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Ein lang gehegter Traum. Der Arzt und Schriftsteller Axel Munthe ließ in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Anacapri auf der Insel Capri eine Villa mit Garten errichten. Sie liegt in einer Gegend, wo die römischen Kaiser, insbesondere Tiberius, einst ihre Villen besaßen, wie Munthe in seinem „Buch von San Michele“ auch erwähnt. Foto: mauritius images / John Warburton-Lee
© mauritius images / John Warburton-Lee

Ferienimmobilien Es begann mit der Villa rustica

Eine kleine Kulturgeschichte

Urlaub retro. Für Hasso Spode hat die Welt des Reisens in der Corona-Pandemie mehr als einen Rückwärtsgang eingelegt. Für den Historiker und Soziologen ist es ein Zeitsprung. „Ein Zurück in die 1960er und frühen 1970er Jahre“, sagt er. Urlaub im eigenen Land, maximal Mitteleuropa, am liebsten mit dem Auto und dann gern Camping oder eine Ferienwohnung. Was heißt diese erzwungene Renaissance des Reisens?

Spode könnte es wissen. Er ist Leiter des Historischen Archivs zum Tourismus an der Technischen Universität Berlin. Das sei wahrscheinlich die größte Sammlung zur jüngeren Geschichte des Urlaubs in Deutschland, sagt er. Hier stapeln sich Reiseführer und Prospekte aus dem 19. und 20. Jahrhundert. „Optisch und vor allem grafisch wunderschön“, schwärmt er. Die größte Fundgrube in Sachen Tourismus ist aber wohl Spode selbst. „Im Small Talk ist Urlaub ein Hauptthema. Das hat schon Fontane um 1900 geschrieben“, berichtet er. „Und das gilt bis heute. Darum sind die Leute jetzt ja auch so entsetzt.“

2019 seien 55 Millionen Bundesbürger noch mindestens fünf Tage lang verreist, sagt Markus Aspetzberger, Sprecher des Deutschen Tourismusverbands, mit Blick auf die Statistik. Drei Viertel von ihnen machten Urlaub im Ausland. Zum Start der Sommerreisesaison 2020 rechneten neun von zehn Deutschen nach Umfragen mit einem minimierten Urlaubsvergnügen: Ein Fünftel plane Urlaub zu Hause, ein gutes Drittel wollte nur in Deutschland verreisen. Für Spode gab es solch ein Zurück im Reiseverhalten seit Jahrzehnten nicht mehr.

Viele der mehr als 1000 Campingplätze in Deutschland waren 2020 schon gut gebucht. Lieber keine Spontanreisen, warnte der Bundesverband der Campingwirtschaft. Auch der Deutsche Ferienhausverband spürt den Wandel. „In einer Ferienwohnung fühlen sich die Leute sicherer“, sagt Leiterin Michelle Schwefel. „Es gibt nach den Lockdown-Erfahrungen auch ein großes Bedürfnis nach Natur.“

Deshalb schaue der Städtetourismus, der Metropolen wie Berlin bereits zur gesetzlichen Eindämmung von Ferienwohnungen zwang, gerade in die Röhre. Ost- und Nordseeküste sowie die Bodenseeregion boomten dagegen noch mehr als sonst, sagt Schwefel.

Urlaub retro ist dabei für sie nicht immer ein passender Begriff. Die Nutzerschicht für Ferienwohnungen habe sich stark verbreitert. „Früher waren es vorwiegend Familien. Heute sind es auch Paare, Freunde und Menschen mit Haustier.“ Und auch bei der Ausstattung habe sich viel getan. Statt mit überzähligen Möbelstücken der Besitzer seien viele Unterkünfte heute schick und zeitgemäß ausgestattet.

"Soviel Luft und Sonne wie möglich“. Nach diesem Motto ließ sich der schwedische Arzt Axel Munthe Ende des 19. Jahrhunderts seine Villa San Michele auf der italienischen Ferieninsel Capri bauen. Sie ist so etwas wie der Prototyp eines Ferienhauses, der jährlich tausende von Besuchern anlockt. Foto: Reinhart Bünger Vergrößern
"Soviel Luft und Sonne wie möglich“. Nach diesem Motto ließ sich der schwedische Arzt Axel Munthe Ende des 19. Jahrhunderts seine Villa San Michele auf der italienischen Ferieninsel Capri bauen. Sie ist so etwas wie der Prototyp eines Ferienhauses, der jährlich tausende von Besuchern anlockt. © Reinhart Bünger

Die Not vieler Tourismusunternehmen wächst indes mit der Dauer der Corona- Zwangspause. Einer Umfrage zufolge überlegt inzwischen jeder vierte Ferienhausvermieter in Deutschland aufzugeben, wie der Deutsche Ferienhausverband am Mittwoch mitteilte. Jeder vierte Unternehmer des Gastgewerbes zieht wegen stockender Auszahlung staatlicher Hilfen eine Betriebsaufgabe in Erwägung. Die Umfrage des Ferienhausverbandes wurde mittels Online-Fragebogen zwischen dem 19. und dem 28. April 2021 unter 10528 privaten und gewerblichen Vermietern durchgeführt.

