„Ein zusätzlicher Eisenbahnring wäre eine charmante Idee“, sagt Bernaus Bürgermeister André Stahl zum Siegerentwurf des städtebaulichen Wettbewerbs des Architekten und Ingenieurvereins zu Berlin-Brandenburg. Es würde sich nicht alles nur um Berlin drehen. Grafik: AIV
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Stadtentwicklung Siedlungsmodelle für den Übergang

Internationaler Städtebauwettbewerb Berlin-Brandenburg 2070 entschieden.

Er könnte ein großer Wurf werden, der Siegerentwurf des Internationalen städtebaulichen Ideenwettbewerbs Berlin-Brandenburg 2070, der am 16. Juli der Öffentlichkeit vorgestellt wurde (Der Tagesspiegel berichtete). Vorausgesetzt, die machbare Vision der Bernd Albers Gesellschaft von Architekten mbH, der Vogt Landschaft GmbH und Arup Deutschland GmbH erhält eine Chance auf Realisierung.

Einen besonderen Charme hätte das: Ihr Beitrag für den vom Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg (AIV) ausgerufenen Wettbewerb zirkuliert mit einem dritten, zusätzlichen Eisenbahnring rund um Berlin. Neuer Wohnraum für eine Million Einwohner könnte so geschaffen werden. Zur Schonung der Kulturlandschaft stellen sich Bernd Albers und Silvia Malcovati (Vogt Landschaft GmbH) den neuen Schienenweg als Hochbahn vor.

Durch den neuen Außenradius würden neue Querbeziehungen und Weiterverbindungen entstehen. So zum Beispiel nach Schwedt unter Einbeziehung boomender Umlandgemeinden wie Bernau. Stadtplaner Harald Bodenschatz, Kurator der Ausstellung zum AIV-Wettbewerb, bezeichnete die Stadt Bernau, in der die Panke entspringt, als „einen der oft unterschätzten Entwicklungsorte in Brandenburg“ und lobte den Siegerentwurf als einen, der den aus Bahntrassen entstehenden Siedlungsstern exemplifiziert. Der Gedanke, Schwedt an der Grenze zu Polen über den Ausbau der Bahnstrecke Berlin – Stettin einzubeziehen, sei „ein unglaublicher Gedankenpunkt“, sagte Bodenschatz.

Sieger Albers freute sich über den ersten Rang und sagte zum dritten Ring von Bahnverbindungen rund um Berlin: „Wir machen den Vorschlag, dass das Autobahnnetz nicht abgerissen wird, aber an Bedeutung verlieren sollte durch die Schaffung eines dritten Rings, der sich nicht auf Berlin fixiert, sondern auf Nachbarorte.“ Während sich andere Metropolen Mühe geben müssten, Grün in Stadtnähe zu bekommen, sei das Grüne das Verbindende von Berlin und Brandenburg.

Der AIV, der bereits den Wettbewerb zur Schaffung von Groß-Berlin ausgerufen hatte, der von 1908 bis Dezember 1909 lief, freute sich aktuell über 55 Beiträge, von denen 27 Beiträge aus Deutschland stammten; 18 kamen schließlich in die Endrunde.

„Stadtlandschaft Brandenburg-Berlin 2070 – Kontur einer Übergangsgesellschaft“. Dieser Entwurf kam auf den zweiten Platz. Verantwortlich zeichnen Kopperroth / SMAQ / Alex Wall (Berlin und Cambridge, USA), Dipl.-Ing. Stefan Tischer, freischaffender Landschaftsarchitekt, Office MMK – Urban Technologies. Grundgedanke des Entwurfes ist, dass eine zukunftsfähige Metropole nur aus der Landschaft heraus entwickelt werden kann. Die Wahl der Vertiefungsbereiche liegt auf der nord-östlichen Siedlungsachse (Raum Barnim). Foto: AIV Vergrößern
„Stadtlandschaft Brandenburg-Berlin 2070 – Kontur einer Übergangsgesellschaft“. Dieser Entwurf kam auf den zweiten Platz. Verantwortlich zeichnen Kopperroth / SMAQ / Alex Wall (Berlin und Cambridge, USA), Dipl.-Ing. Stefan Tischer, freischaffender Landschaftsarchitekt, Office MMK – Urban Technologies. Grundgedanke des Entwurfes ist, dass eine zukunftsfähige Metropole nur aus der Landschaft heraus entwickelt werden kann. Die Wahl der Vertiefungsbereiche liegt auf der nord-östlichen Siedlungsachse (Raum Barnim). © AIV

