Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Minimaler Wohnungsbau: Die sogenannte MUF (Modulare Unterkunft für Flüchtlinge) in Reinickendorf ist in Modulbauweise konzipiert. Foto: Valentin Rothmaler
© Valentin Rothmaler

MUF in Reinickendorf "Wir bauen für den Alltag, nicht für den Sonntag"

Am Senftenberger Ring ist eine neue Unterkunft für Geflüchtete fertig. Architekt Gerd Jäger hat sich den Bau ausgedacht.

Am seriellen Bauen scheiden sich die Geister. Als hässliche Plattenbauten gescholten, als schnelle Lösung zur Unterbringung von Flüchtlingen propagiert, teilen sie Beteiligte in Befürworter und Befürchter. Alles falsch, sagt der Berliner Architekt Gerd Jäger, dessen MUF (Modulare Unterkunft für Flüchtlinge) am Senftenberger Ring in Reinickendorf im April fertiggestellt und dann an das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) übergeben werden soll. Bauherrin war die landeseigene Gesobau AG, die Architektur schuf Jägers BE Berlin GmbH.

Jäger hält es für eine Fehleinschätzung, wenn die MUFs von Politikern als Nonplusultra preiswerten Bauens gepriesen werden. „Angeblich gehen Typenbauten schneller, sind billiger und qualitativ hochwertiger. An zwei der Schrauben kann man vielleicht noch drehen, aber nicht an allen dreien“, sagt der 56-Jährige. Insgesamt verlaufe der Bauprozess bei MUFs zwar schneller, der Planungsprozess aber dauere länger: „Die Vorfertigung der Module in der Werkstatt dauert ihre Zeit.“ Der Präzisionsgrad der Bauteile sei zwar höher. Dies allerdings nur, wenn Unvollkommenes beizeiten erkannt und gar nicht erst verbaut werde.

Gehört dem modularen Bauen die Zukunft?

Für die Baukammer Berlin gehört dem seriellen, modularen Bauen die Zukunft. Sie bewegt sich in einer aktuellen Stellungnahme („Ohne Kulturwandel am Bau kein bezahlbares Wohnen in Berlin!“) im vertrauten Argumentationsmuster: Mit traditionellen kleinteiligen Planungs- und Baumethoden sei das Ziel schneller und wirtschaftlicher Bautätigkeit nicht zu erreichen. Was indes noch zu beweisen wäre. Modellversuche gibt es. Schneller, kostengünstiger und in hoher Qualität neue Wohnungen bauen: Das europaweite Ausschreibungsverfahren für seriellen Wohnungsbau, das vom Bundesbauministerium und dem Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW gemeinsam mit der Bundesarchitektenkammer und der Bauindustrie Ende Juni gestartet wurde, sei in kurzer Zeit „auf ein breites Interesse gestoßen“, teilte die Architektenkammer gemeinsam mit dem GdW und dem Ministerium mit. In diesem Frühjahr soll eine Rahmenvereinbarung über den Neubau von mehrgeschossigen Wohngebäuden in serieller und modularer Bauweise mit insgesamt fünf bis zehn Bietergemeinschaften aus den Bereichen Planung und Ausführung abgeschlossen werden. Dreh- und Ausgangspunkt aller Bemühungen soll der soziale Wohnungsbau der zwanziger Jahre sein, der stilprägend war und ist, wie Peter Traichel von der Baukammer Berlin schreibt.

Architekt Gerd Jäger (Berlin) und sein Team haben die Nachnutzung der Räume von Anfang an eingeplant. Foto: BE BerlinGmbH Vergrößern
Architekt Gerd Jäger (Berlin) und sein Team haben die Nachnutzung der Räume von Anfang an eingeplant. © BE BerlinGmbH
Die Zimmer können später zu Sozialwohnungen zusammengelegt werden. Foto: Valenthin Rothmaler Vergrößern
Die Zimmer können später zu Sozialwohnungen zusammengelegt werden. © Valenthin Rothmaler

