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Das zu entwickelnde Areal „Behrens-Ufer“ von Westen aus. Vorne der Peter-Behrens- Bau, im Hintergrund entlang der Spree die Erweiterungsbauten des VEB Werk für Fernsehelektronik. Das dargestellte städtebauliche Konzept ist noch in der Abstimmung mit dem Stadtentwicklungsamt des Bezirks Treptow-Köpenick. Foto: DIE AG
© DIE AG

Elektropolis wird Büropolis Dächer mit blühenden Landschaften

Reinhart Bünger

Das ehemalige DDR-"Werk für Fernsehelektronik (WF)" wird zum Zukunftsort Berlins ausgebaut

Viele wollten hier schon hoch hinaus. Der sechzig Meter hohe quadratische Turm des Peter-Behrens-Baus an der Ostendstraße 1–4 in Oberschöneweide steht immer für Erfolgsgeschichten gerade. 1917 eingeweiht war er das höchste Turmbauwerk Deutschlands und markierte den Standort für den Aufbruch in neue Zeiten.

Hier begann im Auftrag Emil Rathenaus (AEG) nach nur zwei Jahren Bauzeit in einer modernen Stockwerksfabrik – errichtet in damals neuer Stahlskelettbauweise – die Serienproduktion von Elektrokarren und Benzinautos. Produziert wurden sie von der „Nationalen Automobil Gesellschaft – NAG“, einer AEG-Tochter. „Elektropolis“ lebte nach 1945 unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen fort.

Der heute denkmalgeschützte Bau des Architekten Peter Behrens, einer der wichtigsten Wegbereiter der künstlerischen Moderne in Deutschland, wurde zum Renommierbetrieb der sozialistischen Planwirtschaft. Das VEB Werk für Fernsehelektronik (WF) produzierte ab 1951 die Bildröhre für den sowjetischen kombinierten Fernseh- und Radioapparat „Leningrad“. Anfang der 50er Jahre war das Werk der größte Bildröhrenhersteller in Europa.

In dem 1915 als Automobilfabrik erbauten Gebäude in Oberschöneweide, dem späteren Werk für Fernsehelektronik (WF) richtete die sowjetische Militäradministration 1945 zunächst das „Labor, Konstruktionsbüro und Versuchswerk Oberspree“ ein. Ziel war, den Erfahrungsschatz und Technologiestand der deutschen Elektroindustrie für die Sowjetunion zu nutzen, hieß es in einer Ausstellung des „Industriesalons Schöneweide“. Innerhalb eines Jahres wuchs die Belegschaft auf 2000 Mitarbeiter an. Die mit Physikern und Technologen besetzten Forschergruppen bildeten die Basis für das spätere Werk für Fernsehelektronik. 1952 ziehen sich die Sowjets aus der Führung zurück, die sowjetische Aktiengesellschaft wird volkseigener Betrieb. Dieser war in der DDR im Wendejahr mit zirka 9500 Mitarbeitern der größte ostdeutsche Produktionsbetrieb für Elektronenröhren und elektronische Bauelemente. Seit 1984 wurde in Oberschöneweide mit einer Lizenz des japanischen Herstellers Toshiba produziert. Nach der Wende übernahm der koreanische Mischkonzern Samsung von der Treuhand. 1991 hatte das Werk bei einem Umsatz von 140 Millionen DM einen Verlust von 120 Millionen DM erwirtschaftet. Samsung beendete die Produktion 2005: LCD-Bildschirme machten die Produktion von Bildröhren überflüssig. Über den Verkauf des ehemaligen AEG-Gebäudes war lange verhandelt worden. Die geforderten 30 Millionen D-Mark wollte Samsung 1992 nicht zahlen. In Branchenkreisen hieß es, das Unternehmen habe schließlich 20 Millionen D-Mark dafür bezahlt. Die Stadt Berlin zahlte Samsung Fördermittel für das Werk, zuletzt 29 Millionen Euro.

