebenso wie bereits im März, alle Restaurants geschlossen sein müssen und Essen nur „To Go“ verkauft werden darf, geben sie sich mit diesem Geschäftsmodell gerne als Retter einer ganzen Branche. „Wir tun unser Bestes, um unsere Partner in dieser Zeit zu unterstützen“, heißt es etwa von dem finnischen Lieferdienst Wolt, der seit diesem Sommer in Berlin aktiv ist. Es seien zahlreiche Restaurants „an uns herangetreten, um über die Lieferung ihr Geschäft am Leben halten zu können“, teilte Lieferando, der zweite große Anbieter, schon im ersten Lockdown mit.

Drei Kritikpunkte der Gastronomen

Doch hört man sich unter Berliner Gastronomen um, ist der Unmut über die beiden Platzhirsche unter den Lieferdiensten groß. Viele fühlen sich weniger gerettet, sondern viel mehr über den Tisch gezogen. Angesichts derer Marktmacht und deren Dominanz bei Google sehen sich zahlreiche Gastronomen den Bedingungen von Lieferando und Wolt geradezu ausgeliefert. Die meisten Gastronomen wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, doch es sind im vor allem drei Kritikpunkte, die immer wieder genannt werden.

Erstens die Höhe der Provisionen: 30 Prozent sind häufig die gesamte Marge eines Gastronomen. „Davon kann ich eigentlich nicht mehr leben, aber was soll ich sonst machen in dieser Situation?“, sagt eine Restaurant-Besitzerin aus Kreuzberg. Zweitens Eingriffe in die Preisstruktur: Mehrfach berichten Gastronomen, dass Wolt ihnen untersagte, die Preise anzuheben, um ihr Geschäft trotz der 30-Prozent-Provision wirtschaftlich betreiben zu können. Was zu drittens führt: eine intransparente Kostenstruktur.

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Denn in der Branche sind durchaus Beispiele von Restaurants bekannt, die Wolt nur 25 Prozent Liefergebühr zahlen müssen und außerdem auch noch ihre Preise auf der Plattform von Wolt anheben, für Selbstabholer aber die alten Preise belassen durften. „Ich bin mir nicht sicher, dass ich das richtig verstanden habe, dass ich die Gerichte nicht teurer machen darf“, sagt eine Restaurant-Betreiberin deshalb unsicher. „Aber ich habe ja eh keine andere Wahl, als es so zu machen, wie sie es vorgeben.“ In der Branche ist bekannt, dass vielen Gastronomen dann kein anderer Weg bleibt, als an der Qualität der Zutaten zu sparen. "Es wäre schön, wenn mehr Kunden bewusst wäre, dass Lieferung auf unseren Kosten und eventuell sogar auf Kosten der Qualität geht", meint ein anderer Restaurant-Besitzer.

Wolt und Lieferando mit Sonderaktionen im Lockdown

Bei Wolt und Lieferando kann man die Kritik nicht nachvollziehen, bestätigt aber einige der genannten Punkte. „Wenn Restaurants auf die Wolt-Plattform gehen, verpflichten sie sich, ihre Preise nicht über die übliche Höhe zu heben“, teilt der finnische Anbieter mit. Von Lieferando heißt es dazu, natürlich dürfe jedes Restaurant seine Preise weiterhin festlegen. Sollten die Gerichte aber teurer werden, müsste das auch für Bestellpreise auf anderen Kanälen gelten.

Wolt sieht sich weniger als Plattform, denn als Logistik-Unternehmen. Wolt/obs Vergrößern
Wolt sieht sich weniger als Plattform, denn als Logistik-Unternehmen. © Wolt/obs

Von individuellen Rabatten bei der Liefer-Provision will man bei den Anbietern nichts wissen. Die Deutschland-Chefin von Lieferando, Katharina Hauke, verteidigte die Höhe von fast eine Drittel der Einnahmen Anfang Dezember im Tagesspiegel-Interview so: „Wir erschließen den Gastronomen schnell und einfach große Bestellvolumen und erweitern ihren Kundenstamm.“ Einige Restaurants bestätigen das. Ein Gastronom in Berlin-Mitte berichtet von einer Umsatzsteigerung um 80 Prozent im Vergleich zum Anfang des Lockdowns, seit er mit Lieferdiensten zusammenarbeitet.

