Katharina Wrohlich leitet seit Mitte des Jahres die Forschungsgruppe Gender Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Die gebürtige Wienerin forscht seit 2002 am DIW. Ihre Themen sind vor allem Gender Gaps auf dem Arbeitsmarkt und gleichstellungspolitische Auswirkungen von Steuer- und Familienpolitik. Foto: Mike Wolff
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Gender-Expertin Katharina Wrohlich im Interview "Viele Eltern wollen Kinder nicht den ganzen Tag abgeben"

Gender-Expertin Katharina Wrohlich über deutsche Geschlechterrollen, ein besseres Elterngeld und die Zerrissenheit zwischen Familie und Job.

Frau Wrohlich, Väter nehmen noch immer deutlich weniger Elternzeit als Mütter. Wird sich daran jemals was ändern?
Seit 2007 gibt es beim Elterngeld die Partnermonate. Zu zwölf Monaten kommen zwei weitere hinzu, wenn beide in Elternzeit gehen. Dieser Schritt hat bis heute dazu geführt, dass der Anteil der Männer, die sich eine Auszeit nehmen, von unter drei Prozent auf fast 40 Prozent gestiegen ist. Es tut sich also schon was. Trotzdem sind es bei den Müttern mehr als 90 Prozent – und ein weiteres Ungleichgewicht sehen wir bei der Dauer: Die überwiegende Mehrheit der Mütter bleibt ein Jahr zu Hause. Bei den Vätern gilt in der Regel das Minimum von zwei Monaten.

Warum?
Väter, die gar nicht oder nur sehr kurz Elternzeit nehmen, nennen als Erstes finanzielle Gründe. Der zweithäufigste Grund lautet: Die Partnerin möchte angeblich alle zwölf Monate beim Kind bleiben. Drittens sorgen sie sich vor negativen beruflichen Konsequenzen. All das hat mich überhaupt nicht überrascht.

Zwei der Argumente können ebenso gut Frauen nennen.
Natürlich könnten sie das genauso sehen. In den meisten Beziehungen ist es aber immer noch so, dass der Vater das höhere Einkommen erzielt und das Elterngeld ersetzt in der Regel 65 Prozent dieses Einkommens. Für viele Familien ist es deswegen schlimmer, wenn 35 Prozent seines Einkommens fehlen statt ihres.

Die Familienministerin Franziska Giffey hat vor einigen Wochen angekündigt, das Elterngeld noch in diesem Jahr zu reformieren. Wie ist unklar. Was würden Sie sich wünschen?
Familienpolitik hat viele Ziele. Aus gleichstellungspolitischer Perspektive würde ich sagen, die Partnerschaftsmonate sollten ausgeweitet werden. Nicht sofort, sondern sukzessive. Das Ziel sollten am Ende sieben von 14 Monaten sein. Die ungleiche Aufteilung der Sorgearbeit ist jedes Mal die Basis, wenn wir über Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt sprechen. Ganz gleich, ob es um das Thema Bezahlung geht, Teilzeit, Führungspositionen. Bis es sich nicht gleichmäßig auf den Schultern von Müttern und Vätern verteilt, wer das Kind von der Kita holt, wer es bei Fieber zu Hause versorgt, solange wird sich nicht groß was verändern.

Was halten Sie von der Idee, das Elterngeld zu verlängern?
Mit dem Elterngeld Plus gibt es schon die Möglichkeit. Die Dauer wird verdoppelt, wenn beide in Teilzeit arbeiten. Verlängert man eine solche Leistung ohne diese Voraussetzung, wird sie wahrscheinlich wieder verstärkt von Frauen beansprucht.

Deutschland gilt in so vielen Bereichen als fortschrittlich. Bei der Gleichstellung sieht das internationale Bild ganz anders aus.
Die OECD hat herausgefunden: Bei kinderlosen Paaren leisten Frauen in Deutschland etwas mehr unbezahlte Hausarbeit als Männer, genau genommen 38 Minuten zusätzlich am Tag und zehn Minuten weniger Erwerbsarbeit. Das ist in anderen Ländern wie Korea, Italien, selbst Norwegen ähnlich. Spannend wird, was geschieht, wenn ein Kind auf die Welt kommt. Frauen erledigen dann 167 Minuten am Tag mehr im Haus, Männer 185 Minuten zusätzlich für den Job. In keinem anderen Land ist der Unterschied zwischen Paaren ohne und mit Nachwuchs größer. Das zeigt: Kinder wirken sich hier enorm stark auf die Aufteilung der Aufgaben aus, die Frauen und Männer übernehmen.

