Manche Geflüchtete haben Probleme, die Aufgaben zu verstehen. Foto: Getty Images
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Geflüchtete in Ausbildung Fallen sie durch die Prüfungen, wird der Frust groß sein

Immer mehr Unternehmen bilden in Deutschland Geflüchtete aus. Derzeit sorgen sie sich allerdings, ob die Azubis am Ende auch die Prüfungen bestehen.

Für den einen wurde bloß ein Möbelstück zu Asche, für den anderen starb bei dem Feuer ein Mensch. Kommt darauf an, wie der Azubi den Unterrichtssatz „der Sekretär wurde bei einem Wohnungsbrand vernichtet“ versteht. Ob er aus Deutschland kommt und den richtigen Sinn kennt – oder aus Syrien.

Missverständnisse dieser Art sind ein Problem, das Geflüchtete in den Berufsschulen immer wieder haben. Oder im Betrieb. Ein Beispiel von einem großen Hotel: Er sollte die Kaffeemaschine anschmeißen. Echt? Er soll sie an die Wand klatschen, fragte der Azubi vorsichtshalber nach. Im Alltag können solche Irrtümer schnell geklärt werden. Bei Prüfungen in der Schule ist dies schwieriger. Oft sind die Geflüchteten schüchtern, wollen nicht negativ auffallen, schweigen, wenn sie verwirrt sind. Gleiches gilt bei den Formulierungen vieler Aufgaben. Da hat bei dem Auftrag, etwas zu skizzieren, schon gerne mal jemand gedacht, er solle etwas zeichnen.

Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) bilden inzwischen 16 Prozent der Firmen hierzulande Geflüchtete aus. Mehr als 40 000 lernen gerade auf diesen Weg einen Beruf. Sollten sie am Ende der zwei, drei Jahre aber nicht die Prüfungen bestehen, wird der Frust groß sein. Vorgekommen ist das bereits. Caroline Strobel vom Netzwerk „Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ hat mit geschockten Chefs gesprochen, die vom Durchfallen völlig überrascht waren. Das Netzwerk wurde 2016 gegründet, angestoßen vom DIHK, gefördert durch das Bundeswirtschaftsministerium. 2300 Betriebe sind heute Mitglied. Veranstaltungen zur Vorbereitung auf die Abschlussarbeiten sind laut Strobel gerade im ganzen Land sehr gut besucht. Das Thema sei „in aller Munde“.

Durchfallquote höher als bei Deutschen

Der Großteil der Geflüchteten lernt gerade noch. Deswegen äußern sich die einzelnen Branchen sehr vage zu der Frage, ob es am Ende auch klappt. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks kann über die allerersten Jahrgänge sagen, dass im Handwerk drei von vier Azubis aus den acht häufigsten Asylländern ihre Prüfung meistern. Das liege etwas unter der Erfolgsquote von Deutschen (90 Prozent) und von Ausländer insgesamt (81 Prozent).

Konzerne wie die Deutsche Post und Bahn sehen keine Unterschiede zwischen ihren Azubis, wie sie auf Anfrage mitteilten. Große Firmen haben allerdings auch eher die Möglichkeit, Nachhilfe zu bezahlen, den Azubi für einen Nachmittag freizustellen, damit er mehr lernt, oder ein Mentoring-Programm zu entwickeln. Der Betreuer schaut dann mal die letzte Klausur durch. Nöte werden frühzeitig angesprochen.

Sandra Warden ist Geschäftsführerin im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband und kennt eine andere Wirklichkeit. Von den Betrieben, die der Dehoga vertritt, gebe es „deutliche Hinweise darauf, dass Geflüchtete relativ häufig aufgrund von Sprachschwierigkeiten ihre Abschlussprüfung nicht bestehen“, sagt sie. Die Mädchen und Jungen verstünden die Fragen oft nicht. Wenn sie ein zweisprachiges Wörterbuch benutzen dürfen – was sehr selten erlaubt ist – reiche die Zeit nicht aus, um das Nötigste nachzuschlagen. Außerdem fehlten darin Fachbegriffe. Manche Azubis haben deswegen enorme Angst vor den Prüfungen oder würden vorher schon aufgeben, weil sie dem Unterricht nicht folgen können. „Das ist sehr bedauerlich“, sagt Sandra Warden. Die Betriebe seien immerhin mit der praktischen Leistung überwiegend zufrieden und die mündlichen Deutschkenntnisse reichten aus.

Aufgaben sollen einfacher gestellt werden

Der Dehoga spricht sich deswegen für leichtere Formulierungen aus und für einen Nachteilsausgleich – ohne dass deutschsprachige Auszubildende benachteiligt werden. Das wollen auch viele Unternehmen in der Industrie und im Handel. Die Geflüchteten hätten dann 30 Minuten mehr Zeit. Bislang steht das nur Mädchen und Jungen mit Behinderung zu. Der DIHK berichtet außerdem, dass ihre Prüfungsaufgabenstelle inzwischen verstärkt auf kürzere, weniger verschachtelte und klarere Sätze achtet.

Das Berliner Oberstufenzentrum Kraftfahrzeugtechnik wird von Ronald Rahmig geleitet. Er ist außerdem Vorstand des Berufsschulleiter-Verbands und halboptimistisch was den Erfolg der Geflüchteten betrifft. Für die Lehrer sei das unterschiedliche Sprachniveau eine Herausforderung, die immer heterogener werdenden Klassen. Sie würden gerade außerdem sämtliche Materialien sichten, um den Unterricht verständlicher zu gestalten. „Das wäre zwar eh zwingend notwendig gewesen, bedeutet gerade aber mehr Arbeit“, sagt Rahmig.

150 seiner 2000 Schülerinnen und Schülern haben einen Fluchthintergrund. Ein Teil von ihnen sei mit schulischen Vorerfahrungen nach Deutschland gekommen, auch was Mathe betrifft, und habe die Sprache hier gut erlernt. Diese Mädchen und Jungen seien motiviert, kämen gut mit. „Wenn jemand abbricht, dann deswegen, weil er schnell mehr Geld verdienen muss und irgendwo jobbt“, sagt der Schulleiter. Es gebe aber auch ein paar Geflüchtete, die gänzlich ohne Basiswissen in ihrem Betrieb eingestellt worden seien. „Keine Ahnung, wie da im Alltag kommuniziert wird“, erzählt Rahmig. Bei ihnen sei er nicht so zuversichtlich.

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