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Im Hafen Mukran auf Rügen lagern Röhren für die letzten fehlenden Kilometer der Erdgaspipeline. Foto: dpa
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Kriegsgefahr und Prognosen zum Gasverbrauch der EU Die Versorgung ist auch ohne Nord Stream sicher

Ob die umstrittene deutsch-russische Pipeline jemals in Betrieb geht und wann, ist ungewiss. Was spricht für die Fertigstellung – und was dagegen?

Das deutsch-russische Pipelineprojekt Nord Stream 2 dient nicht nur der Gasversorgung Deutschlands und der EU. Es hat strategische Bedeutung für die Energiewende, die Umwelt und die Geopolitik.

Dies rückt mit dem russischen Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze und dem Besuch des US-Verteidigungsministers Lloyd Austin am Dienstag in Berlin erneut in den Fokus. Wird Nord Stream 2 unbedingt benötigt? Was wären die Folgen, wenn die Pipeline nicht in Betrieb geht?
Die Ansichten der Experten gehen auseinander. Manche meinen wie Jens Hobohm von Prognos, dass Nord Stream 2 „aus energiewirtschaftlicher Sicht sinnvoll“ sei und gebraucht werde. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) widerspricht: „Eindeutig nein.“ Man brauche keine zusätzliche Infrastruktur für Erdgas. Das Planen mit wachsendem Erdgasverbrauch stehe im Widerspruch zu den vertraglich vereinbarten Klimaschutzzielen.

Eskalation im Ukrainekrieg wäre das Aus für die Pipeline

Ernste Probleme, falls Nord Stream 2 nie in Betrieb geht, sagt aber auch Hobohm nicht voraus. Wenn die Pipeline nicht komme, finden Deutschland und Europa eine Lösung für ihre Energieversorgung.

US-Außenminister Antony Blinken, hier bei seinem Antrittsbesuch bei der EU im März, weiß sich mit vielen EU-Partnern einig im Widerstand gegen die deutsch-russische Pipeline. Foto: REUTERS Vergrößern
US-Außenminister Antony Blinken, hier bei seinem Antrittsbesuch bei der EU im März, weiß sich mit vielen EU-Partnern einig im Widerstand gegen die deutsch-russische Pipeline. © REUTERS

Der neue US-Präsident Joe Biden hat bekräftigt, dass er die Fertigstellung der Pipeline wie sein Vorgänger Donald Trump durch Sanktionsdrohungen gegen beteiligte Firmen verhindern möchte. Viele EU-Partner sind der Meinung, dass Deutschland mit der Unterstützung von Nord Stream 2 gegen die gemeinsamen europäischen Interessen handelt. Manfred Weber (CSU), Chef der Europäischen Volkspartei (EVP), die die größte Fraktion im Europäischen Parlament bildet, sagt: „Nord Stream wäre auf keinen Fall mehr haltbar“, falls Wladimir Putin den Konflikt in der Ostukraine eskalieren lässt.

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Wäre dann die Gasversorgung gefährdet? Eine zentrale Rolle spielen dabei die Prognosen, wie viel Gas Deutschland und Europa in den nächsten Jahren benötigen. Kritiker haben dem Konsortium, das Nord Stream 2 baut, von Anfang an vorgeworfen, dass es mit viel zu hohen Zahlen operiert, um die Pipeline als unverzichtbar darzustellen und den politischen widerstand gegen sie zu brechen.

Jahrelang sank der Gasverbrauch, zuletzt stieg er wieder

Jens Hobohm von Prognos sagt einerseits, der Vorwurf treffe für mehrere Jahre der Vergangenheit zu. In den jüngsten Jahren sei der Gasverbrauch in Deutschland und Europa hingegen stärker als erwartet gestiegen, auch weil Erdgas als Brücke für die Energiewende benötigt werde. Wenn Staaten wie Deutschland aus der Atomenergie aussteigen und Länder wie Polen ihre Abhängigkeit von der Kohle reduzieren, aber Solar- und Windenergie noch nicht den erwünschten Anteil zum Energiemix in den Tageszeiten mit Hochlast beitragen, sei Gas der Ausweg.
Prognos hatte 2017 im Auftrag von Nord Stream 2 eine Studie erstellt, wie es in den folgenden Jahren weitergehe und sich im Wissen um die Kritik, dass das Konsortium in der Vergangenheit überhöhte Zahlen benutzt hatte, an den moderateren Größenordnungen orientiert, mit denen die EU plant. Der Gasverbrauch stieg dann höher als erwartet.

