Die ehemalige Jugendhochschule der Freien Deutschen Jugend (FDJ) am Bogensee. Foto: picture alliance / dpa
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FDJ-Schmiede und Goebbels-Haus am Bogensee Verfall statt Erinnern - für Berlin wird das teuer

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Abreißen oder als Dokumentationsstätte erhalten? Seit 19 Jahren trifft Berlin keine Entscheidung am Bogensee, sondern hält die Gebäude notdürftig in Schuss.

"Schuldenstadt Berlin steckt Geld in Goebbels’ Liebesnest" – kürzlich machte diese Schlagzeile in der Boulevardpresse wieder auf das verwaiste und verwilderte Areal am Bogensee, 40 Kilometer vor den Toren Berlins, aufmerksam. Der SPD-Politiker Sven Heinemann wurde mit den Worten zitiert: „Ich bin für einen Abriss. Ich wundere mich, dass das Gebäude nicht schon nach dem Krieg zerstört wurde.“

Die Argumentation kommt einem bekannt vor. Rund 60 Jahre zuvor schlugen die Wogen hoch um ein Anwesen im Südwesten Berlins, jene historische Wannsee-Villa, in der 1942 die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde. Seit 1965 hatte sich Joseph Wulff, Auschwitz-Überlebender und Privathistoriker, dafür eingesetzt, im historischen Gebäude ein „Internationales Dokumentationszentrum zur Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Folgeerscheinungen“ einzurichten. Er fand viele Unterstützer, unter ihnen der damalige Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Nahum Goldmann. Doch der West-Berliner Senat war dagegen. Bürgermeister Klaus Schütz erklärte, Berlin brauche keine „makabre Kultstätte“. Das Projekt war vom Tisch.

27 Jahre brauchte es, um dann im historischen Haus der Wannsee-Konferenz eine Gedenk- und Bildungsstätte einzurichten. Seit 1992 ist diese aus der Erinnerungspolitik nicht wegzudenken. Nimmt man die „Vorlaufzeit“ für die „Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz“, dann könnte Bogensee als „Dokumentationsstätte“ in den originalen Bauten sogar noch gut im Rennen liegen, würde sich politischer Wille für eine nachhaltige Lösung bilden.

Seit 1999 stehen die meisten Gebäude am Bogensee leer, 19 Jahre sind vergangen. Seit 1996 steht das gesamte Areal auf der westlichen Seite des Bogensees auch bereits unter Denkmalschutz. Dazu zählen drei Bauten von 1939: der sogenannte Waldhof am Bogensee mit Dienst- und Garagengebäude, der Landsitz von Propagandaminister Joseph Goebbels. Ein eher bescheidenes Anwesen, das in den Kriegsjahren zeitweise als Kulturbegegnungsstätte und Amtssitz diente.

Im neuen Deutschland kamen dann in den 1950er Jahren die Neubauten der FDJ-Jugendhochschule hinzu, Lektionsgebäude und Kulturhaus, dazu Wohnhäuser für rund 500 Studenten. 150 000 Quadratmeter Naturfläche verwildern, und rund 40 000 Quadratmeter Nutzfläche stehen leer und verfallen.

Propaganda, Pläne und Verfall

Es ist ein „Ort der Propaganda“: geschichtlich kontaminiert, vergiftet und offenbar gehasst, ein stummer Ort der Geschichte, ein Ort der Täter und Wortverdreher. Am Bogensee wurden zwei Diktaturen gelenkt und ideologisch gestützt, mehr als 50 Jahre unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die „FAZ“ machte im August 2000 darauf aufmerksam, wozu dieses „Idyll Bogensee“ am besten taugen würde: „die Mechanismen und geheimen Verbindungslinien zweier paranoider Machtgefüge“ ans Tageslicht zu bringen und zu dokumentieren. Das war zu einer Zeit, als Fake News, AfD, Trump, Erdogan und andere Autokraten und Demagogen noch nicht in Sicht waren.

Wie viel erhellender würde eine solche Dokumentation in authentischen Räumen heute wirken können, wenn man die Wirkung und Konstruktion von Propaganda dokumentierte, analysierte und erläuterte? Doch erklärt wird bis heute rein gar nichts.

Im Innern sind viele Räume weitgehend intakt. Foto: Georg Moritz
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In der Vergangenheit gab der Berliner Senat allerlei Verlautbarungen ab. Ein Beschluss aus dem Januar 2005 stellte ausdrücklich in Aussicht, „dass die Geschichte des Gebäudes in Abstimmung mit der örtlich zuständigen Gebietskörperschaft im Land Brandenburg sowie dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur dokumentiert werden sollte“. Im November 2005 beschloss das Abgeordnetenhaus von Berlin, dass der Senat bis zum 30. Juni 2006 ein Konzept vorzulegen habe, „aus dem hervorgeht, wie das Land Berlin mit dem Gelände rund um den ehemaligen Goebbels’schen Landsitz, dem so genannten ,Waldhof am Bogensee’, in Brandenburg umgehen wird“. Nichts geschah.