Was machen andere Länder wie die skandinavischen besser?
Zunächst haben sie kein Ehegattensplitting, sondern eine Individualbesteuerung. Das ist selbst in Ländern wie Österreich und Italien der Fall, die sonst nicht Vorreiter bei der Gleichstellung sind. Deutschland ist da ein Spezialfall! Was speziell Schweden anders macht: Bereits seit den 70er Jahren wird dort jedes Gesetz dahingehend überprüft, welche gleichstellungspolitischen Auswirkungen es hat. Familienpolitische Reformen, die wir in den letzten zehn, 15 Jahren angestoßen haben – wie Kita-Ausbau und Elterngeld – gelten in den nordischen Ländern ebenfalls viel, viel länger. Was sie also besser gemacht haben? Sie waren deutlich früher dran.

Das Ehegattensplitting sollte abgeschafft werden?
In der jetzigen Form auf jeden Fall! Das Ehegattensplitting sollte reformiert werden, hin zu einer Individualbesteuerung mit doppeltem Grundfreibetrag.

Stereotype abschaffen ist schwieriger.
Dazu sind die Vätermonate wichtig. Je normaler es wird, dass Männer zu Hause Aufgaben übernehmen, desto besser. Andererseits braucht es Kolleginnen, weibliche Vorgesetzte, mehr Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten.

Sollte auch für Vorstände eine Frauenquote eingeführt werden?
Das ist rechtlich deutlich schwerer umzusetzen. Wir wollen aber zumindest mal genauer untersuchen, inwiefern es Übertragungseffekte durch die Quote in Aufsichtsräten gibt. Noch hat das nicht den Anschein. Das heißt aber nicht, dass es nicht noch geschehen kann.

Andere Länder sanktionieren viel härter, wenn Unternehmen sich bei der Quote quer stellen.
Es kommt darauf an, was will man erreichen. Reicht es, zu sagen, Quote erfüllt und Haken drunter? Oder hat man ernstgemeinte, ehrgeizige Ziele? Vor dem Hintergrund, dass sich manche Unternehmen noch immer die Zielgröße Null setzen, ist es schon sinnvoll, darauf hinzuweisen, dass härtere Sanktionen wirksamer sind als Freiwilligkeit.

Hat die Me-Too-Debatte nichts bewegt?
Doch. Absolut! Beim letzten DIW Managerinnen-Barometer hat es viel Interesse an dem Thema gegeben. Oder schauen Sie sich Zalando an. Der Onlinehändler wurde stark dafür kritisiert, im Vorstand keine Frau zu haben. Vor kurzem war der Presserummel dann groß, als Zalando eine Geschlechterquote ankündigte.

Selbst wenn Frauen und Männer beides gleichermaßen haben können, Vollzeitjob und Kinder, bleibt ein Dilemma: Zu wenig Zeit – und damit Stress und Überforderung.
Es gibt ein sehr gutes Konzept von der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Familienarbeitszeit. Die Grundannahme ist genau die: Die Sorgearbeit kann man zu einem gewissen Teil an Kitas und Babysitter auslagern, aber Kinder den ganzen Tag abgeben, wollen viele Eltern nicht. Ebenso wenig ist es noch attraktiv, dass der Mann das Geld verdient und die Frau den Haushalt und die Erziehung verantwortet. Was liegt also auf der Hand? Ein bisschen Arbeit übernehmen externe Leute. Den Rest teilen sich Mütter und Väter gerechter auf.

Wie denn nun?
Das finanzielle Instrument würde nach der Elternzeit beginnen. Die Bedingung ist, dass beide nur 30 Stunden in der Woche arbeiten und damit mehr Zeit für das Familienleben haben. Arbeitet einer in Vollzeit und der andere in Teilzeit oder hat einen Minijob, gibt es die staatliche Leistung nicht. Damit soll verhindert werden, dass es wieder die Frauen sind, die mehr zu Hause übernehmen. Manche finden die Vorgaben zu starr und nicht für alle Paare stimmig. Das mag sein. Aber statt die Idee zu verwerfen, könnte man sie weiterentwickeln. Die SPD hat mal davon gesprochen, aber sehr zögerlich.

Neben der Politik sind auch Unternehmen gefragt.
Ich glaube, da tut sich gerade was und es ist ein sehr guter Zeitpunkt, um noch mehr zu bewegen. Es gibt diesen großen Fachkräftemangel. Arbeitgeber müssen attraktiver werden und für sich werben.

Bei einer Generation, die ihre Lebenszeit ausgeglichener auf Arbeits- und Privatleben verteilen will.
Die jungen Menschen wachsen zwar in einer anderen Zeit auf, sehen seit etlichen Jahren eine Frau als Bundeskanzlerin im Fernsehen. Doch auch diese Generation ist noch nicht ganz frei von Stereotypen. Auch die jungen Väter wählen meistens zwei Monate Elternzeit. Es sind deswegen viele Vorbilder nötig: Frauen in Führung und aktive Väter.

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