Das alteTanklager in Charlottenburg neben dem Kraftwerk Charlottenburg. Foto: promo
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Spreebord in Berlin Charlottenburg Warum die Werkbundstadt Utopie bleibt

Nachdem Scheitern des Projekts "Werkbundstadt" finden Investoren am Spreebord fruchtbaren Boden vor. An einer soziale Mischung wolle man aber festhalten.

Die Idee war bestechend. Der Werkbund, ein vor hundert Jahren gegründeter Verein mit dem Ziel, dem Produktdesign und dem Wohnen neue Wege zu weisen, wollte wieder ein Lebenszeichen von sich geben. 1927-32 hatte er mit den „Werkbundsiedlungen“ Furore gemacht, in Stuttgart, Brünn, Breslau und Karlsruhe, in Wien, Zürich und Prag, und beeinflusste damit maßgeblich den Diskurs der modernen Architektur.

Heute, da die „Wohnungsfrage“ wieder in aller Munde ist, wollte der Deutsche Werkbund Berlin wieder mit einer Werkbundsiedlung in die Entwicklung eingreifen. „Siedlung“ schien jedoch für das avisierte Vorhaben ein irreführender Begriff. „Werkbundstadt“ signalisierte, dass es bei dem zu bauenden Quartier auf dem Gelände eines ehemaligen Tanklagers am Spreebord in Moabit nicht um eine offene Siedlung geht, nicht um neue Wohnformen, Grundrisse und Bauweisen, sondern um Städtebau und Stadtgestaltung.

Hier setzte schon die erste Kritik an, denn was vom Werkbund aufgrund seiner Satzung vor allem erwartet wird, sind soziale Ideen, neue Wohnformen für zeitgemäße Lebensentwürfe und Rezepte für den zukunftsträchtigen Mix aus Wohnen und Arbeiten. Man vermisst Antworten auf heute akute Fragen: Wie kommt es zum dringend benötigten „bezahlbaren Wohnraum“? Und wie sehen zeitgemäße Wohnungen aus? Wie eine Mischung von Wohnungen für junge Singles und Teilfamilien, für Alte, Wohngruppen und Wohngemeinschaften, für betreutes und temporäres Wohnen, wie sie eine Gesellschaft im Umbruch benötigt?

Was die 33 Werkbundarchitekten mit ihrem städtebaulichen Plan und ihren zum gemeinsamen Modell arrangierten Einzelentwürfen in ehrenamtlichem Engagement erarbeiteten, haben Sie in einer eindrucksvollen Ausstellung und in einem bei Jovis erschienenen Buch publik gemacht. Es ist ein dichtes, verkehrsberuhigtes Quartier mit hoher Flächennutzung. Und mit guten Renditen für die drei Grundeigentümer, die Investitionswillen bekundeten und die den amtlichen Schlüssel von 25 Prozent günstiger Mietwohnungen zu akzeptieren bereit waren.

Eigentümer, wechsle Dich

Gute Ansätze waren nach zähem Ringen immerhin auf den Weg gebracht. Der Bebauungsplan wurde erarbeitet. Viele Hindernisse waren aus dem Weg zu räumen, etwa die Lärmbelastung durch das benachbarte Gewerbegebiet. Doch dann, Ende Oktober 2018, kündigten die Investoren dem Werkbund plötzlich die Zusammenarbeit auf. Von Anbeginn stand das Vorhaben unter keinem guten Stern. Und wie so oft wurden die Teilgrundstücke während des Planungsverfahrens mehrmals veräußert.

Der ursprüngliche Eigentümer des Tanklagers, Michael Lange, ist ausgestiegen und hat seinen Anteil vergoldet. 2017 firmierte die „Am Spreebord Projektmanagement GmbH“ am Sandtorkai in Hamburg, doch die Gesellschaften wechseln zügig Namen und Eigentümer. „Bauwens Development Berlin 3 GmbH“ wurde im März 2018 eingetragen und bereits im September in „PE Am Spreebord 1 GmbH“ umbenannt.

