"Man muss ein Haus als ein Ökosystem betrachten"

Matthias Sauerbruch ist Architekt, Stadtplaner und Hochschullehrer. Foto: Kalle Koponen
Klimagerechte Architektur „Man muss ein Haus als ein Ökosystem betrachten“

Sie bauen jetzt nur noch solche Anlagen wie für das Umweltbundesamt?

Na ja, je nach dem: Bei der KfW-Hauptverwaltung in Frankfurt haben wir eine Mischung installiert aus Geothermie – da nehmen wir dann Wasser, nicht Luft – und unter die Decke gehängte oder in die Decke integrierte Wasserschläuche, ganz feine. Das ist ein gutes System, denn Strahlung ist die gesündeste Form der Temperaturübertragung (wir kennen das vom Kachelofen). Und es ist auch sehr effizient. Da kann man auch mit niedrigen Temperaturunterschieden arbeiten. Allerdings ist das System träge, es dauert länger bis die Abkühlung eintritt. Wie bei der Fußbodenheizung muss man etwas Geduld haben.

Und wenn Sie beide Systeme gegeneinander abwägen – mit Blick auf Kosten und Effizienz?
Die kalte Luft aus der Erde ist eigentlich ein ganz übliches Prinzip. Sie brauchen nur den Ventilator. Billiger geht es eigentlich nicht mehr, wenn wir von aktiven Systemen sprechen. Bei der Kältedecke brauchen sie irgendwo einen „Kühlschrank“, ein Kälteaggregat.

Klingt teurer.

Auf jeden Fall. Bei der Installation vielleicht nicht, aber im Betrieb. Da haben Sie eine Pumpe, die das Wasser zirkulieren lässt. Bei der aktiven Decke gibt es dann ja auch noch die Problematik, dass da jemand eine Lampe aufhängen möchte…

Aber Kühldecken könnte man immerhin nachrüsten.

Absolut, die gibt es auch als Kühlbalken. Sie müssen nur irgendwo eine Aufstellfläche für das Kühlaggregat haben, wo man die Abwärme wieder los wird (klassischer Weise auf dem Dach oder in tropischen Ländern auch oft einfach vor dem Fenster). Das hat neben dem Energieverbrauch gesamtstädtisch gesprochen eine weitere negative Wirkung: Die gesamte Wärme wird aus den Innenräumen an die Stadt abgegeben. Da kommt es dann auf die „Klimaschneisen“ an, wie schnell diese Wärme abtransportiert wird.

Wie sehen Sie das Architektenteam WOHA in Singapur? Kann man von denen etwas lernen? Sind begrünte Fassaden für Sie ein Thema?

Singapur hat natürlich keinen Winter, unglaublich. Sie brauchen nur einige Samen in der Erde zu stecken, etwas Wasser drauf…

Zwischengeschosse im 20. Stockwerk mit Parks

… funktioniert alles, die gehen mit gutem Beispiel voran. Das geht in Europa auch, es bedarf natürlich eines höheren Aufwandes, vor allem bei der Pflege. Ist in städtischen Situationen aber absolut sinnvoll.

Was halten Sie von Gebäudedämmungen und der Energieeinsparverordnung mit Blick auf das Thema Hitze?

Dämmung bringt natürlich auch gegen Wärme etwas. Im internationalen Vergleich sind die deutschen Energieeinsparvorschriften sehr ambitioniert. Was vielleicht ein wenig besser wäre, wenn nicht immer nur in Richtung Wärmedämmung gedacht würde, wenn man sich die Energiebilanz von Gebäuden insgesamt ansehen würde. Der Vorteil von großen Fenstern zum Beispiel ist, dass sie in kalten Jahreszeiten auch Wärme gewinnen können. Allein weil die Sonne darauf scheint. Wenn man Fenster im Sommer verschatten kann, ist das eine gute Sache. Wenn differenzierter herangegangen würde und geschaut würde, wo gebe ich Energie aus und wo gewinne ich sie und das gegeneinander rechne in der Jahresbilanz – dann ist das besser als wenn ich mir nur die Werte eines Wandaufbaus anschaue. Man muss auch ein Haus als ein Ökosystem betrachten.

Sie haben den Überblick. Was kann man noch einsetzen zur Gebäudekühlung?

Photovoltaik wird immer interessanter. Der Effizienzgrad steigt ständig. Hoffentlich bald werden die so effizient sein, dass wir über das Dach unseren Strombedarf decken.

Haben das Chinesen weiter entwickelt?

Die sind eher gut in der Massenfertigung. Die Entwicklung ist in verschiedenen Instituten weltweit zu beobachten. Die Schallgrenze liegt bei 25 Prozent Ausnutzungsenergie bei 100 Prozent Sonneneinstrahlung. Fassaden werden wahrscheinlich für Photovoltaik interessanter werden.

Und über die Photovoltaik werden dann wieder Klimageräte betrieben?

Das kommt darauf an, wo Sie sind. Wir haben bei den Cologne Oval Offices in Köln z.B. das Uferfiltrat des Rheins eingesetzt. Da wird die gesamte thermische Versorgung des Hauses nur über diese Wärmequelle realisiert. Im Sommer Kühle, im Winter Wärme. Da haben wir Kapillardecken, die unter dem Putz angeordnet sind. Vereinfacht gesprochen, wird das Rheinwasser einmal durch das Haus geschickt. Das ist praktisch eine Kühl- und Wärmedecke, die Energiequelle ist der Rhein. Es gibt verschiedenste Möglichkeiten. Am Wichtigsten aber ist es, den Bedarf zu reduzieren.

Womit wir wieder am Anfang wären: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Reinhart Bünger.

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