Gebaut wird eben überall auf der Welt

Ein junger Mann arbeitet in der Schreinerei der Flüchtlings-Initiative "Arrivo" der Handwerkskammer Berlin. Foto: Rainer Jensen/dpa
Integration in Berlin und Brandenburg Wo Geflüchtete Arbeit gefunden haben

Lehrbauhof der Fachgemeinschaft Bau

Im ersten Stock einer Werkhalle in Marienfelde schichten Abdullah Ebrahimi (27) und Laheeb Jebran (24) Ziegelsteine übereinander. Mit einem guten Dutzend anderer junger Männer lernen die Afghanen auf dem Lehrbauhof der Fachgemeinschaft Bau das Maurer-Handwerk. Die beiden seien älter als der Rest der Truppe und „sehr pfiffig“, sagt Meister Ulrich Kracht. Die Arbeit mit Kelle und Spachtel geht den Männern gut von der Hand, das Problem ist die Berufsschule. „Sozialkunde und Technik sind sehr schwer“, sagen beide. Demnächst steht die Zwischenprüfung an.

In einem anderen Gebäude des Lehrbauhofs zieht Khalid Kenni ein Gesims aus Gips. Auch Khalid (27) kommt aus Afghanistan. Er lernt Stuckateur bei der Firma Nagel in Pankow. Das Anfertigen von Schablonen und Profilen ist ihm jedoch bereits vertraut, erzählt Firmenchef Thomas Nagel. „Die haben alle schon gebaut.“ Neben zwei Azubis hat Nagel einen 40-jährigen Afghanen angestellt, der als Stuckateur vor vielen Jahren auch einmal in Aleppo gearbeitet hat und dort, man glaubt es kaum, den jungen Khalid bei einer Fassadengestaltung kennenlernte.

Auf dem Lehrbauhof der Fachgemeinschaft Bau verbringen rund 250 Azubis aus ganz Berlin das erste Ausbildungsjahr. Auf dem Gelände geht es beschaulich zu; gegenüber den starken Jahren Anfang der 1990er hat sich die Zahl der Azubis fast halbiert. An allen Ecken und Enden fehlt der Branche der Nachwuchs. „Haben Sie Flüchtlinge für mich?“, wird Jessica Pelz von den Baubetrieben gefragt. Pelz ist angestellt beim Berufsförderungswerk der Fachgemeinschaft, das mit Hilfe der Senatsverwaltung Flüchtlinge in Ausbildung zu bringen versucht. Etwa 90 junge Männer hat sie seit Mitte 2016 betreut, zumeist Afghanen und Syrer. Mit rund 300 Betrieben kooperiert Pelz. „Man kann nicht jedem helfen“, sagt die Vermittlerin.

Wer nur ein paar Jahre in seiner Heimat zur Schule gegangen ist und keine praktische Erfahrung hat, kommt kaum über die ersten Hürden: Sprach- und Matheunterricht und ein halbjähriges Praktikum auf dem Hof. Daran schließt sich häufig noch eine Testphase im potenziellen Ausbildungsbetrieb an. Wenn das auch klappt, gibt es einen Ausbildungsvertrag und rund 600 Euro im ersten Lehrjahr. 16 von Pelz betreute Flüchtlinge lernen derzeit einen Bauberuf.

Neben der Sprache quälen sich viele Migranten mit den Gepflogenheiten des deutschen Arbeitsalltags: „Wenn sie nicht kommen können, melden sie sich oft nicht ab“, sagt Pelz. „Doch im Laufe des Projekts kriegen wir das hin mit der Zuverlässigkeit.“ Um 6.45 Uhr beginnt der Arbeitstag auf dem Lehrbauhof. Die Umstände der Unterbringung hätten bei vielen zum Abbruch des Praktikums geführt, erzählt Pelz. Zum Beispiel Tempelhof, wo Laheeb in einem Hangar untergebracht war: offene Wabenstruktur der Schlafzellen, Licht und Lärm bis mindestens Mitternacht. Um pünktlich in Marienfelde zu sein, musste er um fünf Uhr aufstehen, Frühstück gab es aber erst um sieben Uhr. Pelz hat sich mit der Heimleitung in Verbindung gesetzt, damit Laheeb ein Frühstückssandwich bekommt.

In Afghanistan hat der 24-Jährige als Maler gearbeitet. Das Asylverfahren für ihn und Abdullah ist offen. Zumindest bis zum Ende der Ausbildung plus zwei Jahre können die Männer bleiben und helfen, die Fachkräftelücke auf dem Bau zu schließen. Integration funktioniert über Arbeit, und „gebaut wird überall auf der Welt“, sagt Pelz mit Blick auf das handwerkliche Geschick vieler Geflohener. „Das läuft“, sagt Pelz über das Miteinander der verschiedenen Nationen und Religionen. Auf dem Bau gehe es schon lange sehr Multikulti zu.