Nach Angaben des Deutschen Ferienhausverbandes und des Deutschen Tourismusverbandes sind die Einnahmen aus der Vermietung für viele Besitzer von Ferienimmobilien existenziell. Rund jeder Fünfte lebe davon. Weiteren 31,5 Prozent diene die Ferienimmobilie als Altersvorsorge. Hier seien die Mieteinnahmen „ein wichtiger Grundstock für den Erhalt der Ferienimmobilie“. Lediglich 15,5 Prozent der Ferienhausvermieter und Agenturen konnten den Angaben zufolge staatliche Hilfen in Anspruch nehmen. Das Gros gehe leer aus, weil sie privat oder im Nebenerwerb vermieteten. Vor allem während der Finanzkrise 2007 (Lehman-Pleite) wurde die Ferienimmobilie in Deutschland zum sicheren Investment.

Im Papierzeitalter war die Suche nach Ferienwohnungen noch aufwendig

Die genaue Zahl von Ferienwohnungen kennt niemand. Das Statistische Bundesamt führte zuletzt mehr als 10000 auf, fängt aber erst ab 10 Betten an zu zählen. 70 Prozent der Anbieter seien jedoch Privatleute mit weniger Betten, sagt Schwefel. Nach Schätzungen sei früher jede fünfte Übernachtung in das Segment Ferienwohnung gefallen. Inzwischen sei es jede vierte – und 2020 waren es vielleicht mehr. Die ersten Internetportale wurden Ende der Neunziger gegründet mit einigen Dutzend Testvermietern, die noch manuell eingepflegt und eingescannt wurden. Davor gab es Touristeninformationen, die Kataloge mit Kurzbeschreibungen angeboten haben: Die Recherchen waren allerdings aufwändig, Informationen knapp und das Angebot begrenzt.

Mitte der 2000er kam dann der nächste Schub durch die zunehmende Internationalisierung der Marktplayer. Die Vernetzung machte es möglich, dass schnell tausende Angebote auf einer Plattform auffindbar waren.

Wer es zu Wohlstand brachte, kaufte statt zu mieten

Retro reicht für Hasso Spode noch viel weiter. Ferienwohnungen habe es schon um 3000 vor Christus bei den Minoern auf Kreta gegeben, sagt der Historiker. Natürlich hießen die noch nicht so. „Aber den Wunsch nach einem Sommersitz oder einer Sommerfrische gab es in allen komplexen, städtebildenden Gesellschaften. Seit der Antike wissen wir davon.“ Es sei ein Muster, sobald es einigermaßen Wohlstand gebe.

Die Literatur spiegelt, dass der Rückzug aufs umliegende Land als Reaktion auf gesundheitliche Bedrohung auch keine wirklich neue Sache ist: Boccaccios Dekameron erzählt schon im 14. Jahrhundert von Menschen, die sich aus Furcht vor der Pest in Florenz auf ein Landhaus in den Hügeln zurückziehen.

Die alten Römer gossen das Phänomen Sommerfrische schon früher in Worte: Villa urbana für das Haus in der Stadt. Villa rustica für den Landsitz in den Bergen oder am Meer, am Golf von Neapel und auf Capri. „Das waren damals schon richtige Freizeitorte“, berichtet Spode.

Eine Ausweitung dieser Idee beginne aber erst in der Moderne. Im „Teutschen Merkur“ heißt es 1802: „Neu ist die Sitte der Städter, den Sommer über sich in Bauernhäuser einzumieten.“ Da hätten also die Mittelschichten die adlige Sitte einer Sommerfrische kopiert, erläutert Spode. „Und wenn sie es selbst zu Wohlstand gebracht haben, mieten sie nicht länger, dann kaufen sie.“ Das sei bis heute so. Nur, dass sich der gehobene Mittelstand nun eine Zweitwohnung an der Algarve leiste. „Früher waren das Bad Freienwalde oder Heiligendamm.“

Urlaub für alle ist historisch gesehen eine Angelegenheit neueren Datums

Urlaub ist dabei ein junges Phänomen. „Das kommt vom Wort „Erlaubnis“. Soldaten mussten dafür zum Regimentschef gehen“, berichtet Spode. Kollektiv habe sich Urlaub erst im Deutschen Kaiserreich durchgesetzt, zuerst für Beamte, dann für Angestellte in Spitzenpositionen. „Das waren damals schon bis zu sechs Wochen.“ Insgesamt blieb es eine viel kleinere Schicht als heute. „Urlaub, das war lange eine bürgerliche Institution“, sagt der Soziologe. Die Professionalisierung des Gastgewerbes setzte sich in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schrittweise in den Feriengebieten durch. Zuerst gab es oft Privatquartiere, dann Hotels. Die Demokratisierung der Sommerfrische bis in die unteren Schichten hinein begann in Deutschland erst Anfang des 20. Jahrhunderts – mit dem Schrebergarten- und Datschenwesen.

„Urlaub auf Balkonien, das war bis in die 1950er Jahre aber für viele völlig normal“, ergänzt Spode. „Und zuletzt war es eben normal, ständig durch die Welt zu fliegen.“ So dürfte sich der Blick nach der Pandemie wieder in die Ferne richten: „Schicke Villen und hochwertige Ferienhäuser, die man sich mit Freunden teilt, sind nicht nur bezahlbar, sondern auch ein verlockendes Instagram-Motiv“, sagt Pamela Premm vom Deutschen Ferienhausverband. Und die Zielgruppe der Influencer, die zunehmend Ferienhausurlaub macht, ist nicht zu unterschätzen – auch im Hinblick auf die Erschließung neuer, jüngerer Zielgruppen. (mit dpa)

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