Den zweiten Preis für ihre „Stadtlandschaft Brandenburg-Berlin 2070 – Kontur einer Übergangsgesellschaft" erhielt Kopperroth / SMAQ / Alex Wall (Berlin und Cambridge, USA), Dipl.-Ing. Stefan Tischer, freischaffender Landschaftsarchitekt, Office MMK – Urban Technologies. Auch in ihrem Beitrag spielt die nordöstliche Siedlungsachse eine große Rolle. Der Grundgedanke ist, dass eine zukunftsfähige Metropole nur aus der Landschaft heraus entwickelt werden kann. Landschaft verstanden nicht als reine Natur, sondern geprägt durch Landwirtschaft, Dörfer, neue Siedlungen sowie Infrastrukturen. Diese werden in der „Übergangsgesellschaft“ an den Rändern der Stadt neu gestaltet.

Das Grün verbindet Berlin mit dem Umland

Platz 3 belegten mit dem Projekt „Sternarchipel Berlin – Brandenburg“ die Gemeinschaft von Jordi & Keller Architekten / Pellnitz Architektur und Städtebau (Berlin), Christina Kautz Landschaftsarchitektur, Ludwig Krause Stadtplaner. „Fragmentierte Teile werden zu Ende gedacht und maßstäblich architektonisch lebendig ergänzt und weiterentwickelt sowie bis an die Siedlungskante zum angrenzenden Naturraum projektiert“, lobte die Jury. Wichtig sei hier die klare Unterscheidung von öffentlichen und privaten Räumen. Die vierte Auszeichnung für eine „Landschaft der Unterschiede“ erhielten die Arbeitsgemeinschaft Thomas Stellmach Planning and Architecture / fabulism GbR (Berlin), Lysann Schmidt Landschaftsarchitektur, Melissa Gómez (Beraterin für nachhaltige Mobilität und urbane Innovation), Marcus Andreas (Berater für Nachhaltigkeit) und Florian Strenge (Berater für Urbanismus & Design Prozesse). Die Jury würdigte, dass die Verfasser des Entwurfes ihren Schwerpunkt auf den Strukturwandel und die Vernetzung der Wasser-, Land- und Energiewirtschaft sowie die Vernetzung von Verkehrssystemen legen. Last but not least kann sich Pedro Pitarch (Madrid) für sein futuristisches „Archipel – Labor: Ein Atlas von urbanen Inseln für Berlin“ über den fünften Platz im Wettbewerb freuen. „Anstelle großer Verkehrsknotenpunkte werden zahlreiche kleine Wirkungszentren vorgestellt, die in dieser Grammatik als selbstständige Module funktionieren sollen“, deutete die Jury den anspruchsvollen und komplizierten Entwurf.

Bernau bei Berlin. Für die im Siegerentwurf bezeichneten Flächen hat die Stadt bereits Bebauungspläne aufgestellt: Kasernenanlagen aus den vierziger Jahren ("Heeresbekleidungsamt") werden in Wohnraum umgebaut, zudem entsteht ein Park wo die Panke entspringt. Grafik: AIV Vergrößern
Bernau bei Berlin. Für die im Siegerentwurf bezeichneten Flächen hat die Stadt bereits Bebauungspläne aufgestellt: Kasernenanlagen aus den vierziger Jahren ("Heeresbekleidungsamt") werden in Wohnraum umgebaut, zudem entsteht ein Park wo die Panke entspringt. © Grafik: AIV

In einer ersten Stellungnahme sagte Bernaus Bürgermeister André Stahl (Die Linke) zum Siegerentwurf: „Erfreulich finde ich, dass die Wettbewerbssieger auch die verkehrlichen Verflechtungen von Berlin und Brandenburg in den Blick nehmen. Ein zusätzlicher Eisenbahnring ist da sicher eine charmante Idee. Viel wichtiger fände ich es allerdings, dass die bestehenden Strukturen modernisiert und ausgebaut werden. Das Wachstum findet bereits jetzt im Umland Berlins statt. Deshalb sollten meiner Meinung nach beide Bundesländer ihre Anstrengungen deutlich verstärken, um den Schienenverkehr schneller zu stärken. Ich bin mir nicht sicher, ob dann auch noch Kapazitäten, wenngleich auch nur für eine geringfügige Verlagerung der Eisenbahnstrecke Berlin – Stettin, gebunden werden sollten.“ Interessanterweise decke sich die Zukunftsvision, die die Gewinner für Bernau entwickelt haben, zu großen Teilen mit bereits sehr konkreten Planungen der Stadt.

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