2014 hatte die EU 400 Milliarden Kubikmeter Gas benötigt, 2015 419 Milliarden, 2019 470 Milliarden Kubikmeter. Für 2020 sind die Zahlen noch nicht endgültig. Hobohm rechnet mit einem Rückgang wegen der Corona-Rezession. Auch der Gasverbrauch in Deutschland sei gestiegen, von 77 Milliarden Kubikmeter 2015 auf 89 Milliarden 2019. 2020 sei er um 2,5 Prozent zurückgegangen.

Als Nord Stream geplant wurde, war der Verbrauch höher als heute

Ist das ein zwingendes Argument für den Fertigbau und die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 oder lässt sich der Bedarf mit den existierenden Pipelines decken? Vergleicht man den gestiegenen Verbrauch für 2019 mit den Zahlen von 2006, als die erste Nord Stream Pipeline geplant wurde, stellt man fest: Die Werte von damals sind seither nie wieder erreicht worden, obwohl das Konsortium behauptet hatte, die Pipelines seien nötig, weil der Gasverbrauch kontinuierlich steigen werde. 2006 verbraucht Deutschland 92 Milliarden Kubikmeter, die EU 511 Milliarden Kubikmeter.

Hobohm verweist auf eine weitere Variable der Gleichung. Wie viel Gas Europa von außen importieren müsse, hänge auch davon ab, wie viel es selbst produziere und zur Deckung des Bedarfs beitrage. Die Eigenproduktion in der EU sei gesunken, auch weil die Niederlande ihren Teil rascher als geplant reduzieren.
Unter dem Strich gilt im Moment: Nord Stream 2 ist noch in Bau. Und Europa hat keine Versorgungsprobleme mit Gas. Ob Nord Stream 2 je in Betrieb geht und wann, ist eine offene Frage. Je später die Pipeline ans Netz geht, desto weniger wird sie gebraucht. Denn die Rolle von Erdgas als Brücke bei der Energiewende wird schon bald Jahr für Jahr sinken.

Sicherheitsrisiken durch Putins aggressives Auftreten

Parallel rücken die sicherheitspolitischen Risiken in den Fokus. Erstens die generell hohe Gasabhängigkeit Europas und Deutschlands von einem Russland, das aggressiver agiert, Nachbarländer angreift und Dissidenten einsperrt oder gar ermordet. Zweitens die zusätzlichen Risiken durch Nord Stream 2. Die Pipeline führt von Russland direkt durch die Ostsee nach Deutschland und umgeht die Transitländer der vorhandenen Pipelines, voran die Ukraine, Belorus und Polen.

Kritiker argwöhnen Zweierlei. Putin wolle sich freie Hand für seine Imperialpolitik gegenüber Nachbarstaaten verschaffen. Bisher muss er bei den Zielen, die Ukraine und Belorus unter russischer Vorherrschaft zu halten, im Zweifel auch durch militärisches Eingreifen, Rücksicht auf die Pipelines nehmen. Sie garantieren ihm die Deviseneinnahmen, die er in in die Modernisierung der Armee gesteckt hat und mit denen er die Intervention zur Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim sowie den hybriden Krieg in der Ostukraine finanziert.
Zweitens würde die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 dazu führen, dass weniger Gas durch bereits vorhandenen Pipelines fließt. Damit sinken die Einnahmen der Ukraine aus den Transitgebühren. Mehr als zwei Milliarden Euro würden in ihrem Staatshaushalt fehlen. Im Zweifel würde der Druck auf die EU wachsen, die Ukrainehilfe zu erhöhen. (mit dpa)

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