Unweit des Tempelhofer Feldes plant die Buwog Group zwischen S-Bahn-Ring und Stadtautobahn Hunderte neue Wohnungen. Visualisierung: Buwog Group
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Mariendorfer Weg Neue Wohnungen statt Klinik und Friedhof

Am Mariendorfer Weg ist viel in Bewegung: Zwei Neubauprojekte sollen Wohnraum für nahezu 2000 Menschen schaffen.

Der Mann am Straßenrand schäumt vor Wut. „Diese Idioten hier!“, brüllt er. Der Fluch gilt jedoch keineswegs den Arbeitern, die auf den Baustellen rund um sein Neuköllner Seniorenheim am Mariendorfer Weg für eine erhebliche Geräuschkulisse sorgen. Rentner Willi Nadolny ist vielmehr mächtig sauer, dass er den Damm nur unter Lebensgefahr überqueren kann, wenn er mit seinem Mischlingsrüden „Purzel“ den Grünzug auf der anderen Straßenseite erreichen will. Tempo 30 ist vor dem Altenheim, einer benachbarten Schule und den Baustellen angesagt. Doch der Mariendorfer Weg ist lang und überwiegend schnurgerade. Der Versuchung, kräftig aufs Gaspedal zu treten, erliegen viele Auto- und Kradfahrer. Die werden möglicherweise erst zur Räson gebracht, wenn die Neubauten für nahezu 2000 Menschen bei beiden Projekten fertig sind und die zugezogenen Familien bei den Behörden ordentlich Rabatz machen, damit eine „Protz-Bremse“ für unbelehrbare Raser installiert wird. In zwei Jahren soll es soweit sein.

Lange genug hatten die seit 2005 leerstehenden Gebäude des Klinikums Neukölln zu beiden Seiten des Mariendorfer Wegs vor sich hin gegammelt. Ende 2014 erwarb dann das Petruswerk Katholische Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaft (Avila Gruppe) das rund 36 400 Quadratmeter große Areal nördlich der Straße. Mit der Grundsteinlegung des „Wohnparks St. Marien“ im September 2016 begannen schließlich die Arbeiten an Neubauten und die Sanierung der historischen Gebäude der ehemaligen Frauenheilanstalt. Nun gehen 460 Mietwohnungen ihrer Fertigstellung entgegen.

Zusätzlich entstehen 137 Studentenapartments, die nördlich an die Silbersteinstraße grenzen. Die drei denkmalgeschützten Kerngebäude der ehemaligen Klinik zeigen den größten Baufortschritt, sind jedoch noch zum Teil eingerüstet. In den Altbauten sollen die ersten Wohnungen im Juni bezugsfertig sein, bei den Neubauten rechnet das Petruswerk Anfang kommenden Jahres mit dem Bezug. Die Mietpreise der Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen liegen „in etwa bei 12,80 Euro kalt pro Quadratmeter“, teilt Christian Gronau vom Petruswerk auf Anfrage mit. Die Wohnungsgrößen rangieren zwischen 53 und 181 Quadratmeter. „Preise für die Studentenapartments liegen mir allerdings noch nicht vor“, sagt Gronau.

Buwog Group baut 800 Miet- und Eigentumswohnungen

Gleich gegenüber, südlich des Mariendorfer Wegs, baggert im ersten Bauabschnitt die österreichische Buwog Group, die auf dem etwa 56 000 Quadratmeter großen Grundstück im Rahmen des Projekts „Neumarien“ abschnittsweise etwa 800 Miet- und Eigentumswohnungen samt Kindertagesstätte errichten will. Für den straßenseitig gelegenen ersten Abschnitt wurde nach Auskunft von Neuköllns Baustadtrat Jochen Biedermann (Grüne) der am 13. Juni 2017 gestellte Bauantrag bereits am 1. November positiv beschieden. Hier werden eine Tiefgarage und zwei Gebäude mit 214 Wohneinheiten gebaut. „Das war so zügig möglich, weil für dieses Grundstück Planungsrecht vorhanden war“, teilt Biedermann mit. Ein Viertel dieser Wohnungen, also 54, entstehen im „geförderten Wohnungsbau“. Bezugsfertig sollen sie Ende 2019 sein.