Das Behrens-Ufer soll dem Siemens-Campus in nichts nachstehen

Die Samsung SDI Germany GmbH verkaufte im April 2010 an einen neuen Investor, die Kentucky Investments S.A. – ein Unternehmen der irischen Comer Gruppe. Sie verkaufte Im Mai 2019 an die Deutsche Immobilien Entwicklung AG (DIE AG), einen inhabergeführten Projektentwickler.

Das Behrens-Ufer am "Spreeknie" zwischen Wilhelminenhofstraße, Ostendstraße und Spreeufer - gesehen vom Turm des Behrens-Baus. Foto: Reinhart Bünger Vergrößern
Das Behrens-Ufer am "Spreeknie" zwischen Wilhelminenhofstraße, Ostendstraße und Spreeufer - gesehen vom Turm des Behrens-Baus. © Reinhart Bünger

Die neue Besitzerin DIE AG will an die guten alten Zeiten anknüpfen. Das Behrens-Ufer gehört zu Berlins Zukunftsorten und soll dem Siemens-Campus in nichts nachstehen. Gesamtinvestitionen von mehr als 1,1 Mrd. Euro sind geplant – damit wäre dies das größte privatwirtschaftliche Immobilienentwicklungsprojekt Berlins. Auch Vertreter der DIE AG beginnen Rundgänge gerne mit einer Besichtigung des Turms, der mit seinem weiten Überblick über Berlin für Visionen geschaffen wurde. Babylon Berlin lässt grüßen – tatsächlich wurden Szenen der erfolgreichen Fernsehserie im Lichthof des Behrens-Baus gedreht. Der ist komplett unterkellert, hatte seine eigene Wasserversorgung über einen Tiefbrunnen sowie eine Klimaanlage und war mit einer automatischen Staubsaugeranlage ausgestattet. Modernste Gebäudetechnik soll hier auch in Zukunft das Maß aller Dinge sein.

Die Spree ist als Verkehrsweg zum Abtransport des Abbruchs vorgesehen

„Ein klassisches Industriegebäude soll zukunftsfähig ertüchtigt werden“, sagt Mario Ragg, Geschäftsführer der DIE AG-Projektentwicklungsgesellschaft. 280 000 Quadratmeter Bruttogeschoßfläche werden hier entwickelt. Es wird ein Gewerbestandort bleiben. 10000 Angestellte sollen in Hochtechnologiebereichen bzw. forschungsorientierten Wirtschaftsfeldern arbeiten. Für sie werden hier Büros geschaffen. Wohnungen sind im Rahmen der Projektentwicklung nicht geplant – aber eine Straßenbrücke über die Spree, deren Mitfinanzierung DIE AG zugesagt hat. Sie würde das Behrens-Ufer auch an den Standort Adlershof vis-à-vis und besser an den Öffentlichen Personennahverkehr anbinden. „Wir wären auch bereit, eine Fußgängerbrücke über die Spree zu setzen“, sagt Gregor Keck, DIE AG–Manager für Standortmarketing.

Das heute noch umzäunte Gewerbegebiet soll durchlässig werden. Ohne Abrissbirne dürfte das nicht zu machen sein: Die Spree ist bereits als Verkehrsweg zum Abtransport des Abbruchs vorgesehen. „Die Dalben, in die Spree eingerammte Pfähle, haben wir uns schon gesichert“, sagt Ragg. Die kupferbedampften Glasscheiben aus der Halle L müssen als Sondermüll separat entsorgt werden. Was kann wegfallen, was wird kommen?

Sechs Durchgänge durch die 400 bis 500 Meter breite Front an der Ostendstraße sind geplant. Sie soll geöffnet werden, um das Spreeufer auch für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. „Aufenthaltsqualität“ lautet das Zauberwort. Für die Besucher des dann ehemaligen Industriegeländes ist ein Foodquartier in Form eines begehbaren Museums geplant, in seiner Anmutung vergleichbar dem Meatpacking District in New York. Aus den frühen Tagen des Behrens-Baus und aus der WF-Zeit gibt es noch einige Originale, die über die Zeitläufte gerettet wurden, Werkzeuge zum Beispiel. 