Der Liegenschaftsfonds, ein vom Land Berlin eingesetztes Treuhandunternehmen, hoffte dennoch, das Gelände bis 2008 verkauft zu haben. Auch daraus wurde nichts. Leerstand aber bedeutet Verfall, sagen Denkmalschützer. Es soll offenbar Gras über die Geschichte wachsen. Recht teures Gras, rechnet man all das Geld zusammen, das in rund 20 Jahren verpulvert wurde, ohne eine nachhaltige Lösung für die originalen Gebäude zu bedenken. „Die jährliche Summe für die Bewirtschaftung“ liege bei „rund 230 000 Euro“, teilt die landeseigene Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) mit. Summen, die seit Anfang der 2000er Jahre geflossen sind oder besser: verpulvert wurden. Denn damit wird der Verfall nur notdürftig begleitet.

Dabei ließe sich eine Menge denken. Allein das ebenerdige ehemalige Landhaus von Goebbels böte sich als Dokumentationsstätte zweier deutscher Diktaturen an. Auch dieses steht leer, hat etwa dreißig Räume und ist weitgehend intakt. Holzgetäfelte Wände sind erhalten geblieben, Einbauschränke, Regale, Fensterbeschläge aus Messing, Fensterbänke aus Marmor, alte Fenster und Türen. Auch die schmiedeeiserne Tür am Haupteingang stammt aus Goebbels’ Zeiten.

Große Namen in allen Räumen

Betritt man das Haus, gelangt man in die sogenannte Halle oder Diele. Es ist das ehemalige Kaminzimmer, in dem Goebbels seine Gäste empfing: Filmstars, Journalisten, Politiker. Marika Rökk war einst hier, Margot Hielscher, Brigitte Horney, Ilse Werner, Zarah Leander und viele andere – vor allem Frauen – aus der Filmbranche. Führende Journalisten der Berliner Tageszeitungen stimmte Goebbels im März 1940 auf die kommenden Kriegsereignisse ein. Mit Rüstungsminister Albert Speer besprach der Propagandaminister im Mai 1944 den Wiederaufbau der zerstörten Städte.

Der Kamin im großen Empfangsraum existiert nicht mehr, dafür aber die legendären Terrassenfenster, die per Knopfdruck im Boden verschwanden, um den Weg zur Terrasse freizugeben. Der Siemensmotor von 1938 war lange Zeit intakt. Solche automatisch versenkbaren Panoramafenster gab es zu jener Zeit nur bei Hitler auf dem Obersalzberg und bei Göring im nahe gelegenen Carinhall in der Schorfheide. Nach dem Krieg nutzte die FDJ den Raum für Vorträge vor angehenden Jugendfunktionären. Wilhelm Pieck war da, Otto Grotewohl, Hermann Axen, Paul Wandel, Erich Honecker – kurz: jene, die die Führungsriege der späteren DDR ausmachen sollten.

Goebbels’ Arbeitszimmer, ebenfalls mit Blick zum See, hat sich am vollständigsten erhalten. Hier diktierte der Minister seine Leitartikel für die Wochenzeitung „Das Reich“, von hier erfolgten seine Instruktionen für Rundfunk und Presse. Im Dezember 1942 kam es im Waldhof zu einer folgenreichen Begegnung mit Martin Bormann, dem Leiter der Parteikanzlei Hitlers. Goebbels erhielt grünes Licht für seine Politik der „totalen Kriegführung“. Im Waldhof verfasste er kurz darauf seinen grundlegenden Aufsatz „Der totale Krieg“.

Der ehemalige Landsitz von NS-Propagandaminister Goebbels. Foto: picture alliance/dpa
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Auch der Filmsaal, mehr als 100 Quadratmeter groß, ist noch zu erkennen. Dort stellte Goebbels die Wochenschau zusammen, ließ sich Filme vorführen, prüfte, zensierte und verbot. Hier könnte man Strategien und Wirkungsmechanismen von Goebbels’ Visionen darstellen, Filme und Wochenschauen jener Jahre zeigen. Am Bogensee plauderte Goebbels mit Zarah Leander und Anny Ondra, der Ehefrau Max Schmelings. Filmfragen besprach er mit Heinz Rühmann und Hilde Krahl, entnimmt man seinem Tagebuch. Veit Harlan ließ er mehrfach kommen, um mit ihm den antisemitischen Film „Jud Süß“ zu besprechen.

