Im Gemeinschaftshaus in Hobrechtsfelde wird der alte Schankraum ausgebaut – zu einem neuen Treffpunkt. Foto: Bremer Höhe
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Wohnungsbau in Brandenburg Diese Baugenossen sind der Zukunft zugewandt

In Hobrechtsfelde baut die „Bremer Höhe“ neu – und die Ruine des Gemeinschaftshauses wird endlich saniert.

Der Kran hebt die blinde Fensterfront einer alten Schmetterlingsgaube vorsichtig in den Schuttcontainer. Sie wäre vielleicht noch zu retten gewesen. Doch die neuen Gauben werden viel mehr Licht einlassen. Der Denkmalschutz hat zugestimmt. Unter den Schrägen des alten Gemeinschaftshauses wird Platz für eine Wohngemeinschaft geschaffen, die sich auf 200 Quadratmetern ausbreiten kann.

Es ist dies die letzte der Wohnungen, die im Genossenschaftsprojekt Hobrechtsfelde zuletzt noch zu haben waren. „Die ersten Gespräche mit den Interessenten, die bei uns auf der Warteliste standen, fanden vor etwas mehr als zwei Jahren statt“, sagt Ulf Heitmann, Vorstand der Wohnungsbaugenossenschaft BG „Bremer Höhe“ eG. Die Wiederherrichtung der Ruine begann mit den Planungen der Grundrisse – und natürlich den Absprachen mit der Denkmalschutzbehörde. „Zwei Jahre bis zum Baustart sind nicht lange“, sagt Heitmann, „es wäre noch kürzer gewesen, wenn nicht eine große Wohngemeinschaft hier abgesprungen wäre. Da haben wir ein halbes Jahr verloren. Für Berliner Verhältnisse ist das immer noch kurz.“

Die „Bremer Höhe“ macht in Hobrechtsfelde vor, wie schneller, preisgünstiger Wohnungsbau geht.

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Zur Vergrößerung Graphik anklicken. © tsp

Die letzte Party ist lange her

Bis zur Wende war das Gemeinschaftshaus das Zentrum des Ortes. Nun werden hier zwanzig Wohnungen mit insgesamt 2100 Quadratmeter Wohnfläche eingebaut: für Patchworkfamilien, Singles, Paare, generationsübergreifende Wohngemeinschaften. Das Haus mit dem 400 Quadratmeter großen Saal war nach 30 Jahren Leerstand heruntergekommen. Es regnete durch.

Silvester 1990 gab es hier noch einmal eine Party. Auf dem Parkett von 1913 wurde getanzt und gesungen wie nie: Die Akustik ist einmalig. Schlagersänger Frank Schöbel bereitete sich hier zu DDR-Zeiten einmal eine Woche lang auf ein Konzert vor, wie er dem Tagesspiegel auf Anfrage bestätigt. Wann das genau war, daran kann sich Schöbel nicht mehr erinnern.

Die Lichter im Saal gingen definitiv nach der Wende aus. Erst ein 2010 montiertes Notdach aus Holz und Plastikplanen sorgte wieder für leidlich trockene Verhältnisse. Die Wohnungsbaugenossenschaft konnte mit der Schwammbeseitigung beginnen – das alles kostete schon einmal 300 000 Euro.

Mehr konnte zunächst nicht investiert werden. Nun aber ist es soweit. Hobrechtsfelde profitiert kurz hinter der Berliner Stadtgrenze – wie andere Umlandgemeinden auch – von den Versäumnissen der Hauptstadt. „Uns hat der Berliner Wohnungsmarkt in die Hände gespielt. Wir bieten die Wohnungen für 9,50 Euro pro Quadratmeter an. Das ist für Berliner Verhältnisse im Neubau preiswert. Und die Leute rennen uns jetzt hier die Bude ein“, sagt Heitmann.

Deshalb entschloss sich die „Bremer Höhe“ drei Neubauten hinzuzufügen. Insgesamt bringen die Genossen hier sieben Millionen Euro auf, auch mit Hilfe der KfW. Der Ort hat derzeit knapp 200 Einwohner und 24 Häuser. Drei davon sind noch nicht saniert – das wird sukzessive erledigt. Durch den Ausbau und durch die Neubauten ziehen rund sechzig Menschen neu hinzu. „Das wird den Ort massiv verändern“, sagt Heitmann.

