Die Länge des Arbeitsweges spielt vor allem für unter 35-Jährige bei einem jobbedingten Umzug eine entscheidende Rolle - so fand die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC in einer Umfrage über Berlin und Umland heraus. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
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Wohnen im Speckgürtel Pendeln als Alternative zum Jobwechsel

Jeder dritte Berliner würde die Stadt verlassen, wenn die Mieten zu hoch werden

Freude und Leid liegen nahe beieinander. Auch nach der Coronakrise werden viele Berufstätige verstärkt im Homeoffice arbeiten. Dieser Trend könnte nach dem Boom der Städte bei Immobilienkäufern eine neue Landlust auslösen. Zwei aktuelle Untersuchungen sprechen deutlich dafür, dass dies auch in Berlin so sein wird.

Beim Haus- oder Wohnungskauf auf dem Land lässt sich kräftig sparen. Eine Studie des Internetportalbetreibers Immowelt zeigt aber: Die Suche nach Gemeinden mit Glasfaserausbau gestaltet sich rund um Berlin schwierig. im direkten Umland der Bundeshauptstadt gibt es derzeit keine Gemeinde mit ausgebautem Glasfasernetz. Erst in zwei Stunden Entfernung finden sich solche Gemeinden. Andererseits registriert Immowelt eine gestiegene Nachfrage nach Kaufobjekten: Plus 47 Prozent bei den Anfragen. Zum Vergleich: Bei Mietimmobilien beträgt die Erhöhung 37 Prozent. Viele der potenziellen Käufer kontaktieren nicht nur den Anbieter, sondern planen bereits zusätzlich die Finanzierung: Noch nie zuvor seien über das Portal so viele Baufinanzierungsanfragen gestellt wie im Mai, berichten die Betreiber.

Die Wohnraum- und Mietsituation in Berlin hat auch Folgen für den Arbeitsmarkt in der Region – und bestimmt die Bereitschaft zum Pendeln (und zum Kauf im Umland) mit. Bislang haben nur Wenige aus dem Großraum Berlin ihren Job aufgrund zu hoher Mieten gewechselt (sieben Prozent). Vier von zehn der im Berliner Umland lebenden Berufstätigen würden lieber in der Stadt wohnen, wenn die Mieten dort niedriger wären. Das ergab eine aktuelle Analyse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhousecoopers (PwC), die dem Tagesspiegel exklusiv vorliegt („Berlin und Umland –Auswirkungen hoher Mieten“). Online befragt wurden im März 400 Berufstätige im Alter von 18-65 Jahren aus Berlin und Umland; die Untersuchung ist repräsentativ nach Alter und Geschlecht.

Die Entwicklung der Außenbezirke Berlins und der Verkehrsinfrastruktur – samt öffentlichem Nahverkehr – ist auf den bereits einsetzenden Boom ins Umland nicht eingestellt. 2018 lebten 1,12 Millionen Menschen innerhalb, 2,63 Millionen Menschen (70,2 Prozent) dagegen außerhalb des S-Bahn-Rings. „Während Bürger innerhalb des S-Bahn-Rings selbst um Mitternacht noch aus einer Vielzahl an Mobilitätsangeboten währen können, bleibt ihnen in den Außenbezirken zum Laufen oft keine Alternative“, kritisiert Sebastian Czaja, Fraktionsvorsitzender der FDP im Abgeordnetenhaus, mit Blick auf die wahre Größe Berlins.

In den kommenden Jahrzehnten wird sich das Wachstum Berlins noch wesentlich stärker als bisher in den Außenbezirken und im an Berlin angrenzenden Umland abspielen. Das glaubt nicht nur Czaja. Denn der Preis macht die Musik.

2019 kostete der Quadratmeter in Berlin im Durchschnitt 4200 Euro

Ein Grund für die neue Attraktivität der Dörfer ist – neben Corona – unter den Nachteilen eines Großstadtlebens zu suchen. Zahlen der Bausparkasse BHW zufolge zahlten Käufer in Berlin bereits 2019 durchschnittlich 4166 Euro für den Quadratmeter Wohneigentum. Heute liegt dieser Wert im Schnitt bei gut 4600 Euro, so die Postbank in ihrem Wohnatlas 2020 (der Tagesspiegel berichtete am 4. Juli 2020). 2019 konnte man rund 120 Kilometer weiter südlich im brandenburgischen Landkreis Elbe-Elster den Quadratmeter noch für 750 Euro kaufen.

Als bedeutendste Maßnahme zur Entlastung des Wohnungsmarktes nennen laut PwC-Studie 93 Prozent der Berliner und Brandenburger Wohnungsbauprogramme für Haushalte mit kleinem und mittlerem Einkommen.

