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Wir steigern das Bruttosozialprodukt: Wer viel shoppt, stärkt die Wirtschaft. Aber auch den Wohlstand? Robert Schlesinger/dpa
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Jahreswohlstandsbericht der Grünen Die neue Vermessung des Wohlstands

Jan Schulte

Was sagt allein das Bruttoinlandsprodukt über den Reichtum eines Landes aus? Die Grünen setzen auf andere Kriterien. Deutschland schneidet mittelprächtig ab.

Acht Kernindikatoren haben die Autoren des 172-Seiten starken Jahreswohlstandsberichts identifiziert, um zu bewerten, wie Deutschland in Sachen Ökologie, Soziales, Ökonomie und Gesellschaft dasteht. Verfasst haben den Bericht im Auftrag der Bundesfraktion der Grünen Roland Zieschank vom Forschungszentrum für Umweltpolitik an der Freien Universität Berlin und der Heidelberger Universitätsprofessor Hans Diefenbacher.

Der Jahreswohlstandsbericht kommt damit nun in seiner vierten Auflage. Er knüpft an die von der EU-Kommission initiierten „Beyond GDP“-Diskussion um 2007 an. In ihr ging es um die Grenzen der Aussagefähigkeit des Bruttoinlandsproduktes (BIP) und um ergänzende Kenngrößen. Die Idee hinter dieser Diskussion: Der Reichtum einer Gesellschaft beruht nicht nur auf dem Wirtschaftswachstum, sondern aus dem richtigen Umgang mit dem Human- und dem Sozialkapital sowie dem vorhandenen Naturkapital.

Auf internationaler Ebene gibt es eine ganze Reihe ähnlicher Berichte. Die Weltbank gab bereits 2011 einen „Wealth of Nations“-Bericht heraus, der über eine reine Betrachtung der Wirtschaftsleistung weit hinaus geht. 2020 hat der Human Development Report des United Nations Development Programme (UNDP) zum ersten Mal eine neue Variante des Human Development Index veröffentlicht, der in Form eines Korrekturfaktors zusätzliche Variablen der planetaren Belastungsgrenzen mit zu berücksichtigen versucht. Im gleichen Jahr stellte auch die OECD mit dem Bericht „How's Life“ ein Konzept vor, das von einem tieferen Zusammenhang zwischen menschlichem Wohlergehen, Wachstum, einer Verminderung von Ungleichheit sowie ökologischer Nachhaltigkeit ausgeht.

Abholzung hat mehr Auswirkungen als die Steigerung des BIP

Die Wirtschaftsberichterstattung in Deutschland sei noch immer vor allem auf die Indikatoren Produktivität und Einkommen begrenzt, sagt Mitautor Zieschank. „Unser Ziel ist eine Modernisierung der Wirtschaftsberichterstattung.“ So könne man aktuell beispielsweise noch die Waldzustandserhebung neben den Jahreswirtschaftsbericht legen, ohne einen direkten Zusammenhang zu erkennen. Das Abholzen eines Waldes bedeutet aber eben nicht nur eine Steigerung der Wirtschaftsleistung, sondern kann sich zum Beispiel auch negativ auf die Artenvielfalt und die Landschaftsqualität auswirken. Das BIP berücksichtigt diese Externalität nicht.

Die Grünen fordern daher schon seit längerem, von einer Fixierung auf das BIP wegzukommen. „Das Bruttoinlandsprodukt allein ist kein guter Indikator für gesellschaftlichen Wohlstand, denn es ist blind dafür, ob wirtschaftliche Aktivitäten die sozialen, ökologischen und gesellschaftlichen Quellen unseres Wohlstands erhalten oder diesen Schaden zufügen. Mit dem Jahreswohlstandsbericht legen wir eine Alternative vor, die in Zukunft zum Standard-Repertoire der Wirtschaftsberichterstattung gehören muss“, sagt Katharina Dröge, Sprecherin für Wirtschaftspolitik.

Dass das BIP nicht geeignet ist, um den Wohlstand in Deutschland vollumfänglich zu messen, bestätigt auch Albert Braakmann, Leiter der Abteilung „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Preise“ beim Statistischen Bundesamt gegenüber dem Tagesspiegel". „Das BIP stellt selbstverständlich nur einen Ausschnitt dar“, sagt er.

Das BIP hat auch seine Vorteile

„Bisher gibt es keinen amtlichen Index zur Wohlstandsmessung“, sagt Braakmann. Das BIP wird damit allerdings nicht zu einem schlechten Maß, es hat lediglich einen anderen Fokus: Zum Vergleich der Wirtschaftsleistung verschiedener Nationen ist es bestens geeignet. „Innerhalb der EU sind die BIP-Niveaus sehr gut vergleichbar, unter allen OECD-Staaten auch noch. Deswegen wird meistens auf die BIP-Veränderungsrate zurückgegriffen“, sagt Braakmann.

Um den Politikern aber eine genauere Entscheidungsgrundlage zur Mehrung oder zum Erhalt des Wohlstandes zu geben, müsste das BIP erweitert werden – oder neue Indizes geschaffen werden. Das BIP um weitere Faktoren zu erweitern, hält Braakmann für den falschen Weg. „Ich hielte es für sinnvoller, weitere Indizes danebenzustellen“, sagt er.

