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Portugals Regierungschef Antonio Costa und Bundeskanzler Olaf Scholz haben Spaß beim Schrauben während eines Rundgangs auf der Hannover Messe. Foto: REUTERS
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Hannover Messe Industrie in der Schlüsselposition

Eine Studie veranschaulicht die Bedeutung der Industrie für die deutsche Wirtschaft - und die Arbeitnehmereinkommen.

Ein Monat bleibt der Bundesregierung noch zur Umsetzung einer Ankündigung im Koalitionsvertrag. „Im Dialog mit Wirtschaft, Gewerkschaften und Verbänden wollen wir eine Allianz für Transformation schmieden und in den ersten sechs Monaten des Jahres 2022 stabile und verlässliche Rahmenbedingungen für die Transformation besprechen.“ So steht es im Koalitionspapier, und so bekräftigt es auch Kanzler Olaf Scholz (SPD) in diesen Tagen auf der Hannover Messe, die er am Sonntagabend eröffnete und die an diesem Montag mit dem traditionellen Rundgang des deutschen Regierungschefs beginnt.

Weißer Elefant im Kanzleramt

Transformation ist die Überschrift für die Dekarbonisierung und Digitalisierung der Wirtschaft, vor allem der Industrie. Energieeffizienz ist das Thema Nummer eins auch auf der weltgrößten Industrieschau in Hannover. Die Folgen des Angriffs wie die Debatte um sichere Energie machten umso deutlicher, dass die wirtschaftliche Transformation vorangebracht werden müsse, sagte Scholz zum Auftakt. Es brauche dazu neue Verfahren und Prozesse. „Diese Messe zeigt, dass das geht und dass wir es mit großem Tempo schaffen werden.“ Eigentlich sollte bis Ostern die „Allianz für Transformation“ stehen. Doch der Krieg hat alles verändert, und in der Industrie spricht man in Bezug auf die versprochene Allianz inzwischen von einem „Weißen Elefanten“ im Kanzleramt – Synonym für etwas großes, unsichtbares. Ein Nichts.

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Die Zeit drängt. Bis Mitte des Jahres wünscht sich beispielsweise die Stahlindustrie, einer der größten Verursacher von CO2, Klarheit über die gesetzlichen und finanziellen Rahmenbedingungen, die benötigt werden, um die Investitionspläne zur Dekarbonisierung der Stahlwerke umzusetzen. Rund 30 Milliarden Euro werden dafür veranschlagt – das funktioniert nicht ohne Politik und Steuerzahler. Im Ziel sind sich alle einig: Deutschland soll auch in einer klimaneutralen Wirtschaft ein Industrieland sein. Denn die Industrie steht für Exportstärke, Innovation und gut bezahlte Arbeitskräfte sowie hohe Staatseinnahmen.

Hohe Löhne in der Industrie

Knapp ein Viertel der Beschäftigten verdient hierzulande den Lebensunterhalt in der Industrie. Die Löhne sind hier überdurchschnittlich hoch: 2020 entfielen 30 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Lohnsumme auf 24 Prozent der Arbeitnehmerschaft. Ein Grund dafür: „Die Produktivität in der Industrie hat in den vergangenen 30 Jahren um 112 Prozent zugelegt“, heißt es in einer Studie des Instituts für Mitbestimmung der gewerkschaftlichen Böckler-Stiftung. Der dramatische Arbeitsplatzabbau in den 1990er Jahren ist Geschichte. Seit der Wiedervereinigung sank die Zahl der Beschäftigten in der Industrie um 24 Prozent oder 3,2 Millionen. Das Tief wurde 2006 mit 9,2 Millionen erreicht, 2020 waren es wieder mehr als zehn Millionen, heißt es in dem Report über die volkswirtschaftliche Bedeutung des industriellen Sektors in Deutschland.

Stand von Siemens in Hannover, wo nach zwei Coronajahren die Industrie ihr Leistungsspektrum zeigt. Foto: IMAGO/Future Image Vergrößern
Stand von Siemens in Hannover, wo nach zwei Coronajahren die Industrie ihr Leistungsspektrum zeigt. © IMAGO/Future Image

Grundsätzlich nimmt in den entwickelten Volkswirtschaften die Bedeutung des Dienstleistungssektors gegenüber der Land- und Forstwirtschaft/Fischerei sowie dem Industriesektor zu. Aber in Deutschland mit dem starken Fahrzeug- und Maschinenbau, der Chemie- und Grundstoffindustrie ist der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung höher als in Frankreich, Großbritannien, Brasilien, den USA, Italien und Kanada. „Noch höher war die Quote 2020 lediglich in Japan, Südkorea, Russland und China“, heißt es in die Studie.

Die Industrie strahlt aus

Die Bundesrepublik nehme eine „Sandwichposition“ zwischen den Schwellenländern und den meisten Industrieländern ein. In der „einzigartigen Balance und Ausgewogenheit der deutschen Wirtschaftsstruktur“ liege die „zentrale Stärke und der wesentliche Wettbewerbsvorteil der deutschen Volkswirtschaft“. Knapp ein Drittel der Vorleistungen beziehen die Industriefirmen aus dem Dienstleistungsbereich. „Als Abnehmer von Vorleistungen trägt der Industriesektor maßgeblich zum Produktionswert aller drei Wirtschaftssektoren bei“, schreiben die Autoren. Die Industrie war und ist der Analyse zufolge „für einen Großteil der Bruttoinvestitionen der deutschen Volkswirtschaft verantwortlich“ – 1991 für 87 Prozent, 2020 noch für 72 Prozent. Das Investitionsvolumen ist in dieser Zeit um 233 Milliarden Euro gestiegen, die privaten und staatlichen Konsumausgaben, die auf industrielle Güter entfallen, um 205 Milliarden Euro. Die Industrie dominiert zudem den Export: 2020 stand sie für 76 Prozent aller Ausfuhren, 1991 waren es 85 Prozent. Ihr Außenbeitrag, also der Saldo aus Exporten und Importen, konnte seit 1991 kontinuierlich wachsen und steuerte durchweg einen Anteil von mehr als 60 Prozent des gesamtwirtschaftlichen Außenbeitrags bei.

Hohe Staatseinnahmen

Zu den Staatseinnahmen habe die Industrie 2020 unter anderem in Form von Produktions- und Importabgaben in Höhe von 42 Milliarden Euro einen „wesentlichen Beitrag“ geleistet. An Subventionen hat das verarbeitenden Gewerbe der Studie zufolge mit sieben Milliarden Euro am wenigsten von allen drei Sektoren kassiert, ihr Anteil sei seit 1991 von 29 auf 18 Prozent gesunken. Bei den Nettoproduktionsabgaben – der Differenz aus Zahlungen und Subventionen – liege sie mit 35 Milliarden Euro vor den Dienstleistungen mit 33 Milliarden, so die Forscher. Damit der industrielle Sektor die Transformation gut übersteht, bedürfe es „politischer Flankierung“, etwa bei „der Einführung klimaschonender, aber zunächst sehr teurer neuer Techniken“.

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