Die Geschäftsführer sind in einem Netz von Kapital- und Beteiligungsgesellschaften miteinander verbunden. Gegenwärtig mit im Boot der Projektmanagementgesellschaft sind zwei neue, starke Partner, die Münchner Investa Real Estate und die auch in den neuen Bundesländern aktive Baywobau. Durch die Eigentümerwechsel sind die Grundstücke natürlich teurer geworden, der Vermarktungsdruck höher, die Neigung, Mehrkosten für die Mustersiedlung in Kauf zu nehmen, geringer.

Die Investoren haben sich vom Werkbund das Feld freiräumen lassen, die hohe Dichte gesichert, der Bebauungsplan steht vor der Einreichung, aber warum trennt man sich von den Architekten? Die Schwierigkeiten haben viel mit gruppendynamischen Prozessen innerhalb des Werkbunds und seines Beirats zu tun.

Große Namen, große Pläne

In Stuttgart hatte der charismatische Mies van der Rohe 1927 den Plan gemacht und dann Architekten seiner Wahl für die Einzelbauten hinzugezogen. In Berlin konnte Paul Kahlfeld diese Rolle nicht ausfüllen. Die Investoren sahen sich außerstande, mit 32 untereinander zum Teil zerstrittenen Architekten zu arbeiten und baten den Werkbund, drei Büros zu benennen, mit denen die Planungen weitergeführt werden konnten.

Das wurde vom Werkbund mit Hinweis auf die Zielvereinbarung vom Oktober 2017 abgelehnt. Die Investoren interpretierten dies als Ausstieg des Werkbunds und kündigten Ende Oktober ihrerseits die Zusammenarbeit auf. Sie benannten zwei Architekten aus der Werkbundgruppe – Jan Kleihues und Christoph Ingenhoven, sowie von außerhalb das Büro Grüntuch Ernst.

Kleihues lehnte aus Solidarität ab, Grüntuch Ernst wissen noch nichts von diesem Ansinnen, doch Ingenhoven aus Köln ist schon an der Arbeit. Mit dem Routinier aus Köln als alleinigem Generalplaner werden die Investoren beim Bau der 1000 Wohnungen gewiss reibungslos zusammenarbeiten. Das neue städtebauliche Modell wird anders aussehen, wenn alle Gutachten bedacht und alle Planungsparameter berücksichtigt sind. Wo zum Beispiel das Hochhaus geplant war, wird es nicht stehen können, weil der Baugrund nicht geeignet ist.

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Die neuen Eigentümer beteuern aber durchaus, die mit dem Bezirk abgeschlossenen Zielvereinbarungen verwirklichen zu wollen, also die soziale Mischung, die Art der Wohnungen, die Zahl der Sozialwohnungen (25 Prozent, wie es zum Zeitpunkt der Vereinbarung Vorschrift war) etc. Nach Abschluss der Planungen, so die Vereinbarung, wollen sie die Grundstücke gemäß der Eigentumsanteile intern neu aufteilen. Nur „Werkbundstadt“ wird das Projekt nicht mehr heißen dürfen.

Schon 2007 war der Versuch gescheitert, im 21. Jahrhundert neuerlich eine Werkbundsiedlung aufzulegen. In München sollten nach den Plänen des Japaners Kazunari Sakamoto 500 Wohnungen entstehen, doch der Stadtrat verweigerte letztlich die notwendigen Gelder und brachte das Vorhaben zu Fall.

In Berlin wollte man ohne öffentliche Mittel auskommen. Aber das Beispiel zeigt neuerlich, dass das altruistische Modell Werkbundsiedlung im Umfeld heutiger Immobilienproduktion und -vermarktung nicht mehr zeitgemäß ist. Zudem muss der unbedingte politische Wille der Stadtverwaltung dahinterstehen, weil Sonderregelungen und ungewöhnliche Prozessabläufe zu ermöglichen sind.

Eine „Werkbundstadt“ in Berlin wäre ein schönes Fanal gewesen und hätte die Werkbundidee neu belebt. Doch der Deutsche Werkbund muss sich weiterhin relevante Tätigkeitsfelder suchen, um aus dem Schattendasein eines Traditionspflegevereins herauszutreten.

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