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Der Partergarten gehört zu den Top 10 der Berliner Ausflugsziele. Foto: IMAGO
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Pankow plant umfangreiche Bauarbeiten Dem Pratergarten an der Kastanienallee droht das Aus

Pächterin Dagmar Hillig soll täglich 10.000 Euro Strafe zahlen, wenn sie nicht Bauarbeiten duldet, die aus ihrem Biergarten eine wüste Stätte machen, sagt sie.

Erst fangen sie ganz langsam an, die Nächte in Biergärten. Aber dann! Nicht nur hier gleichen sich Kreuz- und Prenzlauer Berg. Was für Biergärten gilt, lässt sich auch über deren Bezirksämter sagen: Wenn es nicht so läuft, wird schnell mit Verfügungen und Anordnungen gedroht. Als Zwangsmittel steht die „Ersatzvornahme“ parat.

Und so steht die Pächterin des Pratergartens an der Kastanienallee nun vor dem Blattschuss. Sie soll täglich 10.000 Euro Strafe zahlen, wenn sie nicht Bauarbeiten duldet, die aus ihrem Biergarten eine wüste Stätte machen. Für mindestens ein Jahr. Außerdem erhält sie eine Rückbauanordnung für ihren Imbissstand.

Beide Schreiben sollten nach Tagesspiegel-Informationen am 18. September versandt werden. Danach wird angeordnet "ab dem 1.10.2020 bis zur Fertigstellung" Arbeiten auf der gepachteten Fläche zu dulden und "sämtliche Gegenstände, die sich in Ihrem Besitz befinden, von der gemieteten Fläche des Pratergartens bis zum 30.9.2020 zu entfernen".

Wird der Imbißstand nicht rechtzeitig abgebaut, werden 5000 Euro fällig. "Im öffentliche Interesse" ordnet Pankow "die sofortige Vollziehung" der Verpflichtungen, die sich aus dem Bescheid ergeben, an.

Dagmar Hillig soll der Biergarten abgegraben werden – für eine Versickerungsfläche, damit kein Regentropfen vom Dach des benachbarten Theatergebäudes in die Kanalisation tropft. Der Abschlusstermin für die Bauarbeiten: offen. Der Bezirk möchte sich nicht festlegen. Weil aus dem geplanten einen Jahr in Berlin schnell schon einmal drei oder vier Jahre werden, könnte das Ende der beliebten Restauration besiegelt sein. Denn über einen finanziellen Ausgleich gibt es bisher keine Verständigung.

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Anstatt die Arbeiten zu strecken, soll alles zugleich angepackt werden. "Voraussichtlich Ende September 2021" will man mit den Arbeiten fertig sein, schreibt das Bezirksamt Pankow von Berlin. Muss das wirklich sein?

Zunächst soll alles ganz schnell gehen: Dem Bezirk könnten beantragte Mittel aus dem städtebaulichen Denkmalschutzprogramm („Lebendige Quartiere fördern) verlorengehen, an dem sich neben dem Land auch der Bund finanziell beteiligt. Das sagt der Bezirk, unter der Hand. Außerdem sei das Abwassernetz marode, werde besser erneuert als geflickt.

Sie sollen fallen, die durchgestrichenen Bäume im Biergarten des Prater-Ensembles an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg. Darunter auch drei hohe Ahorne - zwei mit Stammumfängen von 190 cm und Höhen von 16 und 17 Metern. Sie stehen für die Atmosphäre des Prater Gartens. Skizze: Bezirksamt Pankow von Berlin, Abt. Stadtentwicklung und Bürgerdienste, Stadtentwicklungsamt, Fachbereich Denkmalschutz Vergrößern
Sie sollen fallen, die durchgestrichenen Bäume im Biergarten des Prater-Ensembles an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg. Darunter auch drei hohe Ahorne - zwei mit Stammumfängen von 190 cm und Höhen von 16 und 17 Metern. Sie stehen für die Atmosphäre des Prater Gartens. © Skizze: Bezirksamt Pankow von Berlin, Abt. Stadtentwicklung und Bürgerdienste, Stadtentwicklungsamt, Fachbereich Denkmalschutz

Ein lauschiges Plätzchen Alt-Berlin wird im Retrostil umgebaut

Der Denkmalschutz muss herhalten, um das Areal mit der Freilichtbühne einer Runderneuerung im Retrostil zu unterziehen (manche aus dem Westen sprechen von einem DDR-Disneyland aus den Fünfzigern). Dass im Zuge der Baumaßnahmen auch etliche der Bäume im Prater fallen müssen – alle zugleich – versteht sich von selbst.

Nach der Abholzung hätten die Biertrinker freie Sicht auf das Seniorenzentrum St. Elisabeth Stift. Schöne Aussichten? Nein, sagt Pächterin Dagmar Hillig. Ja, sagt der Bezirk, der hier endlich Ordnung schaffen will. Die Sache geht wohl vor das Verwaltungsgericht Berlin.