Außerdem werben sowohl Wolt als auch Lieferando in diesem Winter mit Lockdown-Sonderaktionen. So zahlen Bestandsrestaurants bei Lieferando derzeit nur 75 Prozent der üblichen Lieferprovision. Gastronomen, die neu auf Lieferando sind, können die ersten vier Wochen die Dienste der Plattform kostenlos nutzen. Das heißt aber auch: Wer sich gleich zu Beginn des aktuellen Lockdowns listen ließ, zahlt inzwischen schon vier Wochen lang den vollen Preis. Wolt wiederum senkt die Lieferprovision derzeit um 1,50 Euro und erlässt - ebenso wie auch Lieferando bereits seit März - die Provision für Selbstabholer-Bestellungen.

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Der Beweis, dass Lieferplattformen nachhaltig wirtschaften können, ist indes ohnehin noch nicht erbracht. Trotz der hohen Provisionen ist kaum ein Anbieter profitabel, zahlreiche Marken wie Deliveroo mussten sich in den vergangenen Jahren aus dem deutschen Markt zurückziehen, weil sich das Geschäft nicht gelohnt hat.

Dehoga rät von Zusammenarbeit mit Lieferdiensten ab

Beim Deutscher Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) hält man den solchen Lock-Angeboten der Lieferdienste wenig. „Uns sind die Probleme bekannt“, sagte die Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges dem Tagesspiegel. „Sowohl die intransparente Kostenstruktur als auch der Eingriff in die eigene Preispolitik der Restaurants.“ Im Januar werde ihr Verband dazu eine Umfrage starten, um beziffern zu können, wie groß dieses Problem wirklich ist, und um Licht in die undurchsichtige Preissetzung zu bringen.

Ingrid Hartges meint, Restaurants sollten lieber eigene Lieferdienste anbieten, wenn nötig. imago images/Jürgen Heinrich Vergrößern
Ingrid Hartges meint, Restaurants sollten lieber eigene Lieferdienste anbieten, wenn nötig. © imago images/Jürgen Heinrich

„Klar ist, dass sich der Lieferdienst nur für sehr wenige Restaurants rechnet“, so Hartges. „30 Prozent – da kann der Gastronom nicht existieren. Das geht gar nicht!“. Sie empfiehlt jedem Gastronom, wenn möglich, auf andere Vertriebswege zu setzen. „Wer ein Geschäft in guter Lage und mit Stammkunden hat, sollte immer versuchen, den Abholservice selbst anzubieten“, meint sie. „Das lohnt sich auf jeden Fall mehr, da keine Provisionen anfallen und der direkte Kontakt zu den Gästen weiter gepflegt wird.“

Bedenklich findet sie zudem, dass die Lieferdienste auch alle Daten behalten. Tatsächlich hat beispielsweise der Lieferdienst Deliveroo das bereits genutzt und in London eigene Großküchen aufgebaut, in denen die beliebtesten Gerichte in Containern zubereitet und anschließen ausgeliefert wurden. Auch Amazon hat Algorithmen entwickelt, die aus solchen Daten berechnen, auf welche Gerichte die Kunden wann Appetit haben. „Das heißt, mit Hilfe der Daten könnte den Restaurants sogar die gesamte Wertschöpfung entzogen werden“, fürchtet Hartges. In Berlin gibt es ebenfalls solche "Ghost Restaurants" und auch auf Wolt sind manche Gerichte gelistet, bei denen man im Internet vergeblich nach einem dazugehörigen Restaurant sucht.

Es geht auch ohne Lieferdienste

Jonathan Margulies hat sich deshalb für einen anderen Weg entschieden. Er hat sein Restaurant „Magic John’s“ im ersten Lockdown eröffnet und liefert seine New-York-Style-Pizza selbst aus – vor allem wegen des Kontakts zum Kunden. „Bei den Lieferdiensten klickt der Kunde auf deren Website, er bekommt das Essen von ihnen: Wir hätten keinerlei Einfluss darauf, wie die Interaktion mit dem Kunden ist und wie das Essen wirklich ankommt“, erklärt Margulies. Auch  finanziell würde es sich für ihn nicht lohnen, mit Wolt oder Lieferando zusammenzuarbeiten. „30 Prozent Gebühr ist einfach sehr viel“, meint er. „Wenn man Gerichte mit viel Fleisch oder viel personellem Aufwand anbietet, ist das eigentlich überhaupt nicht zu machen.“

Doch auch er beobachtet: Wenn ein Restaurant keinen starken USP hat, ist es kaum möglich, für Kunden im Internet auffindbar zu werden. Doch die Preise könne ein Restaurant nicht so stark anpassen, dass sich die Zusammenarbeit mit Wolt oder Lieferando lohnt. „Der Kunden merkt sofort, wenn ein Gericht plötzlich 30 Prozent teurer wird.“ Genauso wie der Gastronom sofort merkt, wenn 30 Prozent des Umsatzes auf einmal nicht mehr ihm gehören.

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