Hier geht auch Gerd Jäger gerne mit. Seine MUF für die Gesobau ist zunächst „genauso teuer oder teurer“ als in herkömmlicher Bauweise errichtete Bauten. Warum? „Weil wir deutsch sind“, sagt der Architekt. Schallschutz und Brandschutz seien die Hauptkostentreiber, berichtet er. „Und absurde Wärmeschutzbedingungen“, die natürlich auch für die MUFs gelten würden. Teurer werden die Modulbauten aber auch durch die zu errichtenden Nebenflächen, die sich meist in den Erdgeschossen befinden. Dazu gehören Seminar- und/oder Beratungs- sowie Räume für Sozialarbeiter, Kinderbetreuer, Verwaltungskräfte und Bewohner. Wie bei Hotels ist es nach der Logik deutscher Gründlichkeit Gästen wie Flüchtlingen nicht zuzumuten, aus Gefahrensituationen aus dem Fenster gerettet zu werden. Also werden in die MUFs zweite Rettungswege eingebaut.

Bis zu 500 Menschen solle hier Platz finden

Dennoch lassen sie sich in Sozialwohnungen umwandeln. Jäger hat mit seinem Architektenteam alles genau geplant. Dort, wo jetzt die Putzräume sind, kann später ein Lift Platz finden. Zum intelligenten Flächenmanagement gehört auch, dass die Fassaden heute schon so gestaltet wurden, dass später Balkons an der Außenfront Platz finden. Raumhohe Fenster können dann gegen Balkontüren ausgetauscht werden.

Der Bau am Senftenberger Ring 109 bietet Wohnungen für bis zu 500 Menschen verschiedener Nationalitäten. Das ändert die Grundrisse. „Wir haben keinen Wohnraum oder Wohnzimmer in den Einheiten von vier bis sechs Räumen“, sagt Jäger, der von 2002 bis 2006 ordentlicher Professor für Entwurf, Baukonstruktion und Baubetrieb an der Fachhochschule Kiel war: „Es gibt nur einen Essraum und es gibt Nasszellen.“ Die Unterkunft besteht aus zwei Gebäudeteilen auf einer Grundstücksfläche von 11 590 Quadratmetern. Gebaut wurde die Unterkunft von der Ed. Züblin AG.

Jägers BE Berlin GmbH hat auch bei dem Typenhaus den Anspruch „Adressen zu schaffen“. Mit Blick auf Identität und Überschaubarkeit seien ein Eingang und zwanzig Nutzungseinheiten genug. Die Architekten um Jäger haben zwei Gebäudetypen entwickelt – einen für die Ergänzung oder Bildung von Blockstrukturen und einen frei stehenden Typus. Letzterer hat als sogenanntes Punkthaus eine Gebäudetiefe von 17,80 Meter und eine variable Gebäudelänge von 17,80 bis 26,85 Meter. Dagegen ist der für die Berliner Blockrandbebauung vorgesehene Typus für eine Gebäudetiefe von zirka 13,50 Meter dimensioniert. Die Varianten dieses Typs haben Gebäudelängen von 11,75 bis 22,50 Metern.

Der Kostendruck ist immens

„Wir bauen für den Alltag, nicht für den Sonntag“, sagt Jäger, „dass ich lieber etwas anderes machen würde, muss ich gar nicht beweisen.“ Sein Unternehmen hat derzeit 2000 Wohnungen im Bau. Der Kostendruck sei immens. „Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften wetteifern darum, wer die günstigsten Wohnungen baut“, hat Jäger beobachtet: „Also versuchen wir Minimalwohnungen zu bauen und nicht Maximalwohnungen. Unser sogenannter sozialer Wohnungsbau ist nichts anderes als ein Flächenmanagement, das auf diesem Gedanken aufbaut: Ziehen die Kinder aus, hat man mehr Platz – oder man hat wenig Platz und zieht aus, wenn es einem finanziell besser geht.“

Ob die Baukammer Berlin diese Gedanken meinte, als sie betonte, dass serielles modulares und durchdachtes Bauen möglich ist und „höchsten gestalterischen, technischen und kommerziellen Anforderungen genügt“?

Wenn dies nicht der Fall ist, bleibt immerhin der Trost, dass zumindest in der Theorie modulare Bauten so schnell wieder abgebaut werden können, wie sie errichtet wurden. Und das bedeutet mit Blick auf die MUF am Senftenberger Ring: binnen Jahresfrist.

Zur Startseite