Mal hier mal dort. Christopher Lioe arbeitet ortsunabhängig. Foto: privat
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Arbeiten in Coworking-Spaces Zwischen High-Speed und Freibier

Christopher Lioe arbeitet auf seiner großen Reise durchs Leben mal hier, mal dort. Eine Begegnung in Vietnam.

Manchmal vermisst er seine Heimat Kalifornien in den USA. Aber deswegen wieder zurück und sesshaft werden? Das ist momentan keine Option. Christopher Lioe, genannt Chris, ist Digitalnomade. Er arbeitet orts- und bürounabhängig.

„Von der großen Reise träume ich, seitdem ich mein Studium beendet hatte. Aber ich hätte mich damit nicht wohl gefühlt, ohne festes Einkommen. Low-Budget-Reisen kam für mich auch nie in Frage“, sagt der heute 36-Jährige.

Seit 2013 ist er jetzt unterwegs. Gerade verweilt er in der vietnamesischen Metropole Ho-Chi-Minh-Stadt. Die acht Millionen Einwohner große Stadt ist vielen besser bekannt unter dem Namen Saigon, den sie aber nach der Übernahme durch die kommunistischen Truppen im Jahr 1976 offiziell ablegen musste.

Aus dem Stadtbild verschwunden ist der Name aber nie, viele Geschäfte tragen den Schriftzug „Saigon“, die junge ortsansässige Craft-Beer-Brauerei „Pasteur Street Brewing Co. Saigon“ wirbt mit ihm und generell bekommt ein Besucher den Eindruck, dass die jüngere Generation ihn lieber verwendet, als die Hommage an den kommunistischen Führer. Warum ist das so? „Ich habe den Eindruck, der Kommunismus ist hier im Süden Vietnams nur formal angekommen“, sagt Chris. Er schmunzelt dabei.

2013 gründete Christopher Lioe die E-Commerce-Firma treetribe.com. Über die Plattform vertreibt das Start-up ökologisch wertvolle Produkte, beispielsweise Portemonnaies und Taschen aus veganem Material - Leder aus Baumblättern oder umweltfreundliche Flaschen, bestehend aus lebensmittelechtem Edelstahl. Auf Plastik oder Kunststoffe wird gänzlich verzichtet. „Für jedes verkaufte Produkt pflanzen wir zehn Bäume“, sagt Chris. Er arbeitet mit Umweltprojekten in dreizehn Ländern aus Amerika, Afrika, und Asien zusammen. Stand der Bemühungen heute: 400 420 gepflanzte Bäume.

Besondere Atmosphäre

Als das Geschäft schließlich Früchte trug und profitabel lief, kündigte Chris seinen festen Job in Kalifornien. Er verkaufte alles, was nicht mehr in den Koffer passte und entschied sich für ein Leben als Nomade. Es war ein Neuanfang voller Abenteuer und Risiko - ohne das gewohnte und sichere Umfeld. Aber auch ohne den gewohnten Arbeitsplatz mit all den notwendigen Utensilien. Heutzutage kein Problem, denn ein Arbeitsplatz ist in jeder größeren Stadt auf der Welt verfügbar. Immer gibt es irgendwo ein Coworking-Space, also ein temporäres Büro.

„Ich habe schnell gemerkt, dass ich dort, wo ich wohne und schlafe, nicht auch noch effektiv arbeiten kann“, erklärt Chris. „Ich war durchgehend gestresst und wurde darüber sehr unproduktiv. Ich brauche einen Platz, um abzuschalten, und einen anderen zum Arbeiten, sonst stehe ich ständig unter Strom - das ist nicht besonders gesund.“ Die Coworking-Atmosphäre dagegen tut ihm gut, sie gebe ihm sowohl Routine als auch Kameradschaft. „Being around others is just more fun.“ Hier im DreamPlex Nguyen Trung Ngan, gelegen in Saigons Business-District, fehlt es jedenfalls nicht an Gesellschaft. Es ist schon viel los am Dienstagmorgen. Der Coworking-Space ist einer der ersten, der heute über 50 Coworking-Spaces der Stadt. 2015 eröffnet, erlangte er schnell größere Bekanntheit: Als der ehemalige US-Präsident Barack Obama im Mai 2016 Ho-Chi-Minh-Stadt besuchte, fand hier ein Forum statt, in dem er junge vietnamesische Geschäftsleute traf. Seitdem trägt das DreamPlex hier den Spitznamen „Obama Coworking Space“.