Die Verantwortung für die Wohnraumknappheit sehen die Bürger vor allem bei der Politik, die zu spät auf das Problem reagiert habe, wie 67 Prozent der 400 Befragten online zu Protokoll gaben. Auch kümmere sich die öffentliche Hand zu wenig um den sozialen Wohnungsbau (62 Prozent) – und das Augenmerk der Investoren liege zu stark auf dem Luxussegment (56 Prozent).

Weil mit einer Änderung der herrschenden politischen Verhältnisse nicht zu rechnen ist, scheint der Umzug ins Umland für viele Berliner nur eine Frage der Zeit. So gehen 80 Prozent der Befragten davon aus, dass die Mieten in den kommenden fünf Jahren weiter steigen werden – trotz des Mietendeckels, mit dem das Berliner Abgeordnetenhaus einen weiteren Preisanstieg stoppen will. Auch der Wohnraum wird weiterhin knapp sein, fürchten die Umfrageteilnehmer – vierzig Prozent glauben, dass das Angebot gleichbleiben, 31 Prozent, dass es sinken wird.

Wer in Berlin arbeitet, wohnt dort auch in der Regel

Jeder Dritte hat daher zumindest schon einmal in Betracht gezogen, die Region zu verlassen und sich einen neuen Job zu suchen. Denn natürlich steigen die Einkommen nicht so schnell wie Mieten und Kaufpreise. Wer in Berlin wohnt, arbeitet dort auch (98 Prozent), fand PwC heraus. Aus dem Umland pendeln allerdings mehr als vier von zehn Berufstätigen zur Arbeit in die Hauptstadt. Derzeit pendelt jeder sechste Berufstätige der Umfrage zufolge aus der Region Berlin zum Arbeitsort. Acht von zehn Berufstätigen sind laut PwC der Ansicht, dass Arbeitgeber geeignete Möglichkeiten haben, die Wohn- und Pendelsituation zu verbessern. Indem sie zum Beispiel Fahrt- oder Mietkostenzuschüsse geben, um Fachkräfte zu halten. Auch Betriebswohnungen könnten eine Option sein. Drei Viertel der befragten Berufstätigen sehen ein Problem für Unternehmen, Fachkräfte aufgrund der Miet- und Wohnraumsituation zu finden bzw. in der Region zu halten. 89 Prozent befürchten, dass ein weiterer Anstieg der Mieten das Problem noch verschärfen wird und Berufsgruppen wie z.B. Pflegekräfte Arbeitsplätze außerhalb der Städte suchen werden.

Insbesondere für Frauen spielen das Wohnraumangebot und die Qualität bzw. der Zustand der freien Wohnungen eine entscheidende Rolle, wenn es um einen jobbedingten Umzug geht. Rita Böttcher Vergrößern
Insbesondere für Frauen spielen das Wohnraumangebot und die Qualität bzw. der Zustand der freien Wohnungen eine entscheidende Rolle, wenn es um einen jobbedingten Umzug geht. © Rita Böttcher

Jeder dritte Berufstätige aus der Region Berlin braucht morgens mehr als 40 Minuten zum Arbeitsplatz, errechneten die Wirtschaftsprüfer von PwC und förderten in ihrer Befragung zutage, dass 49 Minuten pro Arbeitsweg – im Durchschnitt – noch als akzeptabel gelten. Fast ein Drittel würde sogar mitgehen, wenn die Fahrzeiten pro Strecke länger als 50 Minuten dauerten. Vorausgesetzt die Miete stimmt.

Die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum, der Berlin und viele andere Großstädte in Deutschland seit vielen Jahren kaum noch nachkommen, könnte sich durch die Coronakrise durchaus verändern: „Aufgrund der gestiegenen Mieten sind bereits viele Menschen von der Stadt ins Umland abgewandert und zu Pendlern geworden. Diese Entwicklung könnte sich künftig deutlich beschleunigen, weil sich in der aktuellen Situation zeigt, dass das Homeoffice eine gute Alternative für viele Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist. Demgegenüber steht die ungebrochene Faszination und der anhaltende Trend zum Leben in der Großstadt,“ sagt David Rouven Möcker, der bei PwC den Bereich Real Estate Consulting am Standort Berlin führt. „Es wird spannend, welche nachhaltigen Änderungen sich für den Immobilienmarkt in Folge der Coronakrise ergeben.“

Ruhe und Natur scheinen den Deutschen derzeit wichtiger zu sein als Fitnessstudio und Laufstrecken. Der Projektentwickler Bonava legte zum „Wohnglück“ im Juni eine Untersuchung auf der Grundlage von 1000 Befragten vor. Danach sagen über die Hälfte der Deutschen, ein Wohnumfeld, das ihnen einen umweltfreundlichen und nachhaltigen Lebensstil ermögliche, trage dazu bei, dass sie sich in ihrem Zuhause wohlfühlen.

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