Dagmar Hillig ist Geschäftsführerin der Berliner Prater Garten GmbH. Der Charakter des denkmalgeschützten Areals soll sich grundlegend ändern. Foto: Reinhart Bünger Vergrößern
Dagmar Hillig ist Geschäftsführerin der Berliner Prater Garten GmbH. Der Charakter des denkmalgeschützten Areals soll sich grundlegend ändern. ©  Reinhart Bünger

Der seit 1906 bestehende „Berliner Prater“ ist ein weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannter traditionsreicher Veranstaltungsort. Die Gesamtanlage steht unter Denkmalschutz. Um das zentrale Theatergebäude herum befindet sich der Pratergarten mit Freilichtbühne, der Biergartenbetrieb (für rund 1600 Gäste in Vor-Corona-Zeiten) mit einem 1857 erbauten Restaurant im typischen Berliner Rundbogenstil, diversen Wirtschaftsgebäuden und einer kleinen Nachtbar. Hier dirigierte Paul Lincke noch 1935 die „Berliner Luft“. Im Pratergarten wurden Kinder gezeugt, Ehen angebahnt und Scheidungen erklärt. Es ist der heute älteste Biergarten Berlins.

Bereits in den Jahren 2005 bis 2010 wurden Teile der Freizeit- und Vergnügungsstätte mit Denkmalschutzmitteln schrittweise saniert. Ziel der Sanierung ist der Erhalt des denkmalgeschützten Areals als öffentlicher Kunst- und Kulturort. Den wünscht sich vor allem Bezirksbürgermeister Sören Benn von der Linken. Brecht-Weill-Abende im Freien sind künftig nicht auszuschließen.

„Natürlich wussten wir, dass der Biergarten saniert werden soll“, sagt Hillig. Aber geplant gewesen sei, mit dem Theatergebäude anzufangen. Von 2018 sei die Rede gewesen, das habe sich auf 2019 verzögert. Im November 2017 habe es einen Brief des Pankower Facility Managements an das Grünflächenamt gegeben, den Mieter bitte eng an den Planungen zu beteiligen.

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Zum 16. Januar 2020 sei sie dann vom Bezirksamt zu Tisch gebeten worden. Dort lagen bereits die fertigen Pläne. Der Biergarten müsse 2021 für eine Saison geschlossen werden, die Gaststätte für einen Monat. „Ich war baff“, erinnert sich Hillig. Zwar habe ihr Vermieter Torsten Kühne, Bezirksstadtrat für Schule, Sport, Facility Management und Gesundheit, betont, sie würden als Mieter an der Planung beteiligt.

„Doch mit uns hat nie jemand gesprochen“, sagt Hillig. „Wir sind überfahren worden. Wir erfuhren von den Plänen aus der Presse über eine Baustellenbesichtigung, die Bürgermeister Benn angesetzt hatte. In der laufenden Saison sollen wir nun unseren Imbissstand abbauen.“ Der war 1997 – nicht von Hillig – für Dreharbeiten errichtet und vom Bezirk geduldet, nie genehmigt worden. Das von Hillig installierte technische Equipment war teuer.

Man hat uns gedroht, Leitungen zu kappen

Sie sei gar nicht gegen das Vorhaben, aber man hätte ja zwei Jahre Zeit gehabt, sie einzubinden, sagt Hillig. „Man hat uns gedroht, die Leitungen zu kappen, wenn wir nicht eine Änderungsvereinbarung zum Mietvertrag unterschreiben. Und mit einem denkmalrechtlichen Duldungsbescheid. Unser privatrechtliches Mietverhältnis wurde mit hoheitlichen Aufgaben vermengt.“

Außerdem sollte zunächst nach Fertigstellung die Miete erhöht werden. Es gibt keine Regelung darüber, wie ein Einnahmeausfall ausgeglichen werden soll. Den abzusehenden wirtschaftlichen Schaden beziffert Hillig auf der Grundlage eines ihr vorliegenden Wirtschaftsgutachtens der Treugast Unternehmensberatungsgesellschaft mbH (München) auf 1,85 Millionen Euro.

Dieses möchte der Bezirk durch Umsatzzahlen belegt sehen und einen Schaden in dieser Höhe nicht zahlen. Pankow bietet eine „Entschädigungszahlung (…) bis zu einer maximalen Summe von 500 000 Euro“ – auch wenn der wirtschaftliche Schaden höher ausfallen sollte. Nach dem Berliner Mietendeckel hat man sich einen Entschädigungsdeckel für diesen gastronomischen Betrieb ausgedacht.

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„Auf den Vorschlag, diese Zahl von 1,85 Millionen Euro durch einen Dritten überprüfen zu lassen, ist der Bezirk überhaupt nicht eingegangen“, sagt Hillig. Sie kann sich als Kompensation des absehbaren Ausfalls von Umsätzen eine Verlängerung der Pachtzeit auf zehn Jahre vorstellen. Der Bezirk hat fünf Jahre angeboten. „Eine Entschädigung in Euro habe ich nie gefordert“, sagt Hillig, „nur die Möglichkeit, den wirtschaftlichen Schaden in der Zukunft wettzumachen.“

Der aktuelle Vertrag läuft bis 2030. „Ich müsste meine Mitarbeiter ja in Kurzarbeit schicken, wenn es keine Vereinbarung gibt – dann zahlt das alles der Steuerzahler!“ Achtzig Mitarbeiter sind bei Dagmar Hillig heute in Lohn und Brot. Wenn die Saison beendet ist, sind es noch dreißig.

Coronabedingt verfüge man momentan ohnehin nur über die Hälfte der Sitzplätze und der älteste Biergarten Berlins trage immer noch das Geschäft. Es müsse möglich sein, den Pratergarten ohne Schließung sukzessive umzubauen: „Deutsche Ingenieure und Tiefbauer könnten das!“ Der Bezirk Pankow wollte auf Anfrage keine Stellung nehmen. Aus prozesstaktischen Gründen.

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