Gemütlichkeit in der alten Gaststube. Foto: Reinhart Bünger Vergrößern
Gemütlichkeit in der alten Gaststube. ©  Reinhart Bünger

"Das müssen wir erhalten"

Hobrechtsfelde ist der kleinste Ortsteil der Gemeinde Panketal. Bis 1930 bewirtschaftete die 1922 eigens gegründete Berliner Stadtgüter GmbH (BSG) auf Außenflächen insgesamt rund 50 000 Hektar, überwiegend mit Rinderhaltung und Milchwirtschaft, Schweine-, Schaf- und Geflügelzucht. Nach Auflösung der BSG 1935 wurden die Flächen von der Stadt Berlin verwaltet. Nach dem 2. Weltkrieg wurden viele Güter umfunktioniert, enteignet oder anderen Zwecken zugeführt.

Das heute unter Ensembledenkmalschutz stehende Straßendorf Hobrechtsfelde entstand Anfang des 20. Jahrhunderts als letztes von 12 Stadtgütern auf dem nordöstlichen Teil der Berliner Rieselfelder. Bis 1990 wurde es als Volkseigenes Gut (VEG) geführt, diente hauptsächlich der Tierhaltung.

Ulf Heitmann, Vorstand der Wohnungsbaugenossenschaft BG „Bremer Höhe“ eG. Foto: Reinhart Bünger Vergrößern
Ulf Heitmann, Vorstand der Wohnungsbaugenossenschaft BG „Bremer Höhe“ eG. © Reinhart Bünger

Nach dem Mauerfall gelangten die VEG wieder in den Besitz des Landes Berlin. Die 1991 gegründete Betriebsgesellschaft Stadtgüter Berlin mbH (BSB) sollte die Bewirtschaftung der Flächen optimieren, primär durch Milchviehhaltung. Parallel zur BSB entstand 2001 die Berliner Stadtgutliegenschafts-Management GmbH und Co. Grundstücks KG (BSGM), um das Eigentum an den verbliebenen Stadtgutflächen zu sichern und fortan zu verpachten. Schließlich wurden die landwirtschaftlichen Güter privatisiert. Anfang 2010 kaufte die „Bremer Höhe“ Hobrechtsfelde.

„Wir haben uns damals gesagt:  Wir wissen zwar noch nicht, was wir mit dem Gemeinschaftsgebäude machen. Aber das müssen wir erhalten. Es ist das wertvollste Gebäude hier weit und breit.“ Ein Kindergarten hatte hier seine Räume, außerdem die Arbeiterversorgung für rund 300 Menschen, die das Stadtgut einmal bewirtschafteten. Saisonarbeitskräfte haben hier gewohnt und ein Hausmeister. Dass es an Wochenenden im Saal und in der Kneipe hoch herging, erzählt man sich noch heute.

Die „Bremer Höhe“ baut derzeit das alte Gemeinschaftshaus in Hobrechtsfelde aus.. Foto: Reinhart Bünger Vergrößern
Die „Bremer Höhe“ baut derzeit das alte Gemeinschaftshaus in Hobrechtsfelde aus.. ©  Reinhart Bünger

Baugenehmigung war kein Problem

Mit dem Stadtgut schlossen aber auch Kindergarten und Konsum. Elke Meyer* hat hier gerne gewohnt. „Ich hatte das Gefühl, dass der Naturpark Barnim, der Hobrechtsfelde umgibt, mein großer Garten ist.“ Sie ist 2018 weggezogen, nach vier Jahren. Der Arbeitsort ihres neuen Partners liegt einfach zu weit entfernt. „Ich vermisse die Natur sehr“, sagt Meyer, die heute im Süden von Berlin lebt.

Gibt es ein Zurück nach Berlin oder gar nach Hobrechtsfelde? „Man findet nichts in Berlin, jedenfalls nicht in meiner Einkommenssituation“, sagt Elke Meyer. Selbst die neu ausgebauten Wohnungen der Genossenschaft in Hobrechtsfelde wären ihr zu teuer. Zumal wohl auch neue Anteile zu zeichnen gewesen wären. Sie hofft nun, dass ihr der Flugverkehr am neuen Wohnort nicht zu nahe kommt.

Ulf Heitmann freut sich über die schnellen Genehmigungsverfahren in Brandenburg. „Für die Neubauten – da lachen in Berlin immer alle – haben wir in zehn Wochen die Baugenehmigung gehabt. Aus Eberswalde. Man merkt: Die wollen! Endlich mal kein Einfamilienhaus!“

*Name von der Redaktion geändert.

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