Im hinteren Bauabschnitt auf einem Teil des ehemaligen Emmaus-Friedhofs sind etwa 530 Wohneinheiten in mehreren Gebäuden sowie ebenfalls eine Tiefgarage vorgesehen. „Da es für diese Fläche kein Planungsrecht gibt, wird derzeit ein Bebauungsplanverfahren durchgeführt“, teilt der Stadtrat mit. In diesem Bausegment sollen ebenfalls ein Viertel der Wohnungen, also nach derzeitigem Stand 133 Einheiten, im „geförderten Wohnungsbau“ entstehen. Alle übrigen gehen zu gegebener Zeit als Eigentum in den Verkauf.

Bauen am früheren Friedhof hat seine Tücken

Die Tatsache, dass es sich beim zweiten Bauabschnitt um einen ehemaligen Friedhof handelt, spielt im Bebauungsplanverfahren eine zentrale Rolle. Insbesondere gehe es um den „größtmöglichen Erhalt der wertvollen Bäume und vor allem der vorhandenen Grünstrukturen“. Die Bebauung orientiere sich an dem ehemaligen Wegesystem des Friedhofs, heißt es in einer Auskunft des Bezirksamts.

Nun ist es auch in Berlin nicht ganz einfach, einen aufgegebenen Friedhof zu bebauen. Steht doch in Paragraf 6 des Berliner Friedhofsgesetzes: „Der Friedhofsentwicklungsplan enthält die nach Schließung und Aufhebung beabsichtigte folgende Nutzung, wobei grundsätzlich die Folgenutzung als Grünfläche vorzusehen ist. Eine spätere bauliche oder sonstige, mit der ehemaligen Friedhofsnutzung nicht harmonierende Nutzung ist aus Gründen der Pietät grundsätzlich nicht zulässig. Eine andere Folgenutzung kann nur aus zwingendem öffentlichem Interesse und nach besonders eingehender Prüfung zugelassen werden.“ Das „öffentliche Interesse“ sei durch den „dringenden Wohnraumbedarf gegeben“, teilt Stadtrat Biedermann mit. Dieser Teil des Emmaus-Friedhofes sei 2011 vom Evangelischen Friedhofsverband endgültig aufgegeben worden. Es existierten keinerlei Schutz- oder Pietätsfristen mehr, so dass eine andere Nutzung der Fläche „grundsätzlich möglich ist“.

Das Grundstück „hat die Buwog Group 2016 von einem Voreigentümer gekauft, der wiederum die Fläche von Vivantes und der Friedhofsverwaltung erworben hatte“, sagt Buwog-Sprecher Michael Divé auf Anfrage. Zum Kaufpreis macht er keine Angaben, beziffert die Gesamtinvestitionssumme jedoch mit „rund 200 Millionen Euro“. In Bezug auf die Bebauung des ehemaligen Friedhofs sagt der Sprecher, die Buwog Group rechne damit, die Bauanträge „frühestens im vierten Quartal dieses Jahres“ einreichen zu können, entsprechend sei eine Genehmigung nicht vor Frühjahr 2019 zu erwarten. Bis zur Fertigstellung der Gebäude werde es voraussichtlich 2023.

Die Preise stehen noch nicht fest

Noch keine Angaben mag Sprecher Divé zu Preisen von Miet- und Eigentumswohnungen machen. „Der Vertrieb und dementsprechend die Preisgestaltung erfolgt abschnittsweise rund sechs Monate vor Fertigstellung der einzelnen Bauabschnitte.“ Verkauf und Vermietung der ersten Einheiten beginne voraussichtlich im Frühjahr 2019.

Fest steht hingegen, dass die Ausstattungskriterien aller Wohnungen „im mittleren bis gehobenen Segment“ liegen werden. „Wir planen Wohneinheiten mit Größen von rund 30 bis rund 100 Quadratmeter, alle verfügen über Balkon oder Terrasse“, sagt Divé. Alle Mietwohnungen verwalte nach Fertigstellung die Buwog in Eigenregie.

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