Kasimir-Bau: Menschlich enttäuscht

Fast jeden Tag hat er den beiden Nachhilfe gegeben, erinnert sich André Kasimir, der mit seinem Vater Horst Kasimir das mittelständische Unternehmen Kasimir-Bau mit einer Niederlassung in Berlin und einer im brandenburgischen Mühlenbeck führt. Die Ausbildung zum Maurer und Stahlbetonbauer im Hochbau sei sehr theoretisch – und mit Physik, Mathe und Technik nicht einfach. „Ohne sichere Sprachkenntnisse und viel Engagement kommt kein Auszubildender weit“, sagt André Kasimir.

Er versuchte es mit den zwei Flüchtlingen aus Afrika vor zwei Jahren trotzdem. „Im ersten Lehrjahr wurde aber zeitig deutlich, dass die beiden jungen Männer nicht mitkommen. Beide standen nach einigen Monaten in allen Fächern auf Benotung Fünf.“ Also paukte er mit ihnen, motivierte sie, doch auch nach Monaten verbesserte sich nichts.

Einer der Auszubildenden habe zudem ständig gefehlt, weil er Termine bei diversen Ämtern hatte. Er sei dort am frühen Morgen erschienen und habe bis abends gewartet. „Dann hat man ihm gesagt, er solle am nächsten Tag wiederkommen“, erzählt Kasimir. Der Azubi sei dadurch im Laufe des zweiten Lehrjahres in der Schule immer schwerer mitgekommen, habe viel vom Unterrichtsstoff verpasst. Vor drei Wochen dann der Schock: Einer der beiden muss zurück nach Spanien, in das Land seiner Erstregistrierung, wo sein Vater noch immer lebt. Es stellte sich heraus, dass er dort Sozialbetrug begangen haben soll. Kurz darauf kündigte auch noch der Zweite. Die plötzliche Kündigung begründet er damit, sprachlich nicht mehr mitzukommen.

André Kasimir zieht frustriert Bilanz: „Für uns ist das katastrophal. Wir haben jetzt zwei weitere unbesetzte Lehrstellen“, sagt er mit ernstem Blick. Abgesehen davon sei er auch „auf menschlicher Ebene“ enttäuscht. „Ich habe viel Zeit in die beiden investiert – und das völlig umsonst.“ Dennoch gibt er das Projekt nicht auf. Gerade bildet er wieder zwei Geflüchtete im ersten Lehrjahr aus.

Deutsche Post: Integration mit Erfolg

Meistens arbeiten sie in den Logistikzentren der Post, wo sie Briefe und Pakete sortieren. Tätigkeiten, für die gute Deutschkenntnisse erforderlich sind. „Da geht es um Schutz- und Sicherheitsanweisungen“, sagt Jan Weber, Sachgebietsleiter im Berliner Briefzentrum und Ansprechpartner für Mitarbeiter mit Flüchtlingshintergrund. „Die größte Herausforderung ist nach wie vor die Sprache, aber die Geflüchteten sind engagiert, schnell zu lernen“, sagt Weber. Ein weiteres Dauerproblem sei die deutsche Bürokratie.

Broschüre der Deutschen Post in arabischer Sprache Foto: promo Vergrößern
Broschüre der Deutschen Post in arabischer Sprache © promo

„Geflüchtete bewerben sich auch über den gängigem Bewerberpool. Wollen wir dann einen dieser Bewerber einstellen, sind auch eine Reihe von bürokratischen Hürden zu meistern“, sagt er. Schreiben von den Ämtern seien bei den jungen Flüchtlingen gefürchtet: „Die Formulierungen sind selbst für uns Muttersprachler manchmal schwer verständlich.“ Jeder habe deshalb einen Mitarbeiter als festen Ansprechpartner. So seien mit der Zeit enge Bindungen enstanden. „Als ein syrischer Mitarbeiter wegen eines Arbeitsunfalles ins Krankenhaus gebracht werden musste, habe ich dem Mann Beistand geleistet und ihn anschließend in seine Wohnunterkunft zurück gebracht.“ Von seinen Freunden wurde er zum Dank „mit zahlreichen arabischen Mokka bewirtet“, erzählt Weber.

Die Deutsche Post begann vor drei Jahren damit, Geflüchtete zu beschäftigen. Das Unternehmen meldete sich bei der Bundesagentur für Arbeit, besuchte Messen, Notunterkünfte, fertigte Flyer in arabischer Sprache an, initiierte eine eigene Informationsveranstaltung. Mit Erfolg. „Mehr als die Hälfte der Menschen, die unseren Betrieb während eines Praktikums kennengelernt haben, konnten als Festangestellte übernommen werden“, sagt Thorben Brockmeyer, Personalabteilungsleiter einer der Berliner Niederlassungen. Im Berliner Raum wurden bislang 95 Geflüchtete in Praktika vermittelt. Bundesweit haben 550 Geflohene ein Praktikum bei der Deutschen Post absolviert. Außerdem wurden in den letzten drei Jahren 325 Arbeitsverträge abgeschlossen.

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