Die Sichtachsen dürfen von der Spree aus gesehen nicht verstellt werden

Vielleicht gibt es ein weiteres Badeschiff, das auch zur Seebühne werden könnte: Berlin goes Bregenz. Die Abstimmungen mit dem Bezirk laufen. Über die Bruttogeschossfläche (BGF) wird noch gesprochen, unter anderem. „Wir müssen das Ding ja auch bezahlen, das geht nur über die Fläche“, sagt Ragg. Pläne gab es für diesen Ort stets: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner haben eine Machbarkeitsstudie für den Behrens-Bau vorgelegt, Pläne für das Gebäude F liegen fertig in der Schublade. Berlins oberster Denkmalschützer, Landeskonservator Christoph Rauhut, hat sich ebenfalls eingebracht und legt Wert darauf, dass die Sichtachsen von der Spree auf den denkmalgeschützten Behrens-Bau nicht durch „Hochpunkte“ – also Hochhäuser – verstellt werden. „Die Hochpunkte kommen in der zunächst geplanten Massivität nicht“, verspricht DIE AG-Mann Keck.

Über die Verteilung und Höhen der hier skizzierten Bürobauten ist der Investor noch im Gespräch mit dem Bezirk Treptow-Köpenick. Visualisierung: DIA AG Vergrößern
Über die Verteilung und Höhen der hier skizzierten Bürobauten ist der Investor noch im Gespräch mit dem Bezirk Treptow-Köpenick. © Visualisierung: DIA AG

Die Untere Denkmalschutzbehörde ist auch immer mit dabei und möchte auf keinen Fall, dass die Werbeflächen des irischen Vorbesitzers Comer auf dem Turmdach überklebt werden. Wichtiger noch: Welche Fenster müssen bleiben, welche dürfen raus? „Die Baubeschreibung wurde vom Büro des Architekten Peter Behrens mit der Feder geschrieben, auf Leinen mit Herzblut und mit Liebe“, sagt Ragg. Sie ist erhalten geblieben. Bombentreffer wurden hier im Zweiten Weltkrieg nicht verzeichnet. Vielleicht war es für die Siegermächte interessanter, die Röhrentechnologie an diesem Ort zu erhalten statt sie zu zerstören. Der Baubeginn des neuen Quartiers ist 2021 geplant. Erste Anmietungen sollen voraussichtlich ab April 2022 möglich sein, heißt es heute noch voller Zuversicht. Der Standort soll mit Blick auf Energie- und Klimatechnik keine Wünsche offen lassen. Alle neuen Fassaden- und Fensterelemente sollen mit Photovoltaik versehen werden, die Gesamtenergieversorgung soll den Standort autark machen. Hier soll weniger Energie verbraucht als produziert werden. Eine Klimatisierung der Gebäude wird es nicht geben, aber eine Kühlung über Lehmdecken durch die Wasser zirkuliert. Wo früher unterirdische Benzintanks angelegt wurden, sollen Regenwasserhaltebecken eingelassen werden. Das kostbare Nass darf nicht in die Kanalisation abgeleitet werden.

Nur der unter Denkmalschutz stehende Behrens-Bau soll erhalten werden. Visualisierung: Nils Klöpfel Vergrößern
Nur der unter Denkmalschutz stehende Behrens-Bau soll erhalten werden. © Visualisierung: Nils Klöpfel

Die Dächer sollen nahezu frei von Technik gehalten und intensiv begrünt werden: „Wir wollen dort kein Moos haben, sondern Blumen“, sagt Ragg. „Es sollen im Prinzip Parks auf Dächern sein – Natur auf mehreren Ebenen“, ergänzt Keck. Dazu zählen natürlich auch die Gemüsegärten der zwei geplanten Kitas.

Die Ansprüche sind so hoch wie der Behrens-Turm. DIE AG wird sich daran messen lassen müssen. „Wenn Grün denken, dann richtig“, sagt Mario Ragg: „Gute Ideen werden schlecht, wenn die Gier dazukommt.“

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