Coworking wächst rasant

Es gibt High-Speed-WiFi, Klimaanlage, Relax- Zonen, eine Küche, Catering, Kaffee und Freibier. Und Coworking ist eben das probate Mittel gegen die Einsamkeit der Homeoffice-Lösung. Das DreamPlex veranstaltet außerhalb der Bürozeiten fürs Netzwerken Workshops und Konferenzen. So etwas bieten die meisten Spaces an. Zum DreamPlex-Geburtstag und zu Weihnachten wird groß gefeiert. Der internationale Frauentag am 8. März wurde mit einem großen Kuchenbuffet begangen. Ohnehin ist das ein bedeutsamer Tag im sozialistischen Vietnam - neuerdings auch in Berlin.

Apropos Berlin: In der deutschen Start-up-Hochburg gibt es nach Angaben der „Stiftung Zukunft“ momentan 80 Coworking-Spaces, die Berliner Sparkasse spricht in einem aktuellen Marktreport sogar von 100. Das ist keine schlechte Zahl. In Deutschland ist Berlin damit Spitzenreiter, aber verglichen mit dem amerikanischen und dem asiatischen, steht der europäische Markt noch ganz am Anfang. Dabei machte die Branche 2017 in den großen deutschen Bürozentren, Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart und München, mit einer genutzten Fläche von 200 000 Quadratmetern rund fünf Prozent des gesamten Büromarktes aus. Die Coworking-Fläche hat sich indes innerhalb eines Jahres verfünffacht. Das dokumentiert eine Untersuchung zur Zukunftsfähigkeit von Coworking-Centern von Colliers International Deutschland.

Die "to-do-Liste"

Natürlich habe Coworking auch Nachteile, so Chris. „Einige Spaces sind zu kommunikativ und man ist leicht abgelenkt. Aber das ist auch einfach eine meiner Schwächen: Ich lasse mich gerne und leicht aus dem Konzept bringen.“ In einigen Spaces sei es extrem: „Da kommt alle zehn Minuten jemand zu dir, will sich einfach nur unterhalten oder sucht Begleitung für einen Drink oder eine Party.“ Die „Fear of missing out“ - Neudeutsch für die Angst, etwas zu verpassen - sei dann so groß, dass er meistens nicht Nein sagen könne. Gerade in tropischen Gefilden sei außerdem eine Klimaanlage unabdingbar. „Sonst heizt sich nicht nur mein Laptop zu sehr auf, sondern auch ich fange an zu schwitzen und das hasse ich“, sagt Chris und lacht.

Eine feste Reiseroute hat der US-Amerikaner nicht. Nach Vietnam hat es ihn eher zufällig verschlagen. Er kam letztes Jahr kurz für einen sogenannten „border run“ nach Vietnam - ein legitimer Weg, den Aufenthalt in einigen fremden Ländern zu verlängern, indem kurz in ein Nachbarland übergesetzt wird, damit das Touristenvisum neu zu laufen beginnt. Der Zwischenstopp in Da Nang, einer Küstenstadt, in der Mitte des Landes gelegen, habe ihm so gut gefallen, dass Vietnam auf seine „To-do-Liste“ kam. Als nächstes ist ein Zwischenstopp in der Heimat Kalifornien eingeplant, bevor es weiter nach Kolumbien geht.

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