Die Kellerflächen der Bockbrauerei in Kreuzberg stehen unter Denkmalschutz und sollen auf Kosten der Bauwert AG zu einer Erinnerungsstätte umgebaut werden. Grafik: Bonanni Architekten
p

Areal der Bockbrauerei "Hier könnte eine einzigartige Ausstellung entstehen"

1 Kommentare

In Kellern der Bockbrauerei sollten Zwangsarbeiter für Telefunken produzieren. Historikerin Beate Winzer erzählt im Interview von der Geschichte des Standortes.

Um die künftige Nutzung des Gewerbestandortes Bockbrauerei in Kreuzberg, den die Bauwert AG auch mit der Errichtung von Wohnungen weiterentwickeln will, wurde im Bauausschuss der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg zuletzt heftig gerungen. Dabei ging es auch um die Keller der alten Brauerei, die wenige Monate vor Kriegsende von der Organisation Todt für die Telefunken mbH als Walzwerk eingerichtet wurden. Ob und in welchem Umfang hier tatsächlich noch eine Produktion aufgenommen wurde, ist Gegenstand von Recherchearbeiten. Projektentwickler Jürgen Leibfried hatte dem Bezirk zugesagt, Teile der Gewölbe zu erhalten, die für eine Erinnerungsstätte hergerichtet werden könnten. Ein großer Teil der Keller aber soll abgerissen werden, auch weil sie unter den historischen Vorzeichen weder als Brauerei noch als Diskothek noch als Tiefgarage genutzt werden können. Sie sind wirtschaftlich kaum zu nutzen, überdies feucht. Der Historiker Thomas Irmer hat die Verlagerung von Telefunken-Produktionsstätten in die Keller der Fidicinstraße in einem Gutachten für den Berliner Denkmalschutz erforscht. Die daraus resultierende Empfehlung ist umstritten. Neben Irmer hat sich Beate Winzer mit der Geschichte des Standortes beschäftigt.

Frau Winzer, welche den Bockbrauerei-Kellern vergleichbaren authentischen Orte, die für die Schrecken der Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit im „Dritten Reich“ stehen, können für die Erinnerungskultur in Berlin heute noch genutzt oder entsprechend hergerichtet werden?

Der Flughafen Tempelhof bietet par exellence einen Ort für Täter und Opfer – die Lufthansa ist bereits im Dezember 1941in den „Untergrund“ gegangen, die WeserFlug GmbH folgte bald, ein bis zwei Jahre später. Im Flughafen sind die Verwaltung des Generalstabs ebenso zu finden wie die Opfer und hier ist das Landesdenkmalamt sogar federführend involviert.

Welche Beispiele unterirdischer Produktionsanlagen lassen sich heute noch sehen – oder sind möglicherweise noch vorhanden, aber unerforscht?

Allein die Telefunken AG hat mehrere U-Verlagerungen in Berlin. Dazu gibt es im Archiv des Deutschen Technikmuseums ganze Listen einzusehen. Diese sind abzugleichen mit den heutigen Nutzungen, die meist gänzlich anders sind.

Wo es historische Brauereien gibt, dürfte es auch Brauereikeller und Kühlhäuser geben: Steht zu befürchten, dass hier im Laufe der letzten Jahrzehnte mit Blick auf Umnutzungen im „Dritten Reich“ vieles buchstäblich „verschüttgegangen“ ist – oder war der Berliner Denkmalschutz stets vor Ort?

Der Denkmalschutz war leider nicht immer vor Ort, weil es sich um eine nachgeordnete Behörde handelt, was zu ändern wäre. Die Dezernenten arbeiten nicht immer so eng mit ihrer Verwaltung, wie es zu wünschen wäre und daher wird der Denkmalschutz oft nicht oder zu spät informiert. In Berlin Friedrichshain-Kreuzberg und Tempelhof-Schöneberg aber sind noch viele Beispiele vorhanden, die zu zeigen wären. Das gilt auch für Treptow und eingeschränkt für Neukölln. Auch hier gibt es zahlreiche Beispiele, die jederzeit einsehbar sind.

Beate Winzer ist freiberufliche Historikerin mit Schwerpunkt Technik- und Wissenschaftsgeschichte mit einem besonderen Blick auf die NS-Zeit. Foto: privat
p

Frau Winzer, die Geschichte der Verlagerung der Telefunken-Produktionsräume ließ sich nur in Ansätzen rekonstruieren. Es gibt große Lücken mit Blick auf die zeitlichen Abläufe; auch wer genau dort tätig war, dürfte schwer zu ermitteln sein. Welche Quellen könnten Sie zusätzlich auswerten, um Licht in die Kellergewölbe der Bockbrauerei in Kreuzberg zu bringen?

Hier muss ich den geschätzten Kollegen Thomas Irmer korrigieren, der ein Gutachten für den Landesdenkmalschutz angefertigt hat. Die Geschichte der Verlagerung lässt sich anhand der Aktenbestände sehr gut nachvollziehen. Mit Beginn der Bombardierung befahl Erhard Milch, Staatssekretär des RLM und ObdL Hermann Göring, die Verlagerung der Industrie, hier der Arbeitsgemeinschaft Funkmess beziehungsweise der Elektroindustrie. Er befahl sie nach Breslau, und da er einen militärischen Rang hatte, konnte er befehlen, das war auch der Sinn seiner Doppelfunktion. Alle Betriebsteile, die für die Nachtjagd, die Nachtortung und Navigation des Funkmessprogramms im Rüstungsstab zugeordnet wurden, verblieben im Großraum Berlin, dem Zentrum zwischen Wrozlaw, damals deutsch annektiert Breslau, Poznan, damals annektiert Posen, Berlin, Halle und Braunschweig.

Der Rüstungsstab wurde aus organisatorischen Gründen der materiellen Rüstung zugeteilt. Er verblieb im Zentrum der Luftwaffe, also im Dreieck Berlin, Halle und Braunschweig. Der Jäger- oder Rüstungsstab organisierte die materielle Rüstung und hatte einen sehr effizienten Stab, dem auch die SS angehörte. Hans Kammler organisierte mit der Organisation Todt die U-Verlagerung der Betriebe beziehungsweise Zweige, die für notwendig zur Verteidigung gehalten wurden. Dazu gehören Mittelbau-Dora, dazu gehört Groß-Rosen als Bunker der Luftwaffe, dazu gehören zahlreiche Klöster und Anlagen, die damals neue Waffen und Munition produzierten, gemäß der Strategie, mit „modernen“ Waffen die materielle Überlegenheit der Alliierten zu brechen. Diese Strategie ging zum Glück nicht auf aus vielen Gründen, sodass die Rote Armee rechtzeitig hier war.

Mehr zu Friedrichshain-Kreuzberg