In der Pflege eine Chance, woanders unmöglich

Seinen ersten Vertrag für ein vierwöchiges Praktikum auf dem Landgut Stober unterzeichnete der 21-Jährige mit drei Kreuzen. Heute ist er festangestellter Küchenhelfer. Foto: Muhamad Abdi
Integration in Berlin und Brandenburg Wo Geflüchtete Arbeit gefunden haben

Zwanzig Minuten hinter der Berliner Stadtgrenze liegt am Groß Behnitzer See, inmitten des Havellands, das historische Landgut Stober. Der riesige Komplex besteht aus zwei Hotels, einem Restaurant und 25 Salons für Tagungen. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort. Hier wirkte einst die Berliner Industriellenfamilie Borsig. Während der NS-Zeit traf sich der Kreisauer Kreis auf dem Landgut.

Heute ist Michael Stober der Besitzer. Er will den Geist des Fortschritts an diesem Ort bewahren. Als die Flüchtlingskrise im Herbst 2015 ihren Höhepunkt erreichte, setzte er sich mit Vertretern des Landes und des Jobcenters zusammen, um ein Konzept zu entwickeln, wie Geflüchtete in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten. Ein zentraler Gedanken dabei: Die Sprache darf kein Hindernis sein. Wenn die Bewerber motiviert und zuverlässig seien, dann reiche ihm das, sagt Stober.

Einer der ersten Bewerber war der Syrer Mazloum Hamka. Er beherrschte weder Deutsch, noch Englisch, war Analphabet. Seinen ersten Vertrag für ein vierwöchiges Praktikum auf dem Landgut unterzeichnete der 21-Jährige mit drei Kreuzen. Heute ist er festangestellter Küchenhelfer. Für die Zukunft plant er eine Ausbildung zum Koch.

Die Verständigung funktionierte anfangs nur über Gesten, bis ein Kollege eine Übersetzungsapp auf seinem Smartphone installierte, die via Spracheingabe synchron vom Deutschen ins Arabische dolmetschen konnte.
60 feste Mitarbeiter beschäftigt Stober auf seinem Landgut. Das Ressentiment, dass Geflüchtete den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen, konnte er leicht entkräftigen: Jahrelang waren Stellen bei ihm unbesetzt. Trotzdem sei es ein zentrales Problem gewesen, Vorurteile bei den Beschäftigten abzubauen. Denn unter seien Angestellten gibt es auch einige AfD-Sympathisanten. Also ließ er Hamka mit Hilfe eines Dolmetschers vor dem gesamten Team seine Fluchtgeschichte erzählen. Stober nennt das „gegenseitige Integration“.

Sechs Geflüchtete arbeiteten bisher auf dem Landgut. Doch nicht mit allen war es so einfach wie mit Hamka, sagt Stober. So habe er im Zimmerservice einst zwei Männer aus einer nahegelegenen Notunterkunft beschäftigt. Doch eines Tages erschienen sie nicht mehr. Nach eigenen Recherchen fand Stober heraus, dass beide massiven Anfeindungen von Landsleuten ausgesetzt waren – weil ihre Vorgesetzte eine Frau war.

„Mario“, wie Hamka hier genannt wird, ist hingegen noch da und spricht mittlerweile fließend Deutsch. Wie es ihm auf dem Landgut Stober geht? Lächelnd deutet er auf seine Schürze mit dem Slogan des Landgutes: „Alles ist gut, fast alles ist prima“.

Pflege: Eine echte Chance

Der 31-jährige Khadim aus Afghanistan lebt seit drei Jahren in Berlin – und arbeitet mittlerweile als Pflegehelfer in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz. So wie auch der 29-jährige Syrer Basheer. „Wir haben endlich einen Alltag, soziale Kontakte und können einen Beitrag leisten“, erzählt Khadim.

Im Herbst 2015 entschieden sich Karl-Martin Seeberg, Geschäftsführer des Diakonie-Pflege Verbunds Berlin, und der Personalleiter, Heiko Kahns, Geflüchtete zu beschäftigen. Von 16 Frauen und Männern, die an ihrem Pflegebasiskurs teilnahmen, bestanden zehn und wurden eingestellt. Was die Geflüchteten noch brauchten, um bei dem ambulanten Pflegeanbieter anzufangen, ist eine Arbeitserlaubnis.

„Die Teilnehmer mussten zunächst lernen, pflegebedürftige Menschen des anderen Geschlechtes zu waschen“, erzählt Kahns. Aus seiner Sicht läuft die Integration gut. „Wir stellen fest, dass älteren Menschen mit Geduld und Respekt begegnet wird. Das Alter nimmt einen besonderen, wertschätzenden Platz in ihrer Kultur ein.“ Ziel ist es, die jungen Helfer zu gelernten Pflegekräften weiter auszubilden. Was allerdings nicht einfach sei. Oft würden Zeugnisse nicht anerkannt werden. Manchmal liege ohne Vorankündigung der Abschiebungsbescheid im Briefkasten.

„Die Pflegeberufe leiden unter akutem Personalmangel. In Zukunft sind wir auf geflüchtete Menschen angewiesen“, sagt Kahns. Aus diesem Grund engagiert sich auch die Unternehmensgruppe Pro-Seniore. „Bei den regulären Werbeveranstaltungen für unseren Beruf erscheinen kaum junge Menschen. Die Messen für Geflüchtete sind immer gut besucht – für uns eine echte Chance“, sagt die Sprecherin Katrin Eschenweck.

Securitas: Leider nicht möglich

Das Sicherheitsunternehmen Securitas würde gerne Menschen einstellen, die in den letzten Jahren nach Deutschland geflohen sind. Kann es aber nicht. Als eine Voraussetzung gelten dort genügend Sprachkenntnisse, um die deutsche Rechtslage in Konfliktsituationen genau zu kennen, um sich mit Kollegen unterhalten zu können, und mit Fremden, bevor eine Situation womöglich eskaliert. Eine weitere Notwendigkeit ist die Zuverlässigkeitsüberprüfung, um sicherzugehen, dass der Bewerber bislang keine Straftaten begangen hat.

Bei dieser Überprüfung werden Auskünfte beim Wohnortpolizeirevier, bei Landeskriminalämtern, den Verfassungsschutzbehörden oder aus dem Bundeszentralregister beim Bundesamt für Justiz eingeholt. Geflüchtete, die erst ein oder zwei Jahre in Deutschland sind, könnten für die Zeit nicht die benötigten Nachweise erbringen – und könnten sie in der Regel auch nicht aus ihren Herkunftsländern beschaffen. „Das ist zum jetzigen Zeitpunkt ja völlig illusorisch“, sagt Heiko Schinköthe, Personalleiter für Berlin und Brandenburg.

Eine Ausnahme ist Bakary Touray. Er ist 2002 aus Gambia über Großbritannien hierher gekommen. Da er schon länger als drei Jahre in Deutschland lebte, konnte er den Nachweis erbringen, und arbeitet seit 2015 bei Securitas – momentan in einer Flüchtlingsunterkunft. Davor war er in der damals besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg eingesetzt. Mal half ihm seine Herkunft, weil dort einige ebenfalls aus Gambia kamen. Mal wurde er beschimpft, weil er, ein Afrikaner, als Verräter angesehen wurde. „Verschiedene Kulturen sind für die Branche trotzdem wichtig“, sagt er. Um besser zu verstehen, was Menschen geprägt hat, und wie sie sich verhalten.

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