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Ähnlich sieht es auch Roland Zieschank. „Lange Zeit war Wirtschaftswachstum das große Ziel der Regierungen“, sagt er. Als Grundlage für politische Entscheidungen brauche es deutlich mehr Indikatoren. Ein Index, der sich neben das BIP stellen ließe, wäre zum Beispiel der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI), den Zieschank mitentwickelt hat. Der berücksichtigt 20 ökonomische, ökologische und soziale Komponenten, bewertet sie wie beim BIP in Geldeinheiten und rechnet sie zusammen. Legt man beide Indizes nebeneinander, so stellt man fest, dass sich seit Beginn der 2000er Jahre der Verlauf der Kurven unterscheidet. Die Finanz- und Wirtschaftskrise führte 2009 etwa zu seinem Absinken des BIP – der NWI stieg zur gleichen Zeit. „Die Differenz zwischen beiden Kurven bezeichnen wir als illusionären Wohlstand“, sagt Zieschank. Nach seiner Ansicht rechnet das BIP Deutschland reicher, als es eigentlich ist.

Ökologische Fußabdruck im Verhältnis zur Biokapazität

Der NWI fließt auch in den Jahreswohlstandsbericht mit ein. Die acht Kernindikatoren haben die Autoren im Ergebnis mit einem Ampelsystem bewertet. Liegt ein konkreter Zielwert vor, so bedeutet Rot, dass Deutschland über 30 Prozent davon abweicht. Eine Ampel auf Gelb bedeute eine Abweichung von 16 bis 30 Prozent, eine grüne Ampel von maximal 15 Prozent. Gibt es keinen konkreten Zielwert, betrachten die Autoren die Abweichungen im europäischen oder internationalen Vergleich.

Für die Tesla-Fabrik in Grünheide wird abgeholzt. Das bringt Wirtschaftswachstum - und Folgeschäden. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Vergrößern
Für die Tesla-Fabrik in Grünheide wird abgeholzt. Das bringt Wirtschaftswachstum - und Folgeschäden. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Der erste Kernindikator zur Messung des nationalen Wohlstandes ist der ökologische Fußabdruck im Verhältnis zur Biokapazität. Den aktuellen Zustand bewerten die Studienautoren in ihrem Ampelsystem mit Rot. Denn eigentlich müsste der ökologische Fußabdruck Deutschlands der Biokapazität des Landes entsprechen. „Von diesem Ziel ist Deutschland – trotz Verbesserungen in den letzten Jahren – mit einem ökologischen Fußabdruck von 4,40 gha/Person (globaler Hektar pro Person, eine Maßeinheit zur Bestimmung der biologischen Produktivität) immer noch weit entfernt: Er beträgt immer noch rund das Dreifache der Biokapazität (1,54 gha/Person)“, schreiben die Autoren. Immerhin zeigt der Trend inzwischen in die richtige Richtung.

Der zweite Kernindikator ist ein Index zur Artenvielfalt und Landschaftsqualität, auch er steht auf Rot. Schon 2015 sollte dieser Index den Zielwert von 100 Punkten erreichen. Aktuell steht er bei 71 Punkten. Bis 2030, so das aktuelle Ziel, sollen wieder 100 Indexpunkte erreicht werden.

Deutschland im Mittelfeld - oder etwas niedriger

Bei der Relation der Einkommensverteilung zwischen den reichsten und den ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung stufen die Forscher den aktuelle Zustand mit Gelb ein. Der Vergleich mit den anderen EU-Staaten zeige, „dass Deutschland mit einem Wert von 4,9 im Mittelfeld liegt und die Ungleichheit etwas niedriger als im europäischen Durchschnitt (EU-27: 5,0) ist.“

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Die rote Ampel bekommt auch der vierte Kernindikator: der Bildungsindex. In allen der drei Teil-Indikatoren des Bildungsindex schneide Deutschland schlechter ab als der EU-27-Schnitt, so die Autoren. „Das Ergebnis ist umso überraschender, da Deutschland vergleichsweise hohe Bildungsausgaben hat“, sagt Studienautor Zieschank. Immerhin ist der Trend leicht positiv.

Auch Kernindikator fünf, die Nettoinvestitionsquote, steht auf Rot. Die aktuellen Werte liegen laut den Autoren deutlich niedriger als in den 1990er (Durchschnitt acht Prozent) und 2000er Jahren (4,2 Prozent). Zwischen 2017 bis 2019 betrug der Wert rund drei Prozent, fiel in der Corona-Pandemie aber auf 0,6 Prozent ab. „Im Grunde investieren wir nur noch, um unsere Produktionsanlagen zu erhalten, für eine digitale oder ökologische Transformation reicht das nicht“, sagt Zieschank.

Als Kernindikator sechs zur Berechnung des Wohlstandes nehmen die Autoren die Produktion von potenziellen Umweltschutzgütern als Anteil an der Bruttowertschöpfungskette. Hier zeigt die Ampel Gelb. „Im internationalen Vergleich liegt Deutschland immer noch in einer Spitzenposition, aber seit 2011 besteht eine abnehmende Tendenz.“

Bei Kernindikator sieben, der Anzahl der gesunden Lebensjahre, vergeben die Autoren eine grüne Ampel – wenn auch knapp. „Mit einem Durchschnittswert von 66,4 Jahren liegt Deutschland im europäischen Vergleich (EU-27) im oberen Mittelfeld auf dem siebten Rang“, heißt es in dem Bericht. Nur im Governance Index, dem achten Kernindikator, stellen die Autoren die Ampel ebenfalls auf Grün.

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