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Hier und da noch ein Flackern. Unter Strom gesetzt, zeigen die An- und Abflugtafeln immer noch, was in ihnen steckt. In der Abflughalle regnet es inzwischen ein wenig durch. Ein Haus, das nicht mehr im Betrieb ist, verfällt. Foto: Reinhart Bünger
© Reinhart Bünger

Letzter Aufruf TXL Gelegentliches Aufflackern auf der Anzeigentafel

Architekt Volkwin Marg erinnert sich an sein Frühwerk und plant mit gmp die Nachnutzung des Flughafendenkmals in Tegel

Sie wurden mehrheitlich schon etwas sentimental, die Besucher des „Sonambiente Berlin TXL Festivals“. Am Sonntag, 22. August 2021, nahmen sie die – wohl letzte – Möglichkeit wahr, diesen Flughafen der kurzen Wege, diese Ikone der modernen Architektur zu verabschieden und das ein oder andere Detail in Bild und Ton festzuhalten. Weitere Zwischennutzungen sind in den Terminals A und B nicht vorgesehen, heißt es aus der Pressestelle der Tegel Projekt GmbH, die sich nun um die Zukunft des Quartiers kümmert. „Wir sind aber im Gespräch mit der Kulturverwaltung, dass eine mehrjährige, dauerhafte Nutzung eingerichtet werden kann“, sagt Sprecherin Constanze Döll. Ein Tag der Offenen Tür, der Sonnabend, 28.8.2021, vorgesehen war, fällt coronabedingt aus.

So bleibt es dabei, dass die Luftfahrtgeschichte Tegels zuende geschrieben ist: Mit seiner markanten sechseckigen Form und dem Prinzip des ihrerzeit von der Deutschen Lufthansa gewünschten Gate-Check-in bleibt dieser Airport im kollektiven Gedächtnis.

Tegel, das war das heiß geliebte Fenster der ummauerten Inselstadt Berlin (West) in die weite Welt. Zugleich steht der Flughafen am Beginn der Erfolgsgeschichte des Architekturbüros von Gerkan, Marg und Partner (gmp). Zusammen mit Klaus Nickels gewannen die gerade frisch diplomierten Hamburger Architekten 1965 den Wettbewerb für den 1974 eröffneten Flughafenneubau.

Die Teleskopbrücken sollten erhalten werden

Nur wenige Tage nach dem Ende des Flugbetriebs am 8. November 2020 veröffentlichten gmp · Architekten von Gerkan, Marg und Partner nun ihre Planung für das Hauptgebäude. Die Architekten wurden sinnigerweise mit dem denkmalgerechten Umbau des zentralen Terminalgebäudes, des Towers und der Vorfahrt beauftragt.

Alles im grünen Bereich. In Tegel ist der Kerosingeruch verflogen. Heute steht das sechseckige Terminal unter Denkmalschutz. 1960 nahm die Air France den Linienflugbetrieb auf, 60 Jahre später beendete sie ihn. Reinhart Bünger Vergrößern
Alles im grünen Bereich. In Tegel ist der Kerosingeruch verflogen. Heute steht das sechseckige Terminal unter Denkmalschutz. 1960 nahm die Air France den Linienflugbetrieb auf, 60 Jahre später beendete sie ihn. © Reinhart Bünger

Volkwin Marg, Gründungspartner von gmp Architekten, schaute am Rande des Klangfestivals anlässlich einer Buchpräsentation (s. unten) noch einmal zurück und nach vorn. Das Hauptgebäude soll der Beuth-Hochschule für Technik zukünftig als „Forum“ des Forschungs- und Industrieparks dienen. Ein klassisches Event- und Konferenzzentrum, das auf ein voll funktionsfähiges Soundsystem – mit mehr als 1000 Lautsprechern, niemand weiß es genau – zählen kann.

„Der Mut muss einfach gelobt werden“, sagte Marg. „Ausgerechnet eine technische Hochschule in den Flugsteigring A zu setzen, das ist eine Herausforderung, die wird uns noch heftig beschäftigen müssen.“ Viel leichter wäre in diesem Bereich eine Umwandlung für einem Nutzungsmix zu machen gewesen: „Dann weiß man, dass sich die Nutzung auch dem Gehäuse anbequemt. Jetzt müssen wir im Dialog mit dem Denkmalschutz und dem Nutzer etwas hinbekommen. Die Mutter als Flughäfen war Tempelhof“, sagt Marg. Anders als in Tegel „wurde für Tempelhof aber nie ein konsistentes Konzept entwickelt, aus dem Ding etwas zu machen“. Man hätte dort Zeppeline stationieren, oder ein Luftfahrt- und Raumfahrtmuseum einrichten können. Stattdessen seien „dumme Messen“ wie „Bread and Butter“ dort gelaufen. Tegel habe es da vergleichsweise gut: Nichts sei schlimmer als eine Brache.

"Wir wollen kein kollektives Alzheimer riskieren"

Natürlich freuen sich die Architekten, dass ihr Flughafen nicht dem Boden gleichgemacht wird. Das Bewusstsein für Erhaltenswertes habe sich in der Gesellschaft verändert. „Wir wollen kein kollektives Alzheimer riskieren, man will die Erinnerung bewahren für die Zukunft“, sagt Marg. Gehäuse seien Prozessen unterworfen. Er zeigt Verständnis dafür, dass weitergebaut, umgebaut und nicht alles erhalten wird. „Man muss auch ehrlich zugeben, Architektur als genutztes Baukunstwerk ist ein Kunstwerk in der Nutzung in der Zeit“, sagt der Architekt (und Hobbypilot). Während er sich um die Nachnutzung des Towers keine Sorgen macht, hofft er, dass die „Finger“ von den Gates in die Flugzeuge erhalten werden können. Sie sind empfindlich: „Eine Sonderkonstruktion, denn die Teleskopbrücken sind umgekehrt gebaut – sie führen nach unten. Früher stand Berlin darauf, nicht Sixt. Heute fliegt man ja von Sixt nach Sixt.“

Alles wie früher. Anlässlich des Klangkunstfestivals "Sonambiente Berlin TXL" war im alten Airport noch einmal Betrieb. Selbst Flughinweise waren auf den eingeschalteten Monitoren an den Gates noch zu sehen. Foto: Reinhart Bünger Vergrößern
Alles wie früher. Anlässlich des Klangkunstfestivals "Sonambiente Berlin TXL" war im alten Airport noch einmal Betrieb. Selbst Flughinweise waren auf den eingeschalteten Monitoren an den Gates noch zu sehen. © Reinhart Bünger

Die Vergangenheit von TXL – sie wird langsam zum Vexierspiel. Ist hier nicht noch ein Flackern auf der zentralen Anzeigentafel wahrzunehmen? Laufen dort an den Gates nicht noch Bildschirme mit Zollhinweisen? Und am Counter 5/6, tickt und klappert es vernehmbar und bestimmt – was mit dem Klangkunstfestival nichts zu tun hat. Vielleicht ist es einfach nur der Zahn der Zeit.

Buchhinweis: Jürgen Tietz (Hg.): TXL. Berlin Tegel Airport. Park Books Zürich 2021, gebunden, 248 Seiten, 112 farbige und 120 sw Abbildungen, 23.5 x 31.5 cm. 38 Euro.

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