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Bertrand Piccard 2016 in seinem Solarflugzeug. Foto: Reuters
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Klimaschutz „Es gibt jetzt keine Entschuldigungen mehr“

Der Solarflieger und Psychiater Bertrand Piccard hat 1000 technische Lösungen gegen die Klimakrise gesammelt. Heute werden sie veröffentlicht.

Bertrand Piccard, Sie haben mit einem Solarflugzeug die Welt umrundet. Danach haben Sie mit Ihrer Stiftung angefangen, Lösungen für die Klimakrise zu sammeln. Warum?

Das war eine Vision, um zu zeigen: Die Lösungen sind da. Sie sind profitabel und sie können die Umwelt schützen. Das muss überall im politischen Diskurs und in den Medien ankommen: Wir können das Paradigma ändern.

Welches Paradigma?

Bisher war es immer so, dass Umweltschutz als Bedrohung für die Wirtschaft gesehen wurde. Jetzt ist es genau umgekehrt. Das sind nicht nur schwammige Vorstellungen. Sondern wir haben die Lösungen für die Industrie, den Energiesektor, die Landwirtschaft und den Verkehr, um drastisch CO2 einzusparen und gleichzeitig die Wirtschaft anzukurbeln. Die wächst dann nicht mehr im traditionellen Sinn, sondern durch mehr Effizienz, während die Umwelt profitiert.

Welches sind Ihre Lieblingslösungen?

Es gibt ein Modul für Verbrennungsmotoren in Autos, das kann bis zu 55 Prozent der Stickoxide und 95 Prozent der Partikel auffangen, der Benzinverbrauch wird um 20 Prozent reduziert. Heute ist es ja noch legal, die Umwelt mit seinem Auto zu verschmutzen. Eine andere Lösung kann aus Mülldeponien das Methan auffangen, das ja 80-mal schädlicher ist als Kohlendioxid. Es gibt einen Wärmetauscher, der dem abfließenden Duschwasser die Wärme entzieht und sie wieder in das frische Wasser einspeist. Gern mag ich auch das biologisch abbaubare Plastik aus Milchproteinen. Da können Sie die Spaghetti gleich mit der Packung ins Kochwasser werfen.

Was ist Ihre Erklärung als Psychiater: Viele dieser Lösungen sind nicht neu. Warum wurden sie bisher nicht angewandt?

Weil bisher niemand die Sprache der Politik und der Wirtschaft gesprochen hat. Die Grünen haben die Wirtschaft bekämpft und Geld für den Umweltschutz gefordert. Ich habe als Psychiater gelernt, die Sprache meines Gegenübers zu sprechen. Bei Politikern heißt das: Arbeitsplätze zu schaffen. Und in der Wirtschaft, Gewinne zu machen. Deshalb werde ich mit offenen Armen empfangen.

Das Narrativ, dass man Wirtschaft und Klimaschutz verbinden kann, vertreten die Grünen inzwischen auch. Was ist das Neue an Ihren Lösungen?

Unsere Auswahlkriterien für das Solar Impulse Label sind einzigartig. Wir sind die einzige Datenbank auf der Welt, die Lösungen bereitstellt, die sowohl auf ihren positiven Effekt für unsere Umwelt als auch auf ihre Wirtschaftlichkeit geprüft wurden. Der ganze Prozess ist von der Unternehmensberatung EY zertifiziert. Das ist in dieser Weise einzigartig.

Wie geht es jetzt weiter?

Heute stellen wir die Lösungen vor. Aber es reicht natürlich nicht, sie als Liste auf einer Website zu haben. Wir wollen dann in eine zweite Phase eintreten, in der wir mit allen Regierungen darüber sprechen, wie genau sie Klimaneutralität erreichen können und welche Gesetze sie dafür erlassen müssten.

Was genau muss sich auf dieser Ebene ändern?

Viele Gesetze beruhen oft noch auf alten Spielregeln. Wenn Sie zum Beispiel abends mit einem Elektroauto mit halb voller Batterie nach Hause kommen, könnte die Batterie ans Stromnetz angeschlossen werden und es in Zeiten der Spitzenlast, wenn alle zu Hause sind, stabilisieren. So ist das System aber nicht organisiert und kaum ein Elektroauto hat die Technik dafür. Was für eine Verschwendung! Oder das Modul für Verbrennerautos, von dem ich eben sprach: Wenn man es einbaut, verliert man die Gewährleistung. Diese Regeln müssen sich ändern.

Da müssten die Stromnetzbetreiber oder die Autohersteller mitmachen. Wie bekommen Sie die ins Boot?

Wir müssen auf sie zugehen und Ihnen zeigen, dass sie Teil der Lösung sein können und mit dem Verkauf der Ladetechnik Geld verdienen können. Ein anderes Beispiel: Das große Ölbohrunternehmen Schlumberger hat neue Lösungen enzwickelt, um nach Erdwärme zu bohren. Damit kann man sehr effektiv klimaneutral heizen. Statt so zu tun, als wenn diese Unternehmen teuflisch wären, muss man mit ihnen reden.

Sind Sie auch schon mal auf Menschen gestoßen, die nicht reden wollten?

Ich habe faule, arrogante und selbstsüchtige Menschen getroffen. Die einfach nur so weitermachen wollten, wie sie es kannten. Das werden sie so lange tun, bis man Ihnen zeigt, wie sie mit umweltfreundlichen Lösungen mehr Gewinn machen können. Faule Menschen darf man auch mit Regulierung schubsen. Wir haben keine Zeit, die Emissionen müssen jedes Jahr 7,6 Prozent fallen, wenn wir bis 2050 klimaneutral werden wollen und manche Menschen bewegen sich zu langsam.

Sind Sie auch manchmal faul?

Ja, dann schubst mich mein Team. Wir brauchen andere Menschen, die uns in den Hintern treten und uns sagen: Jetzt verändere dich mal.

Wann ist das zuletzt passiert?

Vor zwei Wochen. Da habe ich einen Artikel über Wasserstoff geschrieben. Ich hatte nicht viel Zeit hineingesteckt und als ich ihn meiner Frau zeigte, sagte sie: „Das kannst du besser.“ Erst war ich sauer. Aber dann habe ich mich hingesetzt und den Text ergänzt. Dadurch ist er besser geworden und wurde überall veröffentlicht. Ich habe mich bei meiner Frau dafür bedankt, dass sie mich geschubst hat. Es ist leicht, seinen alten Gewohnheiten zu folgen. Aber wir müssen schnell handeln und wir haben die wirtschaftlich rentablen Lösungen. Es gibt jetzt keine Entschuldigungen mehr.

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