Der Waldhof war für Goebbels seit August 1943 zum ersten Wohnsitz geworden. Hier hatte er seinen Amtssitz, wenn das Propagandaministerium in Berlin wegen Bombenschäden nicht zu nutzen war. In der Vorweihnachtszeit 1943 schwärmte der Propagandaminister: „Es ist so gemütlich und nett hier draußen, daß man fast den Eindruck hat, im Frieden zu leben.“

Für Berlin nicht attraktiv

Bogensee könnte als Denkort für die Öffentlichkeit gewonnen werden. Damit könnte zugleich ein Gesamtkonzept für die Region entstehen. Der sogenannte Honecker-Bunker befindet sich nördlich direkt angrenzend an das Gelände. Die Reste von Görings „Carinhall“ sind nicht weit entfernt, Honeckers Jagdschloss Hubertusstock liegt im Umkreis, ebenso die Waldsiedlung Wandlitz, in der die Mitglieder des DDR-Politbüros von 1960 an unterkamen.

Das Areal am Bogensee gehört dem Land Berlin. In der Denkmalbegründung von 1996 heißt es: „Obwohl zu verschiedenen Zeitpunkten entstanden und für unterschiedliche Zwecke konzipiert, sind der ehemalige Landsitz Goebbels’ und der in den fünfziger Jahren entstandene Schulkomplex als zusammengehöriges, im Sinne eines Einzeldenkmals schützenswertes Ensemble anzusehen. (…) Bei beiden handelt es sich um bauliche Zeugnisse, an deren Planung und Gestaltung führende Politiker der jeweiligen Geschichtsperiode beteiligt waren. Sie sind deshalb besonders geeignet, die politischen Verhältnisse ihrer Zeit zu dokumentieren und deren diktatorisch geprägte Grundstruktur aufzuzeigen.“

Doch der Berliner Senat schwärmte immer wieder vom Abriss, so auch im November 2007. Im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses kam es zu einem heftigen Streit um das Gelände. Die Opposition beschwerte sich über die hinhaltende Taktik der Landesregierung. Den Freien Demokraten kamen die Ausführungen des geladenen Finanzstaatssekretärs Klaus Teichert zu allgemein vor, man fragte nach, was das Land denn nun mit dem Gelände vorhabe. Teichert – der heute übrigens alleiniger Geschäftsführer der Hertha-BSC-Tochter für den geplanten Stadionneubau ist – blieb die Antwort schuldig.

Berlins damaliger Regierender Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit (SPD) untermauerte die Position des Senats. Es gebe „kein Bestreben des Landes Berlin, irgendeine Gedenk- oder Dokumentationsstätte zu installieren“, stellte er klar. Und versicherte zugleich, dass man sich der „Sensibilität dieses Ortes“ bewusst sei.

Die Frage der Machbarkeit

Am Bogensee kam es zu einem weiteren Ortstermin. Diesmal waren Vertreter des Liegenschaftsfonds, des Landkreises Barnim sowie der Landeskonservator des Landes Brandenburg, Detlef Karg, anwesend. Berlin wünschte den Abriss des Hauptgebäudes, jenes Waldhofs von 1939. Doch nach dem Rundgang war das Urteil des Landeskonservators eindeutig: Das Gebäude ist zu erhalten. Eine Schlappe für Berlin. Doch die Entscheidungsblockade war damit nicht gelöst.

In diese merkwürdig lethargische und geschichtsvergessene Linie der Sozialdemokraten passt Sven Heinemann mit seinem neuerdings erhobenen Plädoyer für einen Abriss perfekt. Der Sozialwissenschaftler ist seit 2011 Mitglied des Abgeordnetenhauses, zudem Mitglied im Aufsichtsrat der BIM. „Aus meiner Sicht muss der 20-jährige Dornröschenschlaf beendet werden“, teilt Heinemann mit. „Den Status quo zu erhalten ergibt wirtschaftlich keinen Sinn und belastet Berlin unverhältnismäßig. Deshalb habe ich auch einen Abriss öffentlich nicht ausgeschlossen.“ Die BIM spricht von einem „Baubudget von 1,4 Millionen Euro für 2019, um Notsicherungsmaßnahmen durchzuführen“. Zudem würde eine „sogenannte Grundlagenermittlung zu dem Gebäudekomplex“ durchgeführt. Und Heinemann nennt „Machbarkeitsstudie, Gebäudescan und Schadstoffgutachten“.

So geht das seit bald 20 Jahren. Konkrete Politik findet für dieses authentische Geschichtsareal nicht statt. Ein absurdes Spektakel auf Kosten der Steuerzahler.

Vom Autor liegt eine umfassende Dokumentation zur Geschichte dieses verwunschenen Ortes vor: „Goebbels’ Waldhof am Bogensee. Vom Liebesnest zur DDR-Propagandastätte“ (2004 bei Ch. Links; in überarbeiteter Lizenzausgabe bei Weltbild seit 2007; heute nur noch antiquarisch).

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